Windelband an Paul Siebeck, Strassburg, 4.8.1902, Text nach einer Transkription von Klaus Christian Köhnke[1], Umfang und Besonderheiten nicht bekannt, Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488
[4.8.02][2]
Adresse bis 8. Aug[ust] Strassburg
vom 11. Aug[ust] an Hotel Chalet des Praz. Chamonix
Hochgeehrter Herr Doctor,
Verzeihen Sie, wenn ich Sie bis in Ihre Sommerfrische mit meinen Fragen verfolge: mögen Ihnen im Uebrigen schöne Tage an den wiegenden Ufern des Bodensee’s leuchten! Ich bin mehrmals, freilich immer nur kurz, in Ueberlingen gewesen und habe mich in dem schönen Badhotel sehr wohl befunden.
Ihrem Wunsch, den Goethe-Vortrag in die neue Auflage der Präludien[3] aufzunehmen, gebe ich gern Folge. Ich hatte nicht daran gedacht, weil er ja in dem Bändchen der Vorträge[4] steht. Auf Ihre Anregung aber habe ich mit Prof. Martin[5] Rücksprache genommen, und er ist auch der Ansicht, daß ich darüber frei verfügen kann; und daß auch der Vertrieb jenes Bändchens, der überhaupt nach dem ersten Anlaß minimal ist, durch Aufnahme des einen Aufsatzes in mein Buch nicht beeinträchtigt wird. Der Höflichkeit halber habe ich auch noch eine Briefkarte[a] an Dr. Trübner[6] geschrieben.
Der würde also Nr. 6 werden, das letzte von den historischen Stücken, nach Hölderlin. Außerdem schicke ich noch als 11. Stück, vor der Meditation einzuschieben, eine „Skizze zur Religionsphilosophie“, die schon fast geschrieben ist, also in ein paar Tagen abgeschlossen sein kann.
Unter diesen Umständen würde ich allerdings dafür sein, daß der Neudruck gleich in Angriff genommen würde. Die Revision des Drucks, welche keinerlei Bücher zur Vergleichung erfordert, ist gerade eine Arbeit, wie sie sich für den Aufenthalt in Chamonix vortrefflich eignet. Mein Handexemplar[7] steht mit seinen durchschossenen Aenderungen sogleich zur Verfügung. ich werde es in diesen Ferientagen, vor meiner Abreise – 8. od[er] 9. Aug[ust] – noch an die Buchhandlung in Tübingen absenden und stelle anheim, wann der Druck beginnen wird und in welchem Tempo er fortschreiten soll. Auch ein Exemplar des Goethe-Vortrags schicke ich gleich mit. Natürlich bin ich auch einverstanden damit, daß, wenn wir so mit der neuen Auflage schon auf den Weihnachtsmarkt kommen, die bis dahin noch unverkauften Exemplare der ersten Auflage für die zweite honorarfrei übergedruckt[8] werden.
Die Beschleunigung wäre mir persönlich nicht unerwünscht. Denn es ist zwar durchaus unrichtig, was die Zeitungen von mir fabeln[9], ich hätte einen Ruf nach Heidelberg erhalten und gar schon angenommen: aber richtig ist, wie ich Ihnen vertraulich[b] mitteilen will, daß so etwas auf dem Wege ist. Für den Fall somit, der doch nicht absolut ausgeschlossen wäre, daß nämlich zu Ostern[10] mir eine Unterhandlung bevorstünde, würde ich gern mit den litterarischen Dingen vorher so weit wie möglich kommen; und zu diesem Zwecke nutze ich gern jetzt schon die Zeit zum Druck des Druckbaren aus. Aber dies, bitte, unter uns.
Mit besten Ferienwünschen und[c] herzlichen Empfehlungen von Haus zu Haus der Ihrige
Windelband