Heidelberg, 11.6.08[a]
Hochgeehrter Herr Geheimrat,
Im Anschluss an unsre gestrige Unterredung beehre ich mich Ihnen mitzuteilen, dass die schon seit einiger Zeit erwartete „Sociologie“ von Simmel[2] soeben bei Dunker und Humblot erschienen ist. Die Post bringt mir eben mein Exemplar, es ist ein Wälzer von 775 Seiten: soweit ich im ersten Moment durchblätternd beurteilen kann, wieder ein stark persönliches und dabei ein ausgesprochen sachliches Buch, nach Inhaltsverzeichnis und namentlich nach dem „Materienverzeichnis“ am Schluss ein ausserordentlich reiches Buch, das zweifellos in den Mittelpunkt der sociologischen Forschung treten wird, – jedenfalls ein neuer, schwer wiegender Rechtstitel für die Erfüllung unsres Wunsches, diesen Mann für Heidelberg zu gewinnen[3].
Indem ich mir erlaube Sie darauf unverzüglich aufmerksam zu machen, verbleibe ich mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren ergebenster
W Windelband
3↑diesen Mann für Heidelberg zu gewinnen ] der Versuch
Max Webers,
Eberhard Gotheins
u. Georg Jellineks von 1907/08,
Georg Simmel auf das durch Kuno Fischers Emeritierung
u. baldigen Tod frei gewordene 2. philosophische Ordinariat neben Windelband zu bringen, schlug fehl. Weder das bezüglich
Simmels
Einleitung in die Moralwissenschaft mindestens unglücklich formulierte Urteil im Gutachten Windelbands vom 17.2.1908:
zunächst mit äußerst scharfsinniger, aber wesentlich negativer und einreißender Kritik, noch viel weniger aber das offen antisemitische externe Gutachten des früheren Heidelberger, dann Berliner Historikers
Dietrich Schäfer vom 26.2.1908 waren dazu geeignet, die Berufung
Simmels für das Ministerium annehmbar zu machen. Daß Simmel angeblich nur Soziologe sei, war ein weiteres Vorurteil, das seine Berufungschancen herabsetzte. Das Gutachten Windelbands ist mit Kommentar abgedruckt in: Georg Simmel Gesamtausgabe
Bd. 24,
S. 277–283, die Stellungnahme Schäfers
ebd.,
S. 286–289.
Vgl. die sich auf den Vorgang beziehenden Schreiben
Max Webers in Max Weber Gesamtausgabe
Abt. II,
Bd. 5,
S. 297–299, 308–310, 467–471, 482–483, 492–492, 592–593, die auch
Rickert jede Illusion nahmen, tatsächlich ein Wunschkandidat Windelbands zu sein. 1915 wurde
Simmel noch neben
Heinrich Rickert als Nachfolger Windelbands in Heidelberg ins Auge gefaßt (
vgl. Georg Simmel Gesamtausgabe
Bd. 24,
S. 432–454), jedoch wiederum nicht berufen.
Rickert wurde Nachfolger Windelbands. –
Simmel hatte sich seit 1896 Hoffnungen auf den 2. Heidelberger Lehrstuhl gemacht, vgl.
Simmel an
Georg Jellinek vom 24.5.1896, 11.5.1904, 16.6.1907, sowie die Schreiben an
Jellinek von Februar–Oktober 1908, dazu die Schreiben an Max Weber vom 18.3., 30.4. und 17.7.[6.]1908 (sämtliche in: Georg Simmel Gesamtausgabe
Bd. 22). Noch im Gutachten
Gustav Schmollers für
Simmel zur Berufung nach Straßburg vom 4.11.1913 spielen die Worte Windelbands eine Rolle (Georg Simmel Gesamtausgabe
Bd. 24,
S. 381–383). Im Hintergrund dieser Enttäuschungen steht noch diejenige von
Georg Lukàcs aus Budapest, dem von
Max Weber,
Simmel selbst und anderen direkt geraten wurde, Windelband nicht mit Habilitationsabsichten zu behelligen (
vgl. Georg Lukács Briefwechsel 1902–1917.
Hg. v. É. Karádi
u. É. Fekete. Stuttgart: Metzler 1982, nach Register; sowie die Schreiben Simmels vom 25.5.1912
u. Webers an Lukàcs vom 22.7.1912
S. 288
u. 290–291).