Windelband an Kuno Fischer, Baden-Baden, 19.3.1897[1], 2 S., hs. (dt. Schrift), UB Heidelberg, digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2618-51_2a/0001

Ew. Excellenz

beehre ich mich im Namen der „Kantstudien“ die anliegende Gratulation zur[a] 50sten Wiederkehr des Tages Ihrer Promotion nebst meiner auf Veranlassung dieser Redaction[2] dafür verfassten Festschrift ehrfurchtsvoll zu überreichen.

Die anspruchslosen Worte dieses Schriftchens wünschen zugleich als der einfachste Ausdruck der Verehrung und des Dankes aufgenommen zu werden, die ich Ihnen persönlich aus vollem Herzen entgegentrage als dem Manne, dessen Lehre[3] mich zuerst der Philosophie gewonnen hat und mir auf meinem Wege der wertvollste Leitpunkt gewesen ist.

Nur zum Ausdruck dieses mir stets gegenwärtigen Gefühls und der von jeher geläufigen Auffassung Ihrer Bedeutung für unsre Wissenschaft reichte die kurze Zeit, welche mir seit der von Halle[4] erfolgten Anregung am Schlusse des Wintersemesters blieb, mitten in der vielfachen Inanspruchnahme, welche mein im April anzutretendes zweites Rectorat mit sich brachte. Und so knapp war diese Zeit, dass der beifolgende Abdruck erst in diesem Augenblicke[5] in meine Hände gelangt ist.

Es tut mir sehr leid, dass die Verhältnisse[6] der persönlichen Ueberreichung unserer Ehrengabe entgegen sind u[nd] insbesondere be|daure ich lebhaft das Unwohlsein Ihrer Frau Gemahlin: ich bitte der hochverehrten Frau mit meinen Wünschen für baldige Besserung meine ergebensten Empfehlungen zu Füssen legen zu dürfen.

Ebenso beklage ich sehr, dass ich der Ausführung Ihrer gütigen Absicht, mich hier oder in Strassburg zu besuchen, zunächst verlustig gehen werde: ich muss am Sonnabend[7] nach Strassburg gehen, um dort an der Centennarfeier[8] Teil zu nehmen und nach dem Antrag der vereinigten altdeutschen und elsassischen Vereine am Sonntag[9] Abend der Bürgerschaft die Festrede auf unsern alten Kaiser[10] zu halten. Am Montag[11] werde ich dann sogleich zu weiterer Erholung an den Genfer See gehen, – freilich nur bis zum 31. d[es] M[onats], da ich am 1. April das Rectorat anzutreten habe. Sollte ich in Erfahrung bringen, dass Sie gegen Ende März schon in Vevey eingetroffen sind, so werde ich nicht verfehlen, Sie dort aufzusuchen.

Wenn Sie aber später einmal Zeit fänden, mich in Strassburg aufzusuchen, so würden Sie mich wahrhaft glücklich machen.

Mit dem Ausdruck dankbarster Verehrung Ew. Excellenz treu ergebner

W Windelband

Kommentar zum Textbefund

azur ] zum

Kommentar der Herausgeber

1Windelband an Kuno Fischer, Baden-Baden, 19.3.1897 ] Erstabdruck in: Klaus Christian Köhnke: Sinn für Institutionen. Mitteilungen aus Wilhelm Windelbands Heidelberger Zeit (19021915). In: Hubert Treiber, Karol Sauerland (Hg.): Heidelberg im Schnittpunkt intellektueller Kreise. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995, S. 34–35.
2Veranlassung dieser Redaction ] vgl. Windelband an Hans Vaihinger vom 18.3.1897
3Lehre ] vgl. Windelband an Kuno Fischer vom 17.3.1897
4Halle ] Sitz der Redaktion der Kant-Studien (Hans Vaihinger)
5erst in diesem Augenblicke ] vgl. Windelband an Hans Vaihinger vom 18/19.3.1897.
6die Verhältnisse ] vgl. Windelband an Fischer vom 17.3.1897
7am Sonnabend ] den 22.3.1897
8Centennarfeier ] zur Wiederkehr des 100. Geburtstags von Wilhelm I. (*22.3.1797)
9am Sonntag ] den 23.3.1897. Die Differenz zu dem auf dem Druck der Festrede angegebenen Datum 21.3.1897 ist nicht aufgeklärt.
10Festrede auf unsern alten Kaiser ] vgl. Windelband: Gedenkrede auf Kaiser Wilhelm I. Gehalten auf dem Festcommers der Straßburger Vereine am 21. März 1897. Straßburg: Comissions-Vlg. W. Heinrich 1897. Der Erlös dieses Drucks war für das Straßburger Kaiserdenkmal bestimmt.
11Am Montag ] den 24.3.1897