Windelband an Karl Praechter, Heidelberg, 14.3.1909, 4 S. (lat. Schrift), Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt Halle; Nachlass Karl Praechter, Yi 21 I W 13(1)
Heidelberg, 14 März 1909.
Hochgeehrter Herr Kollege,
Ihre Anfrage vom 6. d[es] M[onats] hat den Weg nach Wiesbaden, wo ich zu einer kurzen Kur[1] weilte, und von da hierher zurück machen müssen, und daher bitte ich freundlichst zu entschuldigen, dass ich sie erst heute beantworte.
Dass für die Besetzung der Ebbinghaus’schen Professur[2] von der einen oder andern Seite Herr Dessoir[3] genannt werden wird, vermuten Sie wohl nicht mit Unrecht: in gewissen Berliner Kreisen ist Dessoir sehr freundlich behandelt und namentlich von Simmel, der weit, weit über ihm steht, in höchst befremdlicher Weise bevorzugt worden. Das Beste, was D[essoir] geleistet hat, ist m[eines] E[rachtens] die zweite Auflage seiner Geschichte der deutschen Psychologie[4]; aber auch ihr fehlt es an eigenen[a] philosophischen, sachlich tief dringenden Auffassungen. Seine aesthetischen Studien, die viel moderne Neigungen zeigen und in den einzelnen | Aufsätzen stark ins Feuilletonistische zu fallen in Gefahr sind, würden mir auch keine Gewähr für eine ernste Vertretung dessen, was die Universität als Philosophie bedarf, bieten. Will man durchaus wieder einen Psychologen haben, so giebt es viel bedeutendere als Dessoir: in erster Linie Osw[ald] Külpe-Würzburg[5], der auch durch seine „Einleitung in die Philosophie“[6] und durch sein Büchlein über Kant[7] bewiesen hat, dass er philosophischen Problemen gewachsen ist; ich sage das, obwohl ich seinen Auffassungen durchaus fern stehe. Weiterhin käme als Psychologe und Aesthetiker lange vor Dessoir der Giessener K. Groos[8] in Betracht, der in glücklicher Weise vielfach eigne Wege gegangen ist; von seiner Lehrtätigkeit habe ich, der ich ihn persönlich nicht kenne, nur Gutes gehört.
Aber muss es denn ein Psychologe sein? Sollte man nicht allmählich auch an den preussischen | Universitäten wieder anfangen, statt der beiden Surrogate – Geschichte und Psychologie – an die Philosophie selbst bei der Besetzung der für sie bestimmten Professuren zu denken? An Männern dazu fehlt es nicht. Warum wollte Ihre Fakultät nicht zuerst auf Rickert zurückkommen, von dessen führender Stellung in der Wissenschaft und glänzender Lehrfähigkeit ich nichts erst zu sagen brauche? Nach ihm käme Husserl[9] an die Reihe, der, seit er Halle verlassen hat, sich zu einer hervorragenden Position entwickelt hat, sodass an seinen „Logischen Untersuchungen“ Niemand mehr vorbeigehen kann, und der in Goettingen, wie ich höre, eine ausserordentlich wirksame, anregende und fesselnde Lehrtätigkeit entfaltet. Sodann ist Simmel zu nennen, der, soweit ihm nicht Vorurteile[10] entgegenstehen, als eine eigenartige Denkerpersönlichkeit und als erfolgreicher Docent anzuerkennen und anerkannt ist. Auch Hensel[11]-Erlangen ist nicht zu vergessen, der zwar von allen diesen | das geringste Mass philosophischer Originalität, dafür aber eine ausgebreitete Gelehrsamkeit, eine gediegene Gesinnung und eine hervorragende Lehrgabe besitzt.
Das ist nach meiner Meinung, die ich übrigens wie Ihnen selbst, so auch event[uell] einer Kommission oder der Fakultät gern zur Verfügung stelle, eine Reihe von stattlichen Vertretern der Philosophie aus der für die wichtige Stellung in Betracht kommenden Generation, und es ist kein Grund vorhanden, diese Professur dauernd der Psychologie zu opfern.
Mit den besten Wünschen für einen der Sache der Philosophie günstigen Ausgang der Verhandlung, – zu weiterer Auskunft gern bereit, – bin ich, sehr geehrter Herr Kollege, in vorzüglicher Hochachtung ergebenst der Ihrige
W Windelband