Windelband an Hermann Diels, Heidelberg, 2.3.1907, 2 S., Ts. (als Diktat, mit eigenhändigen hs. Korrekturen und Unterschrift), Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, Slg. Darmst. 2a 1878; acc. Darmst. 1920.250
Heidelberg, den 2. März 1907.
Hochgeehrter Herr Kollege!
Ein rheumatisches Handleiden[1], das mir seit Monaten das Schreiben verboten und mich vielfach gehindert hat, ist der Grund für die Verzögerung, mit der ich Ihnen erst jetzt meinen herzlichen Dank für das freundliche Geschenk Ihrer Rede über die internationalen Aufgaben der Universität[2] ausspreche. Sie hatte mich ganz ausserordentlich interessiert, und ist mir insbesondere hinsichtlich der Frage einer internationalen Hilfssprache wertvoll.
Schon auf dem Genfer Kongress für Philosophie im Jahre 1904 machte sich die Propaganda für dieses Projekt sehr lebhaft bemerkbar, und namentlich Herr Couturat[3], den ich im übrigen als Leibnizforscher und als regen Bearbeiter freilich sehr einseitig aufgefasster logischer Probleme hochschätze, war unermüdlich tätig, die einzelnen für die Sache zu interessieren und womöglich die Gesamtheit dafür zu engagieren. Er hat es auch dahin gebracht, dass ein Komité[4] zur weiteren Bearbeitung des Gegenstandes eingesetzt wurde, worin er natürlich das treibende und bestimmende Element bildet. Er setzt diese Bemühungen inzwischen fort; ich habe schon wieder Mehreres von ihm zugeschickt bekommen, und ich muss befürchten, dass die Agitation in noch grösserem Massstab auf dem 3. internationalen Philosophiekongress[5] hervortreten wird, der im nächsten Jahre in Heidelberg unter meinem Vorsitz tagen soll. Ich setze voraus, dass man versuchen wird, eine bestimmte Entscheidung für eine dieser Sprachen mit einer gewissen inter|nationalen Autorität herbeizuführen, und ich bin gar nicht im Zweifel, dass dafür das Esperanto ausersehen ist.
Nun ist mir der spezifisch romanische Charakter dieser Erfindung, vor allem aber der darauf gerichteten Agitation, gerade in Genf ausserordentlich deutlich geworden, und abgesehen von allen anderen theoretischen und praktischen Bedenken ist auch dies ein Motiv für mich, um jener Agitation so viel wie möglich vorzubeugen und entgegenzuwirken. Sie werden deshalb verstehen, wie überaus erwünscht es mir war, dass Sie an so hervorragender Stelle die Unreife und Verfehltheit des Projektes mit einleuchtender Deutlichkeit gezeigt haben. Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass derartige Aeusserungen den Uebereilungen der Neuerer eine wirksame Hemmung bereiten werden. Aber da ich den Eindruck habe, dass die Agitation – und zwar mit bestimmter Zuspitzung auf Esperanto – bereits sehr weite Wellen geschlagen hat, so meine ich, dass man die Augen dafür recht offen halten soll, und ich glaube, dass es sehr wirksam sein würde, wenn die Akademien ihre Kooperation auch auf diesen Punkt richteten und wenn es dahin zu bringen wäre, dass sie gemeinsam übereilten Entscheidungen prinzipiell entgegenträten.
Mit der Wiederholung meines Dankes verbinde ich die Bitte, das Exemplar der neuen Auflage meiner Geschichte der Philosophie[6], das Ihnen der Verleger in meinem Auftrag zustellt, freundlichst entgegenzunehmen als ein Zeichen der vorzüglichen Hochachtung, mit der ich bin wie stets Ihr ergebenster
W Windelband[a]