Windelband an Benedetto Croce, Heidelberg, 25.3.1911, 4 S., hs. (lat. Schrift), Fondazione Biblioteca Benedetto Croce Neapel, 1911/1-4
Heidelberg, 25.3.11.
Sehr verehrter Herr,
Mit freudigem Danke habe ich Ihre Sendung erhalten, – eine ganze Vico-Bibliothek[1], ein Gesamtwerk von staunenswerter Arbeit und Leistung, und darunter den Band, den ich Ihrem gütigen Wunsch zufolge noch in besonderem Sinne mein eigen[2] nennen darf. ich bin stolz darauf, meinen Namen mit einem Buche verbunden zu sehen, das die wertvolle Aufgabe hat, einem Denker späte Gerechtigkeit zu erweisen und die Bedeutung des nur nach einer gewissen Richtung gewürdigten in vollem Umfange herzustellen. Und ich bin, da Sie das unternommen haben, nicht zweifelhaft, dass es mit gutem Grund geschieht. Es ist den Historikern der Philosophie ja schon an mehr als einem Punkte ähnlich | ergangen. So hat, bei uns wenigstens, lange Zeit Hobbes lediglich als der Staatsphilosoph des Absolutismus gegolten: erst in den letzten Jahrzehhnten ist die centrale Stellung erkannt, die er in der Entwicklung der mathematischen Naturphilosophie, der Associationspsychologie und der empiristischen Ethik einnimmt. Nach solchen Erfahrungen bin ich darauf gefasst, auch Vico eine ganz andere Stelle einzuräumen[3] als bisher. Deshalb bin ich auf das Studium Ihres Buches im höchsten Masse begierig: ich nehme es dazu nach Baden-Baden mit, wohin ich in diesen Tagen gehe. Der Winter hat mir eine böse Erkrankung gebracht; ich habe | mit Ende Januar meine Vorlesungen einstellen müssen und habe auch die Reise an die Riviera aufgeben müssen, die ich für den März in Ausssicht genommen hatte. Die Aerzte bestanden wohl mit Recht darauf (und die Erfahrung dieses Monats hat es bestätigt), dass die Wahrscheinlichkeit besseren Wetters an der Riviera im Frühling nicht gross genug ist, um die Bedenken aufzuwiegen, welche bei der Angegriffenheit und Empfindlichkeit meiner Atmungsorgane einer weiteren Reise im Wege stehen. Dasselbe Argument steht nun aber auch meiner Fahrt nach Bologna[4] entgegen, zumal da Bologna um diese Zeit noch recht kühl und da es immer windig ist, und da in diesem Jahre der Winter ungewöhnlich lange zu dauern scheint. Redlich habe | ich gegen diese Argumente gekämpft, aber sie schliesslich anerkennen müssen, und so habe ich zu meinem grossen Bedauern abschreiben müssen. Es tut mir sehr leid, dass ich Herrn Enriques in einige Verlegenheit bringe, besonders da auch Eucken und Riehl abgesagt haben: aber bei mir ist es in der Tat force majeure[5]. Am meisten aber bedauere ich dabei, dass ich so des Wiedersehens mit Ihnen verlustig gehe, auf das ich mich sehr gefreut habe. Für den Kongress bin ich glücklich, dass Sie ihn besuchen, ich hatte schon schmerzlich Ihren Namen unter den Ankündigungen vermisst[6]. Die Hoffnung, Sie wiederzusehen, gebe ich nicht auf, es wird sich schon andre Gelegenheit dazu finden. Für heute wiederhole ich nochmals meinen aufrichtigen Dank für Ihre Zusendung und für die Ehre, die Sie mir durch die Widmung angetan haben, und zugleich den Ausdruck vorzüglicher Hochschätzung, mit der ich verbleibe Ihr ergebenster
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