Windelband an Heinrich Rickert, Heidelberg, 16.11.1909, 3 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen R. DIEFFENBACHER | HEIDELBERG, UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_68
Heidelberg, 16.11.09
Verehrter Freund,
Verzeihen Sie, dass ich auch heute nur ganz kurz und eilig antworten kann; vor dem 22t, unserm Stiftungsfest[1], finde ich keine ruhige Stunde.
Beim „Logos“ ist mir nicht ganz behaglich[2] zu Mute; zwei Dinge machen mich bedenklich: 1) der religiöse Einschlag – Messias[3] – Logos – die Gefahr der Neuromantik, vor der unsere heutige geistige Lage mit aller Energie geschützt werden sollte, 2) die Internationalität, die doch bisher wesentlich darin besteht, dass ein paar unsrer russischen Zuhörer sich mit den einheimischen angefreundet haben. Die Garantien für einen dauernden Bestand internationalen, allgemeinen Zusammenarbeitens müssten doch wohl da sein, bevor wir unsre Namen dazu gäben.
Beiträge[4] kann ich fürʼs erste garnicht ver|sprechen. ich bin in der schlimmsten literarischen Verschuldung, die denkbar ist. Das ist auch der einzige Grund, weshalb ich die Wiederwahl zur I. Kammer abgelehnt[5] habe; ich kannʼs meiner Gesundheit nicht mehr zumuten und nicht mehr der Pflicht gegen das, was ich eigentlich noch leisten möchte. Die Bleikugeln der Neuauflagen[6] hängen so wie so an mir, und ich bin in den Jahren, Zeit und Kraft zusammenzunehmen. Da muss man abwägen, was am ehesten lassen kann. Darum habe ich schon im Sommer erklärt, ich möchte nicht wieder gewählt werden. Aber eine Anzahl Kollegen scheint doch gemeint zu haben, ich | liesse mich wohl noch nötigen. So sind wir in die komisch irrationale Lage geraten, dass ich in Stichwahl mit dem stehe, den ich als meinen Nachfolger vorgeschlagen habe, mit Troeltsch[7]. Mein Entschluss ist aber fest.
Eiligst, mit herzlichem Gruss der Ihrige
W Windelband