Windelband an Georg Jellinek, Freiburg i. Br., 9.10.1880, 4 S., hs. (dt. Schrift), Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Georg Jellinek, N 1136/56
Freiburg i B. 9. Oct[ober] 1880 Langestr. 12
Mein lieber Freund
Die erschreckliche Schreibfaulheit, die Du nun schon lange als einen organischen Fehler meiner Natur freundschaftlich getragen hast, wird hoffentlich auch diesmal Dein Herz mir nicht entfremdet haben, obwol ich in den wechselnden Arbeiten und Erholungen dieses Semesters mich nicht einmal dazu aufgerafft habe, Dir für Deine lieben Geburtstagswünsche erwidernd zu danken und das Gleiche mit Deiner Schrift[1] über die rechtliche Natur der Staatsverträge zu thun. Was die letztere betrifft, so weißt Du, daß die vorwiegend theoretische Richtung meiner eignen Studien mich auf diesem Deinen Gebiete zum Laien macht; trotzdem darf ich Dir wol sagen, daß mir das von Dir aufgestellte Princip durchaus eingeleuchtet hat und mir den Gegenstand auf einmal in einem überraschenden und klaren Lichte erscheinen läßt. Der Begriff der Selbstverpflichtung des Staates scheint mir im socialpsychologischen Sinne schon für das innere Rechtsleben unerläßlich und unanfechtbar: einfach aus dem Grunde, weil alles Vertrauen des Individuums in die staatliche Ordnung darin wurzelt, daß dasselbe überzeugt ist, die Staatsmacht werde ihre Bestimmungen nicht über Nacht ändern, sondern sich – innerhalb gewisser, von ihr selbst öffentlich zu definirender Grenzen – an dieselben gebunden erachten. Und auf genau derselben Grundlage beruht das Vertrauen der Staaten unter einander: in dieser Hinsicht, meine ich, ließen sich auch mancherlei politische Consequenzen ziehen. Offenbar nämlich wird unter diesem Gesichtspuncte ein Staat das größte Interesse daran haben, daß in einem andern Staate, mit welchem er in | einem Vertragsverhältniß steht, Einrichtungen bestehen, welche eine Aenderung des Staatswillens so viel wie möglich erschweren und eine möglichst kräftige Gebundenheit der Staatsmacht an die Selbstgesetzgebung herbeiführen, – ein Verhältniß, welches in den Beziehungen des deutschen Reiches zur französischen Republik während des letzten Jahrzehnts eine große, von Bismarck sehr tief verstandene Rolle gespielt hat. Andrerseits liegt nun allerdings doch die letzte Entscheidung über die Aufrechterhaltung der Verträge in Machtverhältnissen, und ich kann nicht leugnen, daß mir stets im Begriffe des Völkerrechts[a] das integrirende Merkmal der Erzwingbarkeit zu fehlen geschienen hat. Möglich, daß ich darin zu stark von Kant abhängig bin, der ja dieses Merkmal überall in den Vordergrund stellt und deshalb die Realisirung der Idee des Völkerrechts erst von einem internationalen Aeropag erwartet. Eine Fülle weit tragender Gedanken erweckt so auch mir Deine Abhandlung neben der Menge derjenigen, die sie schon selbst ausgesprochen darbietet, und ich bin Dir für dieselben um so mehr dankbar gewesen, als ich gerade im Sommer[2] zum ersten Male Ethik, d. h. practische Philosophie in weitestem Sinne des Wortes las und mich bei den Grundzügen, die ich darin für die Lehre von Staat und Gesellschaft zu geben suchte, durch Deine Schriften vielfach gefördert sah.
Indessen werden ich diesen Versuch wol hier kaum wiederholen: Die katholischen Theologen haben ihre „Moral“, die Juristen ihre Rechtsphilosophie (Sonntag), und so ist das Zuhörermaterial für die Ethik hier sehr dürftig: während ich für Geschichte der Philosophie und die theoretischen Fächer, wie Du weißt, ganz zufrieden sein kann. Ueberhaupt jedoch liegt vielleicht eine unbewusste Weisheit darin, daß unsre Regierung sich consequent gegen den „zweiten Philosophen“ sperrt. | Sie hat mir jetzt die Mittel für ein Seminar[3] bewilligt – ein schwacher Anfang, aber immerhin ein Anfang –, aber den wieder mit beantragten Extraordinarius oder auch nur Docent mit Functionsgehalt als Mitdirector dieses Seminars verweigert. So komme ich garnicht erst in Versuchung, die Sirenenkünste[4] an Dir auszuüben, von denen ich früher gehofft und gesprochen habe. Und vielleicht ist es eben gut, da in der That das Bedürfniß für Philosophie hier nicht so hoch zu treiben ist, als daß nicht schließlich Einer es zu befriedigen vermöchte. Von den ca 600 Studenten, die wir haben, fallen zunächst 200 qua Mediciner von vorn herein fort; in der philos[ophischen] Fakultät sind neben 50 Chemikern nur etwa 20/30 Philologen, die sich erst sehr allmälig wieder an die früher ganz vernachlässigte Philosophie gewöhnen, – lauter Brodstudenten aus der Umgegend. Das Gleiche gilt von den etwa gleichzähligen Mathematikern und naturwissenschaftlichen Lehreraspiranten, denen ich für die Uebungen meine besten Schüler verdanke. Die Theologen müssen im Laufe ihrer Studienzeit vier vierstündige Philosophica hören und vertheilen sich, ihrer 40, auf Literaturgeschichte, Geschichte und Philosophie. Das Gros der 120 Juristen bilden norddeutsche Füchse[5], welche sich den einen oder anderen allgemeinbildenden Luxus leisten. So kommt es denn doch, daß nach meiner Erfahrung meines Wachsthums Gipfel hier erreicht ist: lese ich ein Colleg, so werd’ ich’s über 50/60, lese ich zwei, über je 20/30 nicht bringen. Und das bleibt auch, wenn ich etwa im Jahr, wie ich das jetzt thue, nur 3 vierstündige Vorlesungen[6] halte. So kann man es der Regierung schließlich nicht verdenken, wenn sie kein Geld für einen zweiten bewilligen will.
Unter diesen Umständen würde ich freilich einen Wechsel, der mich in einen breiteren Wirkungskreis brächte, nicht ungern sehen, und ich bedauere es deshalb, daß ich nicht nach Würzburg gehen[7] konnte. Du hast vielleicht davon gehört. Die dortigen Collegen hatten für mich eine vortreffliche Position beantragt, die ich unbedingt acceptirt hätte – die Regierung konnte vor der ultramontanen Kammermehrheit nur das Anfangsge|halt durchsetzen, auf welches ich unmöglich – schon aus Rücksicht auf die Freiburger – gehen konnte. So sind mir daraus auch hier keine directen Vortheile erwachsen, – nur die Hoffnung, daß mir Gelder zu der Reise[8] bewilligt werden, welche ich nächstes Frühjahr im Interesse des III. Bandes[9][b] nach Paris und London machen möchte.
Im Uebrigen lebt sich’s hier herrlich weiter. Wir sind jetzt näher an den Wald gezogen und hoffen so noch mehr von dem Klima zu profitiren, dem wir schon so viel verdanken. Denn von unserm Befinden kann ich Dir nur Gutes melden. Meine Kinder wachsen – von den kleinen Nothwendigkeiten abgesehen – kräftig und gesund heran; auch Ilse[10], die dritte im Bunde Deiner kleinen Freundinnen, macht uns große Freude, ebenso blond und nur etwas heller im Auge, dabei dicker und lebendiger noch als die anderen. Meine Frau ist sehr wohl; ich bin es auch, wenn ich von den Nerven absehe, die öfter auffällig werden und die ich dann immer zur Correction auf unsre schönen Berge führe. Was machen diese Tyrannen bei Dir?
Und nun, mein Bester, erwidre diese Chronik bald einmal durch Bericht über Deine Erlebnisse, namentlich auch über Deine akademische Stellung[11], in der Du hoffentlich und gewiß den Erfolg reichlich für Dich gehabt hast, – nach beiden Seiten!! Ich wollte, wir könnten uns einmal wieder sehen: was ich hier am meisten vermisse, ist philosophische Anregung, wie sie so reich von Dir ausströmt. In meiner Einsamkeit kann ich nur manchmal mit Rümelin über Philosophica reden oder in einem Rendez-vous mit Siebeck (Basel) oder Liebmann (Straßburg) eine kleine Erfrischung suchen. Und zum Besten gehört eben doch das συμφιλοσοφεῖν[12]. Da sitze ich z. B. an einem Entwurf der Logik[13], wobei ich gerne Schritt für Schritt mit Dir bespräche, und an dessen Durchführung und gar Veröffentlichung ich nicht gehen mag, ehe ein verständnisvolles Auge drauf geruht hat.
Inzwischen laß es Dir gut gehen, empfiehl mich Deinem verehrten Papa[14], – schenke meinem zweiten, neulich an Dich abgegangenen Bande[15] Deine Nachsicht und sei bestens gegrüßt von meiner Frau und Deinem treuen Freunde
W Windelband