Windelband an Paul Siebeck, Strassburg, 25.7.1902, Text nach einer Transkription von Klaus Christian Köhnke[1], Umfang und Besonderheiten nicht bekannt, Staatsbibliothek zu Berlin, Haus Potsdamer Straße, NL 488
Strassburg [25.7.02][2]
Hochgeehrter Herr Doctor,
Ehe ich in die Ferien gehe und weitere Pläne mache, möchte ich Ihnen nochmals für Ihre Freundlichkeit und besonders für Ihren liebenswürdigen Brief vom 1. d[es] M[onats] danken. Auch ich lasse manchmal den Kopf hängen, und wenn hier allerlei Bedenkliches geschieht, sage ich mir manchmal, ob ich nicht doch besser getan hätte, in eine Wirksamkeit zu treten, in der man mir so freundlich und vertrauensvoll entgegenkam! Unter dem, was mich schließlich bestimmte, war fast das entschiedenste die Ueberlegung, daß, wenn ich in Tübingen[3] die große Wirksamkeit hätte haben wollen, die neben Sigwarts Umgang so mächtig lockte, ich sehr viel hätte lesen müssen und in einer gewissen Abhängigkeit vom Studienplan des Stifts[4], wohl meist zwei vierstündige Collegien im Semester, – während ich hier darauf ausgehe und mit Erfolg daran arbeite, so wenig wie möglich zu lesen und Zeit für meine eignen Arbeiten zu gewinnen, an denen mir schließlich doch mehr gelegen ist und angesichts meines Lebensalters gelegen sein muß und darf.
Darin bestärkt mich die erfreuliche Thatsache, daß Sie für mich an neue Auflagen denken, und ich möchte deshalb über die beiden neu auszustattenden Kinder Ihre Meinung hören, die Präludien und die Geschichte. Es wird sich fragen, was Sie für besser halten: Das Publicum nach beiden etwa hungern zu lassen oder uns so einzurichten, daß wir nach dem voraussichtlichen Vergriffensein im nächsten Sommer gleich auf dem Platze sind.
Wenn Sie das Letztere wünschen, so biete ich dazu gern die Hand. Die Präludien sind in meinem durchschossenen Handexemplar durchcorrigirt und können, da sie wenig Aenderungen vertragen[a], jeden Augenblick neu gesetzt werden. Es fragt sich nur, ob es Ihnen wünschenswert erscheint, sie vielleicht durch einen oder zwei Aufsätze zu erweitern[5]. Es wird nicht gut sein, das Büchlein stark zu beschweren, andrerseits könnte einiges Neue dem Absatz einer zweiten Ausgabe günstig sein. Das beurteilen Sie besser als ich, und ich überlasse es Ihnen ganz. Zur Verfügung hätte ich in diesem Tone einen beinah fertig geschriebenen Aufsatz über die Grundlage der Religionsphilosophie, und wenn das Dutzend voll werden sollte, könnte auch noch ein historisches Stückchen, etwa über Herder oder Comte[6], hinzukommen. Diese Manuskripte kann ich Ihnen, wenn Sie wünschen, noch im Herbst liefern, zugleich mit der „Willensfreiheit“[7], die ich im September und October bestimmt abzuschließen hoffe.
Für die „Geschichte“[8] wird sich fragen, ob Sie wieder Lieferungsausgabe vorziehen oder ob der ganze Band auf einmal erscheinen soll. Die Vorarbeit ist natürlich stetig erfolgt, die Literatur zum großen Teile schon registrirt und sachlich hineingearbeitet. Ich würde wieder meine Notizen in ein durchschossenes Exemplar (ich habe dazu noch eins hier) übertragen, und Sie brauchen auch darin nur zu bestimmen, wann der Druck beginnen soll. Sofern Sie das hinsichtlich beider Bücher schon im Allgemeinen übersehen und feststellen können, wäre ich für eine baldige Mitteilung sehr dankbar, um mir die Zeit mit Rücksicht auf allerlei andre Möglichkeiten rechtzeitig einteilen zu können.
Welche Reisepläne hegen Sie – oder führen Sie vielleicht schon aus? wir denken etwa vom 8. August bis in die ersten Septembertage nach Chamonix zu gehen.
Mit verbindlichsten Grüßen von Haus zu Haus ergebenst der Ihrige
Windelband