Windelband an Paul Siebeck, ohne Ortsangabe, 5.5.1910, Text nach einer Transkription von Klaus Christian Köhnke[1], Umfang und Besonderheiten nicht bekannt, Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488
[5.5.1910][2]
Hochgeehrter Herr Doctor,
Die Nachricht von dem guten Absatz der „Praeludien“ hat mich natürlich ganz ausserordentlich gefreut; und ich danke Ihnen wie immer für den regen Vertrieb, mit dem Sie die Verbreitung meiner Bücher besorgen! Für die neue Auflage stehe ich natürlich im Herbst gern zur Verfügung; ich hoffe noch Einiges beizutragen, und wir könnten vielleicht aus aesthetischen Gründen an die Verteilung auf zwei Bändchen[3] denken. Die neue Akademierede[4] über den Hegelianismus werden wir freilich kaum aufnehmen dürfen. Sie gehört ja gewissermassen der Akademie und erscheint zunächst in deren Sitzungsberichten. Voraussichtlich macht dann Winter[5] von seinem Rechte, Separatabzüge verkäuflich herzustellen, Gebrauch. Aber ich hoffe, Anderes hinzuzufügen! gut ist es ja wohl immer, wenn die neue Auflage auch ein oder das andre neue Stück bringt.
Zum ersten Heft des Logos[6] kann ich Ihnen, wie damals hinsichtlich der äusseren Erscheinung, so jetzt auch betreffs der inneren Gestaltung gratulieren. Es macht sich im Ganzen recht gut und reichhaltig. Die beiden Ausländer – Boutroux und Croce – sind allerdings mehr dadurch, dass die Namen als solche vorhanden sind, als durch den Wert ihrer Beiträge willkommen, die leider ziemlich dürftig ausgefallen sind. Das Kabinettstück ist Simmel’s allerliebste Caprice zur Metaphysik des Todes.
Was den Streit der Redacteure anlangt, so ist mir jetzt durch persönliche Verhandlung gelungen, ihn wenigstens formell zu schlichten: Mehlis und Ruge haben mir eine gemeinsame Erklärung[7] unterzeichnet, durch die, wie ich hoffe, die persönliche Schärfe und Bitternis aus dem Verhältnis ausgeschieden wird. Es war ein Rattenkönig von Missverständnissen[8] und von sachlichen Notwendigkeiten, die beide zugleich durch die starke Aktivität hervorgerufen zu sein scheinen, mit der Rickert in die Leitung des „Logos“ eingetreten ist und die ja wohl anfänglich von den jungen Begründern nicht in Aussicht genommen war. Jedenfalls hoffe ich wie ich wünsche, dass die Sache so weitergeht wie sie aussichtsvoll begonnen hat. Für das zweite Heft werde ich meine Münchner Rede[9] zu einem Artikel zustutzen; ich denke, die Pfingstferien geben wohl dazu die Musse.
Mit den aufrichtigsten Grüssen wie stets Ihr hochachtungsvoll ergebner
W Windelband