Windelband an Karl Dilthey, Straßburg, 13.7.1894, 3 S., hs. (dt. Schrift), Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141
Strassburg 13/7 94
Mein lieber Carlo,
Innigsten Dank für die große und herzliche Freude, die mir Dein Brief bereitet! Meine Frau meint, so froh sei ich lange nicht gewesen – Und wie freue ich mich nun erst auf das Wiedersehen! ich denke also von Halle[1] noch einen Tag nach Leipzig und dann am Montag den 6 Aug[ust] nach Göttingen zu gehen. Für Deine Einladung danke ich Dir herzlichst, kann ihr aber leider diesmal nicht folgen. Ich werde bei Wallach[2] wohnen. Er ist mein ältester Freund[3], schon vom Potsdamer Gymnasium her, das | wir gemeinsam durchgemacht. Er richtet sich alljährlich so ein, bei seiner Ferienreise uns entweder hier oder auf unsrer Sommerfrische ein paar Tage aufzusuchen. Meinerseits habe ich ihn zuletzt 1884 noch in Bonn besucht, seitdem ihm längst versprochen, das Gleiche in G[öttingen] zu tun; bin aber seit 1883 nicht in Norddeutschland gewesen. Nun habe ich ihm jetzt zugesagt, von Halle aus dies alte Versprechen einzulösen, und so muß ich für diesmal auf das Wohnen | bei Dir, das mir seit 81 in schönster Erinnerung[4] ist, dankbar verzichten. Gleichwohl hoffe ich, wenn es Deine Zeit erlaubt, Dich nicht zu oberflächlich zu sehen; Wallach wird viel in seinem Laboratorium zum Semesterschluss zu tun haben, und soweit nicht dasselbe bei Dir der Fall ist, werde ich nicht verfehlen, Dich gründlich heimzusuchen!
In der frohen Hoffnung auf solche Tage, mit den besten Grüßen meiner Frau Dein getreuer
W Windelband