Windelband an Harry Bresslau, Heidelberg, 15.5.1907, 4 S., hs. (lat. Schrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Nachlass Bresslau
Heidelberg, 15.5.07
Lieber Freund und College,
Der Notschrei eines ehemaligen Zuhörers[1] giebt mir die Feder in die Hand: es ist ein Herr Griebel[2], ein wunderlicher Mensch, von sehr gewundenem Lebenslauf und wenig sympathischer Eigenart, sehr bemitleidenswert trotz allem. Er will endlich promovieren und schreibt, dass er mit der Wahl des Staatsrechts als Nebenfach, die ich ihm seinerzeit, d. h. also vor 4–5 Jahren, als möglich bezeichnet hätte, auf Widerstand stosse und daran zu scheitern fürchten müsse. Nun ist es Tatsache, wenn ich mich recht entsinne, dass zu meiner Zeit bei unseren Promotionen Staatsrecht als Nebenfach zugelassen wurde; ich denke, es ist bei Geschichte, aber auch bei Philosophie als Hauptfach wohl geschehen. Es wird daher wohl richtig sein, dass ich dem Herrn Griebel, wie er heute | schreibt, das damals als zulässig bezeichnet habe. Nun weiss ich nicht, ob die Fakultät inzwischen darin eine Aenderung vorgenommen hat. Zu meiner Zeit galt als Princip, das mindestens zwei Examinatoren unsrer Fakultät angehören müssten; im übrigen war, wenigstens für die Philosophie als Hauptfach, die Wahl der Nebenfächer auch aus andern Fakultäten nicht beschränkt: ich habe Physiologie und Physik, Nationalöconomie, theol[ogische] Fächer etc. erlebt. Wenn nun jener arme Kerl nach der damaligen Uebung sich vorbereitet und es aus seiner Misere heraus endlich dazu gebracht hat, zur Promotion zu kommen, so möchte ich Ihnen nahelegen, ob Sie nicht, wenn die Fakultätssatzungen und Uebungen es irgend möglich lassen, Gnade für Recht ergehen lassen und | ihn zulassen wollten. Vielleicht kommt er mit der Promotion doch noch einmal in ein regelrechtes Leben: und das wäre allerdings die einzige Rücksicht, aus der ich mir erlaube, seiner Bitte gemäss bei Ihnen Fürsprache einzulegen.
Meine Nachrichten aus Strassburg sind in den letzten Monaten nur indirect und spärlich gewesen; ich habe ja ein Vierteljahr lang selber nicht schreiben können[3], habe während der Ferien in Wiesbaden Heilung gesucht und gefunden, stecke aber jetzt um so mehr in Arbeiten und leider, wie Sie vielleicht gehört haben, auch in Sorgen um meinen Schwiegersohn[4] Goette und seine Frau. Jetzt scheint es ja bei beiden wieder aufwärts zu gehen. Inzwischen ist mein Sohn ziemlich promotionsreif[5] geworden; er denkt im Juni ins mündliche zu gehen. So kommt er bei Marcks noch unter Dach. Dessen Weggang[6] trifft uns recht schwer; ob es möglich | sein wird, die einzig wünschenswerte Lösung der Frage durchzusetzen, steht dahin. Andrerseits, ob Marcks selbst bei dieser μετάβασις εἰς ἄλλο γένος[7] seine Rechnung finden wird, ist mir auch nicht sicher.
Wie geht es Ihnen? Hoffentlich ist Ihr Herz[8] wieder ganz brav geworden und haben Sie in der Familie nur Erfreuliches erlebt! Mit grossem Interesse habe ich in diesen Tagen in dem Programm des evangelisch-socialen Congresses den[a] Bericht[9] von Ihrem Fräulein Tochter[10] und von Elly Knapp[11] gelesen. Es ist eigen, zu erleben, wie in diesen letzten zehn Jahren allüberall unsre Töchter[12] zu eigner, selbstständiger Berufsarbeit herauswachsen. Es ist ein neues Geschlecht, das seine eignen Wege geht! möge es darauf zu gutem Ziel und Glück gelangen.
In alter herzlicher Gesinnung mit bestem Gruss von Haus zu Haus getreulich der Ihrige
W Windelband