Windelband an Heinrich Rickert, Bordighera, 25.3.1910, 12 S., hs. (lat. Schrift), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_75-77
Bordighera, Hôtel Angst[1] 25.3.10
Lieber Freund,
In der unvergleichlichen Schönheit des hiesigen Frühlings haben meine Frau und ich nach Not und Mühsal des bewegten Winters eine goldige Ruhe gefunden, und ich könnte ganz zufrieden dahinleben, wenn mich nicht das Schicksal des Logos beunruhigte. Noch immer weiss ich nicht, ob Ruge an seiner Absicht des Verzichts[2] festgehalten, ob er die gewünschte Erklärung abgegeben und damit die Sache wenigstens formell und vorläufig ins Reine gebracht hat. Das beunruhigt mich um so mehr, als die Bedenken, die ich in unbestimmter Weise gegen die Richtigkeit des Ausgangs fühlte und Ihnen in meinem Billet vom 15.[3] d[es] M[onats], nachdem ich Ruge gesprochen, wohl schon angedeutet habe, nun durch die Briefe Siebeckʼs, die mir nachgeschickt worden sind, | in hohem Masse gesteigert werden. Und zwar gerade dadurch, dass die peinliche Ungewissheit, in der ich mich gegenüber den kontradiktorischen Differenzen der Auffassung von zwei Männern wie Ruge und Mehlis befand, durch Siebeckʼs Mitteilungen[4] völlig gehoben ist: es bleibt kein Zweifel, dass sachlich Ruge durchaus im Rechte war. Das ist ja auch die Ueberzeugung von Lask, den ich zu meiner Freude zuletzt kurz vor meiner Abreise – leider erst da – zu sprechen bekam.
Siebeck schreibt mir[5], dass er seine Auffassung der Sach- und Rechtslage wie mir, so auch Mehlis in einem ausführlichen Briefe am 17. d[es] M[onats] auseinandergesetzt hat, und da ich annehmen darf, dass Ihnen Mehlis dies wichtige Schriftstück mitgeteilt hat, so kann ich über dessen Inhalt kurz sein. Es steht also fest, dass in dem Verlagsvertrag vom 23. Febr[uar] ausgemacht ist, der Logos werde herausgegeben von Kroner, Mehlis | und Ruge. Es steht ebenso fest, dass Mehlis am 25. Febr[uar] an Siebeck geschrieben hat[6]: „Heute nur die eilige Nachricht, dass wir uns[a] schliesslich noch dahin entschlossen haben, auf die Aussenseite des Titels nur den Namen des geschäftsführenden Redacteurs zu setzen.“ Siebeck legt Gewicht darauf, und mit Recht, dass dies „wir“ von ihm nur auf die Redaction gedeutet werden konnte und er also das Einverständnis von Kroner und Ruge für diese Veränderung annehmen musste. In Wahrheit aber war Ruge garnicht danach gefragt worden: als er deshalb das gedruckte Titelblatt in die Hand bekam und damit dahinterkam[b], was gegen ihn im Werke war, protestierte er sofort bei Mehlis und bei Siebeck; dieser kam sogleich nach Heidelberg und erklärte in der Unterredung, der ich leider nicht beiwohnen konnte, dass er nicht darein willigen werde, dass der Vertrag ohne Rugeʼs Zustimmung einseitig von Mehlis geändert werde. Das hat er auch Mehlis mitgeteilt.
Danach ist garkeine Frage, dass Ruge schweres | Unrecht[7] widerfahren sollte. Nun hat sich Mehlis Siebeck gegenüber darauf berufen, es sei Ihr ausdrücklicher Wunsch, dass Rugeʼs Name nicht auf der Vorderseite des Titels genannt werde. Wie dieser Wunsch begründet ist, weiss ich nicht; ich vermute, dass Sie damals von der Persönlichkeit Rugeʼs eine andre Vorstellung hatten, als die, welche Sie mir nach der persönlichen Verhandlung mit ihm am 10. d[es] M[onats] zu meiner Freude aussprachen. Aber wie dem auch sei, wenn Sie diesen Wunsch äusserten, so war es die Pflicht von Mehlis, Ihnen mitzuteilen, dass der Erfüllung dieses Wunsches der rechtskräftige Vertrag entgegenstand (nicht etwa bloss jene „Abmachungen“[8] der sog[enannten] internationalen Kommission, die Sie für so irrelevant halten) – ein rechtskräftiger Vertrag, der nur mit Zustimmung aller Beteiligten geändert werden konnte. Wären Sie damals über diese Lage der Dinge vollständig orientiert worden, so würden Sie gewiss nicht | gebilligt[c] haben, dass man versucht Ruge aus der Herausgabe auszuscheiden, ohne seine Zustimmung einzuholen, ja ohne ihn davon in Kenntnis zu setzen. Auch die Berufung auf Ihren Wunsch entlastet also Mehlis nicht.
Nun hat ja dann Ruge seine Sache, die für ihn so sicher lag, durch den masslosen Ton seines Briefs an Mehlis verdorben. Es ist ihm, wie wohl schon sonst, geschehen, dass er durch die Leidenschaftlichkeit seines Draufgehens sich formell ins Unrecht setzte, wo er sachlich im Recht war. Dafür entschuldigt ihn in meinen Augen auch die Schwere des Unrechts nicht, durch das er gereizt war. Und er hat es gründlich gebüsst! Er gab damit seinem Gegner die stärkste Waffe in die Hand: durch diese Briefe wurde bei Ihnen die völlig abweisende Stimmung gegen Ruge hervorgerufen, in der Sie meine Anfrage beantworteten: und diese Ihre Auffassung war es dann wieder, die mich an der Sicherheit der Position von Ruge, der seine Sache mir nur kurz und mündlich vorgetragen hatte, derart irre gemacht | hat, dass ich nicht so für ihn eintreten konnte, wie ich es getan haben würde, wenn ich den Sachverhalt gekannt hätte, wie ihn Siebeck jetzt dokumentarisch darlegt.
Wenn Ruge die Erklärung abgegeben hat, die Mehlis nachträglich von ihm (durch Ihren Brief an mich) verlangte, so hat er sein Unrecht, soweit es ging, seinerseits wieder gutzumachen gesucht. ich habe ihm damals dazu zugeredet, weil mir alles daran lag, die von Ihnen getroffnen und gewünschten Massregeln nicht zu stören und möglichst zum Frieden zu reden. Aber ich verbarg mir – ich denke, ich habe das Ihnen auch angedeutet – keineswegs, dass das ihm sehr viel zugemutet hiess, und dass er damit bis an die äusserste Grenze entgegenkam. Hätte ich die Sache damals so gekannt, wie heute, so weiss ich nicht, ob ich es für recht gehalten hätte, ihm dazu zu raten, – ich würde dann wenigstens die | Bedingung gestellt haben, dass Mehlis eine entsprechende Erklärung seinerseits abgebe. Und ich halte das noch heute für seine Ehrenpflicht. Auch er muss in irgend einer Form sein Unrecht eingestehen; er mag Ihnen oder mir erklären, dass er sich überzeugt habe, dass sein Verhalten geignet war, Rugeʼs Rechte zu beeinträchtigen. So oft ich hier jetzt, ganz in der Stille und Entfernung die Sache und ihren Ausgang bei mir erwogen habe, – immer ist mir dieser Ausgleich als das Einzige erschienen, was der Gerechtigkeit Genüge tun würde. Indem ich Ihnen, lieber Freund, dies unterbreite, hebe ich hervor, dass es nur mein persönlicher Wunsch ist, dass lediglich ich für mich selbst dabei den Zweck verfolge, mit reinem Gewissen aus der trüben Sache herauszukommen. Ruge ahnt von diesem Gedanken nichts: ich bin ja erst hier darauf gekommen, nachdem mir Siebecks Briefe Klarheit verschafft haben. ich werde auch nichts darüber sagen, wenn Sie den Vorschlag von sich weisen oder Mehlis nicht | darauf eingeht; ich will nur meine wohlerwogene Pflicht tun und für ich völlige Klarheit in der Sache schaffen. –
Es ist mir, lieber Freund, herzlich schwer geworden, Ihnen dies alles zu schreiben; es geht ja z. T. darauf hinaus, dass ich jetzt die Sache[9] anders auffassen genötigt bin, als Sie es unter der Darstellung von Mehlis getan haben. Aber ich glaube, dass Sie nach dem Brief von Siebeck an Mehlis doch auch die Sache von neuem geprüft haben werden, und ich habe diese Darlegungen des Verlegers immer wieder kritisch durchgelesen und bin immer wieder zu dem Schlusse gekommen, dass sich daran nichts rütteln lässt, und dass daraus die Konsequenzen gezogen werden müssen. Am peinlichsten war mir dabei immer das Gefühl, wie die klugen und klaren Geschäftsaugen des Verlegers diese unerfreulichen Streitereien unsrer jungen Leute durchdringen und überschauen müssen, – ein Gefühl recht niederdrückende und beschweren|der Art[d]. Und das bleibt mir deshalb auch der Zukunft des „Logos“ gegenüber bestehen, wenn nicht gründlich Wandlung geschaffen wird. Darüber noch ein Wort, – wenn es auch wahrscheinlich schon überholt ist. Denn es muss doch inzwischen die Sache irgendwie entschieden sein; ich warte mit Spannung auf Nachricht. Wenn es so geworden ist, wie es bei Ihrer Verhandlung mit Ruge in Aussicht genommen war, so wird es m. E. so nicht Bestand haben können. ich verstehe, offen bekannt, nicht, wie Ruge dabei bleibt, nur zum Schein in der „Redaction“ zu stehen und sich aller sachlichen Ingerenz[10] zu begeben. Auch davon habe ich ihm, um Ihre Abmachungen nicht zu stören, nicht abraten wollen. Auf die Dauer geht das aber nicht. Und es sollte mir doch für den Logos leid tun, wenn Ruge ganz und dauernd ausschiede. Er ist eine starke Arbeitskraft, hat ein klares, scharfes, oft zu scharfes, aber ein von keiner Sentimentalität getrübtes Urteil, und er ist vor allem ein Organisations|talent ersten Ranges. Nur die Kehrseite davon ist das Herrische und Autokratische an ihm, das seine Mitarbeiter überall schwer empfunden haben. Das würde natürlich, wenn er pari passu[11], mit Mehlis zu wirken hätte, früher oder später doch hervorgetreten sein. Und nach allem, was jetzt vorgegangen ist, erscheint ja ein gedeihliches Zusammenwirken von beiden nicht mehr möglich, – es sei denn, dass beide einer höheren Autorität unterstünden. So käme ich auf die Lösung zurück, die ich Ihnen schon andeutete, weil ich hoffte, dass Sie selber darauf ausgingen: Sie müssten die Herausgabe selbst übernehmen; die technische Arbeit könnten als Redacteure Mehlis und Ruge leisten, vorausgesetzt, dass Alles zwischen Ihnen so ausgeglichen wäre, wie es dazu erforderlich ist. Diese Lösung hätte vor allem den Vorzug, wahr zu sein: denn Sie sind doch die Seele des Logos[12], | Sie wollen es sein, und Sie sollen es sein. Und Ihr Name auf dem Titel wäre schon eine gewonnene Schlacht. Damit müsste, denke ich, auch Siebeck einverstanden sein. Wenn es noch Zeit ist, überlegen Sieʼs!! ich mache diesen Vorschlag, den ich nun schon seit einer Woche bei mir allein erwäge, wohlüberlegt auch im Interesse der Zukunft des Logos, für die ich unter den jetzigen Verhältnissen nicht ohne Sorge bin. Indessen, wie gesagt, vielleicht ist es ja dazu schon zu spät. Nun, da ich über den Ausgang ohne alle Nachricht bin, – das letzte ist für mich ein Brief von Siebeck vom 19.[13], wonach von Ruge noch keine Entscheidung bei ihm eingelaufen war und er sich grosse Sorge um den Ausgang machte –, so geht es mir durch den Kopf, was ich wohl sagen würde, wenn man mich um Rat fragte. Seien Sie also nicht unwillig, wenn ich mir unnötig Ihre Köpfe zerbrochen habe; Sie sehen darin nur das aufrichtige | und herzliche Interesse, mit dem ich für den Logos den Ausweg aus dieser ersten schweren Krise suche. Und mein Interesse für den Logos, das wissen Sie, gilt doch im Grunde genommen Ihnen!
Möchten die Ostertage[14] Sie schon in der glücklichsten Lösung aller Schwierigkeiten finden! ich werde mich innig freuen, wenn ich es höre!
In alter herzlicher Gesinnung der Ihrige
W Windelband