Windelband an Heinrich Rickert, Heidelberg, 15.5.1909, 4 S., hs. (lat. Schrift), Wasserzeichen R. DIEFFENBACHER | HEIDELBERG, UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_64
Heidelberg, 15.5.09
Verehrter Freund,
Für Ihre liebenswürdigen Glückwünsche[1] herzlichen Dank! ich erwidre sie mit dem aufrichtigen Wunsche, dass Ihre Gesundheit Ihnen bald vergönnen möge, die logische Arbeit zu vollenden[2], auf die wir alle mit Schmerzen warten! Aber auch dem Vorschmack, den Sie uns in den Kantstudien[3] bieten wollen, sehe ich mit grossem Interesse entgegen. Und nicht ohne Neid! – wenn ich bedenke, wie ich nun wieder ein Jahr lang durch die Rectoratsgeschäfte behindert und für die frei bleibende Zeit durch neue Auflagen[4] in Anspruch genommen bin. Es wird für mich nachher sehr nötig sein, höchst haushälterisch mit meiner Zeit zu werden.
Ihre Nachrichten über Hamburg[5] beschäftigen mich sehr. ich bekam heute von der Oberschulbehörde einen Abdruck ihres Antrags[6] hinsichtlich der neu zu begründenden Professuren. Daraus ersehe ich nun mit hoher sachlicher Freude, dass | der philosophischen eine über das, was mir früher mitgeteilt war, weit hinausgehende centrale Stellung zugewiesen und dass sie in einem Stile gedacht wird, nach welchem überhaupt nur Sie in Betracht kommen können. Für keinen der sonst damals zu nennenden[7] würde ich nach diesem Entwurf mehr die Verantwortung übernehmen. Deshalb halte ich es allerdings auch für äusserst unwahrscheinlich, dass der Ruf an Sie ergehen wird; und ich hoffe, es wird eintreten, was mir damals als möglich angedeutet wurde, dass nämlich bei einer „grossen“ Berufung noch weitere Mittel über den zunächst (auch in diesem Antrag) vorgesehenen Durchschnittssatz (8–10 000 M.) hinaus flüssig zu machen wären. Jedenfalls wünsche ich Ihnen einen tüchtig substantiierten Ruf[8]! Wenn er kommt, ists ja schwierig genug für Sie. Vor allzu grossen Repräsentationspflichten brauchten Sie, glaube ich, dort keine Furcht zu haben. | Um so mehr vor dem Verlassen des akademischen Milieus. Aber dem stünde ja wieder der Reiz entgegen, dort an der Bildung eines solchen entscheidend mitzuwirken. Mit der badischen Regierung würde ich in diesem Falle leider kein Mitleid haben können, noch weniger mit den Freiburger Herren, die über unsre Raubgier so geschrieen haben und die ja wohl zum grossen Teil solche waren, die davor, dass Heidelberg sich an ihnen vergriffe[9], sicher sein durften. Uebrigens ist formell unser Vorschlag noch immer nicht erledigt: das soll erst geschehen, wenn die drei Berufungen auf den preussischen Universitäten[10] entschieden sind!! M[it] a[nderen] W[orten] wie der Fall Troeltsch[11] läuft. Dabei bemerke ich, dass, wenn meine Informationen richtig sind, Heinr[ich] Maier zwar in Goettingen, aber nicht in Berlin vorgeschlagen[12] ist, obwohl dort Jemand in der Angst sogleich entdeckt hatte, dass die Psychologie des emotionalen Denkens[13] das genialste Werk der gegenwärtigen Philosophie sei!! Ach, es wäre Alles zum Lachen, wenn es nicht so gräulich traurig wäre. |
Das Rugeʼsche Projekt[14] ist aus den Wünschen des Kongresses[15] hervorgegangen, der die Sache auf die nächste Tagung (Bologna 1911) verschob. Dort würde sie zweifellos in romanische Hände fallen, und ist der Versuch, ein Fait accompli[16] zu schaffen, nicht zu missbilligen, – vorausgesetzt, dass, wie ich besonders betont habe, keine eignen Recensionen, sondern nur mit möglichst gesicherter Vollständigkeit die Titel der erschienenen Bücher, höchstens mit kurzen Selbstanzeigen[17], und ganz objektiv die schon erschienenen Besprechungen registriert werden. Nur zur internationalen Dekoration sollen jedem Jahres-Bande ein oder zwei Abhandlungen allgemeineren Inhalts von „Namen“ vorgesetzt werden[18], und ich habe halb und halb zugesagt bei einem der ersten dazu einen Beitrag zu liefern. ich glaube, Sie dürften ohne Gefahr der Sache den Dienst leisten, als Mitarbeiter sich führen zu lassen.
Mit herzlichem Gruss von Haus zu Haus getreulich der Ihrige
Windelband