Windelband an Ulrich Stutz, Straßburg, 23.6.1902, 3 S., hs. (dt. u. lat. Schrift im Wechsel), UA Zürich, PA 018
Strassburg iE. 23/6 02
Liebster Ulrich,
Quod[a] Hoche[1] kann ich nur sagen, daß er mir den Eindruck eines tüchtigen Mannes, aber nicht denjenigen einer eigentlich bedeutenden und eigenkräftigen Persönlichkeit macht. Ob er die organisatorische Fähigkeit und das Rückgrat nach allen Seiten besitzt, die gerade zu dieser Stellung erforderlich sind, muß erst erprobt werden. Ihr machtet also mit ihm ein Experiment. Wenn somit ein Ordinarius vorgeschlagen wird, der in dieser Hinsicht schon erprobt ist (und darüber wird ja die Fakultät in ihrem Bericht oder durch ihren Senatsvertreter Euch orientiren), so würde ich | keinen Grund sehen, die Reihenfolge zu Hoche’s Gunsten zu verändern, insbesondere als Mitglied einer anderen Fakultät würde ich mich, wenn nicht eine entschieden wissenschaftliche Ueberlegenheit Hoche’s bezeugt wäre, nicht veranlaßt sehen, für seine Voranstellung eine Lanze zu brechen. –
In Baden[2] werde ich jedenfalls schon Sonnabend früh sein, wenn nicht schon Freitag Abend, und in den Drei Königen[3] wohnen, falls Platz ist. Es wäre sehr schön, wenn Du auch schon kämest, es ist doch über die Ruf-Sache[4] viel zu erzählen, was sich schlecht | schreibt. Erfolg ist jedenfalls – bitte aber vertraulich! – daß ich mich mit vorzüglichem Gehalt jeden Augenblick auch vor dem 65t Jahre emeritiren lassen kann, sobald mir die Zustände unbehaglich und für mich unersprießlich werden! Aber davon wird nicht geredet.
Für heute – Eile! es ist der 7t. Brief, den ich vor der Nachmittagsvorlesung schreibe! – herzlichsten Gruss an Elly und die Kinder, auch von Mama und der gestern Abend fröhlich von einem Besuch in Lindenhaus[5] zurückgekehrten Dore[6].
Treulichst Euer
P.[7]