Windelband an Georg Jellinek, Heidelberg, 15.6.1889, 4 S., hs. (dt. Schrift), mit gedrucktem Briefkopf unter Hotelansicht: Hôtel Schrieder | Besitzerin Wilh. Back Wwe | HEIDELBERG, Textverluste durch Aktenheftung, Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/32
15 Juni 1889.
Liebster Freund,
Durch allerlei Pfingstwandlungen und -wanderungen finde ich mich heut Abend nach Heidelberg verschlagen[1] und benutze den ruhigen Abend, um Dir, wie es mir längst vorgenommen war, wieder einmal einen herzlichen Geburtstagsgruß[2] zu senden, der freilich gerad doch einen Tag verspätet anlangen wird. Zum neuen Jahre neuen Muth, zur alten Arbeitslust die alte Arbeitskraft, zur rechten That den rechten Erfolg, zum häuslichen Sinn das häusliche Glück – das, lieber Freund, wünsche ich Dir immerdar!
Der Dienst, den Du mir (wie der Fakultät) in | Betreff Kerry’s[3] geleistet, war mir sehr werthvoll[,] insbesondere deshalb, weil ich ihm innerlich so fern stand wie äußerlich nah. Er hat sich in so absonderlich[e] – mathematisch-philosophische – Special[i]täten vergraben, und war eine so scheue, zurückg[e]zogene Natur, daß ich von ihm fast Nichts gehab[t] habe; ja ich fürchte, daß er zuletzt selbst nichts v[on] sich gehabt hat; denn er hatte das gedrückte Wese[n] desjenigen, der die Gleichgiltigkeit der Welt gegen seine Arbeiten doch lebhaft empfindet.
Bei den Wiener Specialcollegen fällt mir Brenta[no] ein, der ja die Polemik gegen mich[4] – vor und hin[ter] meinem Rücken – zur Zeit zu seinem Privatsport gewählt zu haben scheint und dabei mit so echt jesuitischer Taktik verfährt, daß ich es kaum werde vermeiden können, ihm nächstens einmal | ganz gründlich auf die Finger zu klopfen[5]. Thu ich’s, so wird es kräftig; und darum beschlafe ich’s noch: aber Buben, die lügen, verdienen nach Kant[6] exemplarische Züchtigung, und in solchem Fall vor aller Welt. Wundre Dich also nicht, wenn ich nächstens wieder drauf loshaue. Daß Einen die Leute nicht ruhig seine Straße ziehen lassen!
Die Straße ist ja still genug. Wer so unmodern ist, wie ich, so viel Respect hat vor unsrer großen Vergangenheit und so wenig vor unsrer entwicklungsgeschichtlichen Gegenwart[7], der ist in seiner Einsamkeit[8] doch wahrhaft genug gestraft für seinen „Idealismus“! Lieber Freund, die geistige Welt wird leer, und es ist schade, daß wir wenigen, die noch darin leben, so weit | von einander sind! Laß uns desto treuer das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bewahren, das mich Dir immer verbunden hat und verbinden wird!
Grüße, – leider immer noch unbekannter Weise – Deine liebe Frau[9] und bleibe Du selbst für Deinen getreuen
Windelband