Windelband an Ulrich Stutz, Straßburg, 14.1.1900, 4 S., hs. (dt. Schrift), UA Zürich, PA 018
Strassburg, 14.1.00
Mein lieber Ulrich,
Da stecken wir nun wieder mitten im Semester, und ich bin die ganze Woche nicht dazu gekommen, Dir zu schreiben. Nun aber zunächst herzlichen Dank für Deine „Lehen und Pfründe“[1]: es hat mich weit über das persönliche Interesse hinaus gefesselt und befriedigt. Ein großer wissenschaftlicher Lebensplan[2] tritt hervor, getragen von echter theoretischer Leidenschaft; und ich glaube gern, daß das im persönlichen Vortrag sich noch eindrucksvoller und unmittelbarer hat mitfühlen lassen. Was sodann die besondre Untersuchung anlangt, so stellt sie sich dem Laiengemüth in Deiner klaren und durchsichtigen Darstellung als sehr einleuchtend und concludent vor den Augen; ihre Tragweite frei|lich und ihre Zusammenhänge mit andern rechtshistorischen Problemen läßt sich für unser Einen dabei nur unbestimmt ahnen. Und leider habe ich jetzt, da Bresslau verreist ist, hier keine Quelle, aus der ich darüber nähere Belehrung schöpfen könnte. Varrentrapp[3] sprach sich natürlich äußerst liebenswürdig, aber doch so aus, daß ich merkte, die Details lagen für den Gegenstand auch ihm nicht sehr nahe. Jedenfalls gratulire ich Dir herzlich zu dem schönen Erfolge und freue mich seiner mit. Was wird denn nun aus der Ausgabe bei Siebeck[4]? Du scheinst ja von diesen Separatbögen aus der „Allg.“[5] ziemlich umfangreich verschickt zu haben: kommt die Sache dort ausführlicher, mit Apparat?[6] |
Besten Dank auch für die Zustellung des Blatts mit der Besprechung meines Platon[7]: sie hat besonderen Wert, weil sie von Eucken[8] d. h. wohl von dem berufensten aller Kritiker in diesem Falle, herrührt, darf ich das Exemplar behalten? ich schickte es gern dem Großpapa[9], der an so Etwas Freude hat.
Was macht Deine Rippe? heilt sie brav weiter? ich hoffe es, damit Du an dem, wie es scheint, neu beginnenden Schlittschuhvergnügen wieder teilhaben kannst: bei uns ist der erste See in der Orangerie schon wieder zugefroren. Von uns ist nichts zu melden, als daß wir alle in dem normalen Lebenslauf normal begriffen sind: für Arthur[10] besteht er in den wöchentlich acht, bald eilf Stunden, die er schon im Lyceum giebt. |
Ueber Meta’s Reise[11] ist noch immer nichts bestimmt; ich wünschte, die Entscheidung käme, so oder so, nun bald; denn die Ungewißheit macht sie noch am meisten nervös. Was sagt man denn jetzt bei Kriens[12]; nachdem der Brief mit den unsäglich traurigen Nachrichten auch zu ihrer Kenntniß gelangt ist? ich habe danach, obwol man sich in Grunewald ohne Meta nötigenfalls behelfen wollte, doch im Interesse einer genügend langen Anwesenheit von Frl. Else in Wernigerode[13] meinerseits Meta’s Reise doch zur Verfügung gestellt, und wir warten nun wieder. Peinlich ist es, weil wir nun mit Rücksicht darauf alle großen Gesellschaften absagen und sie noch immer hier ist.
Heut Abend haben wir Studenten bei uns; eben wird Eure weihnachtliche Käseplatte zur Einweihung hergerichtet! Das ganze Haus grüßt herzlich und erhofft bald wieder recht gute Nachrichten insbesondre auch von unserm lieben Irmele[14]! Grüße Weib[15] und Kind und behaltet lieb Euren
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