Windelband an Benedetto Croce, Heidelberg, 3.11.1911, 4 S., hs. (lat. Schrift), mit Briefumschlag an: Sr Illustrissimo | Sr Benedetto Croce | Senatore des [!] Regno | 23 Via Atri | Napoli | Italien | fr[anco], mit Poststempel HEIDELBERG | 3.11.11. 7–8 N | *1 i, Fondazione Biblioteca Benedetto Croce Neapel, 1911/1672
Heidelberg, 3.11.11.
Hochgeehrter Herr,
Der Uebersendung meiner Geschichte der Philosophie[1], für deren freundliche Aufnahme ich bestens danke, hätte ich gern einen Brief hinzugefügt, der mir schon lange am Herzen lag: aber ich musste damals mich wegen einer Bronchitis schonen, die durchaus vor dem Beginn der Vorlesungen beseitigt sein sollte. Nun kann ich heute damit beginnen, Ihnen meinen Glückwunsch und meine Freude darüber auszusprechen, dass das Freiburger Universitätsfest willkommenen Anlass dazu gegeben hat, durch den Ehrendoctor der Philosophie[2] die geistige[a] Gemeinschaft auszudrücken, in der wir uns mit Ihnen fühlen. Für mich sind diese Beziehungen in letzter Zeit besonders lebhaft gewesen. Während eines langen Ferienaufenthalts in der Schweiz[3] | habe ich wissenschaftlich fast nichts Anderes gelesen, als nochmals Ihr Buch[4] neben der Scienza nuova, deren erster Band ich gerade beim Abreisen empfing; und ich bitte Sie meinen Dank dafür vorläufig auch Herrn Fausto Niccolini[5] zu übermitteln, der sich der schwierigen Aufage der Herausgabe in so mühevoller und sachkundiger, darum aber auch so erfolgreicher Weise unterzogen hat. Dies Studium hat mir nun durchaus dasjenige bestätigt, was ich im Anschluss an Ihr mir ja besonders liebes Buch in meine Geschichte eingefügt habe. Deren erster Band war im Laufe des Sommers gedruckt worden, und es blieb mir nur übrig, als die Korrektur im Juli bis zum letzten Bogen fortschritt, im | Text eine kleine Aenderung vorzunehmen und die Anmerkung hinzuzufügen. Wenn ich im nächsten Jahre mein Lehrbuch neu herausgebe, werde ich dort die Konsequenzen ziehen und Vico die Stellung anweisen[6], die Ihre Untersuchungen für ihn genommen haben. Jetzt habe ich mich mit jener Anmerkung[7] begnügen müssen; leider hat dann der Druck des zweiten Bandes sich noch so lange hingezogen, dass ich Ihnen erst jetzt das Ganze senden konnte.
Wenn Sie bedenken, was ich in diesem Sommer für Praeludien und Geschichte an Korrekturen habe lesen müssen, so werden Sie auch ein Anderes entschuldigen, was mir Ihnen gegenüber peinlich ist. Neue Auflagen sind ja etwas Erfreuliches, aber auch etwas Unerfreuliches, indem sie die Arbeitszeit und Kraft stark | belasten. Einmal muss man doch solch ein Buch vor dem Druck noch einmal prüfend durchgehen, und eine[b] Korrektur lese ich auch grundsätzlich. So bin ich denn, zumal da nach einer Krankheit vom vorigen Winter[8] meine Leistungsfähigkeit mehr durch die von den Aerzten verlangte Vorsicht als durch meinen Gesundheitszustand selbst erheblich vermindert ist, noch nicht dazu gekommen, die Uebersicht über die Logik[9] abzuschliessen, die ich Ruge für die Encyclopädie zugesagt habe. Das ist mir sehr schmerzlich, weil dadurch auch das Erscheinen Ihres Beitrags[10] verzögert wird, und ich bitte dafür um Ihre Entschuldigung: ich werde jetzt alles daran setzen, um meinen Beitrag in kürzester Zeit abzuschliessen.
Mit meiner ergebnen Empfehlung an Herrn Nicolini bin ich in vorzüglicher Hochachtung wie stets der Ihrige
W Windelband