Windelband an Kuno Fischer, Straßburg, 20.1.1899, 7 S., hs. (lat. Schrift), UB Heidelberg, digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2618-51_4/0001
Strassburg[a] iEls. 20. Jan[uar] 99.
Hochverehrter Herr Geheimrath,
Ew. Excellenz bitte ich mir gütigst erlauben zu wollen, dass ich, einem mir nahegelegten Wunsche nachgebend, es wage, eine befürwortende Erwägung zu Gunsten einer Bitte Ihnen zu unterbreiten, die in diesen Tagen Ew. Excellenz von dem deutschen Literaturverein in Oesterreich vorgetragen wird. Dieser Verein wünscht in Wien seine erste öffentliche Sitzung durch eine Rede[1] zu schmücken, welche darin Ew. Excellenz zu Gunsten des in Strassburg zu errichtenden Denkmals für den jungen Goethe halten möchten. |
Der Plan der Errichtung dieses Denkmals wird hier auch von Seiten der Regierung mit einer ausserordentlichen Lebhaftigkeit unterstützt: eine sehr geschickte, äusserst energische Agitation zieht die Sache in so weite Kreise, dass es gelungen ist, sie zu einer Angelegenheit deutsch-nationalen Interesses zu machen, und der beste Beweis dafür ist, dass der Reichstag im Begriffe ist, eine namhafte Summe dafür zu bewilligen. Wir dürfen es uns – so will es mir scheinen – immerhin gefallen lassen, dass unser deutsches Bewusstsein seine erste monumentale Gestaltung im neuen Strassburg durch das Standbild | unseres Dichterfürsten finden soll, in dessen Leben diese Stadt eine so bedeutsame Stelle einnimmt.
Wenn nun in diesem Sinne die Männer Wienʼs, welche die geistige Zusammengehörigkeit mit uns zu wahren bestrebt sind, für diesen Zweck thätig sein wollen, so scheint es mir, dass man ihnen so weit als möglich entgegen kommen sollte. Angesichts der trostlosen Zustände, welche dort hereingebrochen sind, ist hier eine vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit geboten, in einer völlig unpolitischen, über jeden Verdacht agitatorischer Geschäftigkeit erhabnen Weise die geistige Gemeinschaft zum Ausdruck | und zur Wirksamheit zu bringen, die man von dort aus zu erhalten sucht. Das ist meiner Ansicht nach unvergleichlich viel wertvoller als der Beitrag, der dabei etwa für unser Goethe-Denkmal abfällt. Und gerade dafür hätte man dort keine glücklichere Wahl der Persönlichkeit treffen können, als Ew. Excellenz. Wenn Sie dieser Bitte nachgeben, so ist das eine gewonnene Schlacht für das Deutschtum in Oesterreich – und das heisst heutzutage sehr viel, und es ist nöthiger denn je.
In dieser Erwägung gestatte ich mir, jene Bitte persönlich zu befürworten: ich thue es, obwohl ich mir nicht verberge, dass ihre Erfüllung – falls sie nach Ihrem persönlichen Befinden, wie ich hoffe und wünsche, überhaupt möglich ist, was natürlich erste Bedingung wäre – dass die Erfüllung Ew. Excellenz immerhin stark in Ihrer philosophischen Arbeit stören müsste, an der ich so lebhaft interessirt bin. Mit Bewunderung sehe ich die Jubiläumsausgabe Ihres grossen Werks[2] in rapider Fortsetzung erscheinen; mit unglaublicher Arbeitskraft gewinnen Sie Sich die Riesenleistung ab, die neuen, in kundigster Benutzung der inzwischen erschienenen Litteratur umgestalteten Bände in rascher Folge erscheinen zu | lassen und uns daneben noch Ihren „Hegel“[3] zu bescheren, der das Ganze zu krönen verspricht. Mit Staunen und Freude höre ich, dass die Lieferung, welche die Phaenomenologie bringt, schon im Druck ist; und ich bin glücklich darüber: ich finde in den beiden bisherigen Heften die Erwartungen, die ich hegte und die Sie kennen, so sehr erfüllt, dass ich mit aller Ungeduld der Fortsetzung harre.
Gestatten Ew. Excellenz dabei, dass ich, wie nochmals für das gütige Geschenk der Ausgabe, so insbesondre für die liebenswürdige Erwähnung[4] danke, welche Sie meiner Gratulationsschrift in der Vorrede zum | „Kant“ haben zu Teil werden lassen: ich bin dadurch für den einfachen Ausdruck meiner Ueberzeugung, die ich darin niedergelegt, reichlich belohnt.
Wenn die Lieferung über die Phaenomenologie heraus ist, so scheint mir der Zeitpunkt geeignet, im „Archiv“[5] über Ihre Jubiläumsausgabe zusammenhängend zu berichten; es ist dann die Hälfte (im Ganzen wie im Besondern) erschienen, und ich würde mit der Anzeige bis zum Abschluss der ganzen Ausgabe nur warten, wenn Sie es ausdrücklich wünschten.
Mit der Wiederholung der Bitte, meine Befürwortung jenes Wiener Antrags gütig aufnehmen zu wollen, bin ich in treuer Verehrung Ew. Excellenz ergebenster
W Windelband