Windelband an Heinrich Rickert, Heidelberg, 27.3.1911, 3 S., hs. (lat. Schrift), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_86
Heidelberg, 27.3.11.
Lieber Freund und Kollege,
Ein Telegramm von Enriques ist der nächste Anlass dieses Schreibens. Es war meine Absicht, auf den Kongress von Bologna[1] zu gehen, eine Höflichkeitspflicht als Erwiderung darauf, dass er das letzte Mal bei mir getagt hat, und ich hatte natürlich auch einen Vortrag[2] angemeldet, der in der ersten Sitzung am 6.t April gehalten werden sollte. Nun hat mir aber Krehl[3] einen Strich dazwischen gemacht. Meine Atmungsorgane sind noch so empfindlich, dass ich bei dem lang dauernden Winter nicht die weite Reise in das kühle und zugige Bologna wagen soll. Daher habe ich abgeschrieben, und nun depeschiert mir Enriques „verzweifelt“, ich möchte Sie oder Simmel zum Ersatz[4] bitten. ich kann ihm nachfühlen; mir ist es 1908 mit Bergson[5] und Lipps geradeso, ja noch schlimmer gegangen, weil die noch | viel näher am Termin erst absagten. Leider darf ich ja nun wohl Ihnen die Bitte kaum vortragen; ich weiss ja, wie es mit den Reisen bei Ihnen steht; ich habe auch Enriques gleich geantwortet, dass ich von Ihnen keine Zusage[6] erwarte. Aber ich beeile mich doch, Ihnen die Sache vorzutragen und bitte nur, dass Sie baldmöglichst, vielleicht, wie Enriques wünscht, telegraphisch ihm Ihre Entscheidung mitteilen. Denn es hat in der Tat Eile. Mir tut es aufrichtig leid; nachdem auch Eucken und Riehl abgesagt haben, ist zu befürchten, dass wir nur durch zweite und dritte Garnitur vertreten sind; und das ist doch nicht gut. Auch würde ich manchen dort gern gesprochen haben, z. B. Bergson, (falls er kommt, was immerhin nicht sicher!) oder Croce, der mir | eben seinen Band über Vico gewidmet[7] hat, worin er eine völlig neue Auffassung und Wertung des Mannes begründet haben will. Auch würde ich ja wohl in Bologna Mehlis und Kroner[8] getroffen haben, denn die werden es sich doch nicht entgehen lassen, dort für den Logos und für die Begründung der italienischen und französischen Redaction zu wirken.
Statt also auf diesen Ocean, werde ich nun still auf gerettetem Boot nach – Baden-Baden treiben. Sobald meine Frau, die sich wieder einen Rheuma-Anfall zugelegt hat, reisefähig ist, werden wir dahin aufbrechen; ich hoffe am Mittwoch[9]. Sollte Hensel noch bei Ihnen sein, so bitte ich es mir mitzuteilen; er hat mir 30–31 März Baden[-Baden] als seine Adresse angegeben. Das wird voraussichtlich gerade stimmen. ich habe eben angesichts der scheinbaren Wetterbesserung im Badischen Hof[a][10] Zimmer bestellt.
Ueber Sokrates[11] ein ander Mal! ich werde eben unterbrochen und möchte dies gern bald bei Ihnen wissen!
Mit getreuem Gruss der Ihrige
W Windelband