Windelband an Heinrich Rickert, Straßburg, 13.9.1896, 4 S., hs. (dt. Schrift), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_21
Strassburg iE 13.9.96
Lieber Herr College,
In dem geschäftigen Nichtstun der Sommerfrische[1], die übrigens trotz zweifelhafter Wettergunst ganz wunderschön und erholsam war, fand ich doch nicht Muße für einen Brief: nun aber, gestern zurückgekehrt, will ich eilig Ihnen nochmals meinen herzlichen Glückwunsch zu der glücklichen Wendung Ihrer Geschicke sagen! Und soweit ich sehe, ist Ihre Entscheidung für Freiburg[2] sicher die richtige gewesen. Sie werden ja weder in Fr[eiburg] noch in Rostock auf die Dauer bleiben: aber Sie dürfen doch in Fr[eiburg] auf eine erfreulichere Lehrtätigkeit, | auf weitere Verhältnisse und bessere Verwertung Ihrer Arbeit rechnen. Daß wir die Freude Ihrer Nachbarschaft behalten, ist noch eine weitere erwünschte Zugabe. Es wäre begreiflich gewesen, wenn Sie zunächst die einfachere, sozusagen reinere Lage, die res integra[3], welche Sie in Rostock erwartete, den etwas belasteten Zuständen vorgezogen hätten, die trotz Allem zunächst in Fr[eiburg] bleiben können: aber es wäre quasi ab irato[4], es wäre ein Gefühlsakt gewesen, wenn Sie Sich dadurch gegenteilig hätten bestimmen lassen. Es war philosophisch nur dem Urteil zu folgen, und ich gratulire Ihnen dazu, daß Sie es getan haben. Die Collegen aus der | engeren „Fakultät“ sind ja nun Ihnen gegenüber schon engagirt; auch die Mißgunst der „Jüngeren“ wird ja verrauschen, und so hoffe ich wie ich wünsche, daß Sie – post tot discrimina rerum[5] – schließlich auf „meinem“ Lehrstuhl[6] so glücklich sein und sich so angenehmer Verhältnisse erfreuen mögen, wie es mir zu Teil geworden ist.
Das traurige Ende von Avenarius[7], das ich in der Schweiz sogleich erfuhr, hat mich auch schmerzlich ergriffen: er blieb mir, soweit wir auseinanderstanden, doch immer Einer von den wenigen, die es ernst mit unserer Sache, wenn auch in seiner Weise, nahmen. Was wird nun dort werden? Es giebt ja allerlei Bewegung auf unsern Kathedern; aber die | Sachen stehen traurig, weil zu allermeist es traurig um die Personen steht. In Rostock soll es ja nun Busse[8] werden!?! Leid tut es mir – unter uns! – daß in allen diesen Fällen so wenig für unsern Hensel[9] zu machen ist. Bald wird seine Krankheit, bald seine Productionslosigkeit[10] geltend gemacht: vielfach scheint es auch, daß man sein ganzes Wesen nicht sympathisch aufnimmt. Mir tut es sehr leid; die Stellung an einer kleineren Universität würde er meiner Ansicht nach sehr gut ausfüllen; und ein prächtiger Mensch ist er: und das will doch auch etwas sagen.
Die Ferien gehen hoffentlich nicht zu Ende, ohne daß wir uns in der einen oder andern Weise sehen. Inzwischen nehmen Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin meinen und[a] der Meiningen herzlich beglückwünschenden Gruß entgegen!
In treuer Ergebenheit Ihr
Windelband