Windelband an Wilhelm Nokk, Freiburg i. Br., 30.3.1880, 4 S., hs. (dt. Schrift), Generallandesarchiv Karlsruhe, 52 Nokk 201
Freiburg i/B. 30 März 1880
Hochverehrter Herr Oberschulrathsdirector,[a]
[b]Indem ich mir gestatte, Euer Hochwohlgeboren den ersten Band[1] meiner Geschichte der neueren Philosophie hochachtungsvoll zu überreichen, füge ich hinzu, daß ich mir dies schon gleich beim Erscheinen desselben erlaubt haben würde, wenn ich nicht die Hoffnung gehegt hätte, binnen Jahresfrist das ganze Werk auf einmal überreichen zu können.
Diese Hoffnung ist nun wesentlich deshalb nicht erfüllt worden, weil ich mich mehr und mehr überzeugt habe, daß ich über die bisher noch garnicht bearbeitete ausländische Philosophie dieses Jahrhunderts meine Studien nur an den Quellen beenden kann. Es ist der hiesigen Bibliothek die Anschaffung der sehr ausgedehnten Literatur, für welche noch nicht die Kritik der Zeit eine Aussichtung des Werthvollen vollzogen | hat, in keiner Weise zuzumuthen. Das Gleiche gilt aber wol von allen deutschen Bibliotheken; selbst die Straßburger, welche in dieser Hinsicht am vollständigsten[2] sein dürfte, läßt mich Vieles vermissen. Da nun außerdem für die Beurtheilung fremdländischer Ideenbewegungen der persönliche Verkehr mit ihren lebenden Vertretern von äußerst förderlichem Einfluß ist, so scheint mir zur Vollendung meines begonnen Werkes ein mehrwöchiger Aufenthalt sowol in Paris als auch in London unerläßlich. Er allein würde mich in den Stand setzen, eine Darstellung des gegenwärtigen Standes der Philosophie in den beiden westlichen Nationen, welche bisher nicht nun in unsrer Literatur, sondern überhaupt fehlt, meinem Werke hinzuzufügen.
Für einen solchen Aufenthalt reichen jedoch meine | eignen Mittel nicht aus, und ich erlaube mir daher, an Eure Hochwohlgeboren die ganz ergebne Anfrage zu richten, ob irgend welche Aussichten vorhanden wären, daß mir die Mittel für diese wissenschaftlichen Reisen, wie es ja in andern Fällen geschehen ist, von der Großherzoglichen Regierung gewährt würden, welche ja theils im Allgemeinen den wissenschaftlichen Bestrebungen eine so segensreiche Förderung gewährt, theils im Besonderen mir schon früher so dankenswerthe Zeichen ihrer gütigen Gesinnung gegeben hat. Mein Wunsch würde dahin gehen, in den großen Ferien die pariser[3], in den nächsten Frühjahrsferien die londoner Studien[4] zu machen, sodaß eine Unterbrechung meiner hiesigen Lehrthätigkeit nicht daraus hervorgehen würde.
In Rücksicht auf die Einrichtung meiner weiteren Arbeiten und auf meine Verabredungen mit meinem Verle|ger[5][c] wäre mir eine Entscheidung dieser Frage schon jetzt sehr erwünscht, und deshalb gestatte ich mir, dieselbe Euer Hochwohlgeboren zu unterbreiten und Ihrem geneigten Wohlwollen zu empfehlen.
Indem ich nicht unterlasse, für die liebenswürdige Beantwortung meines letzten Schreibens und für das auch bei dieser Gelegenheit mir von Euer Hochwohlgeboren gewährte Interesse meinen aufrichtigen Dank auszusprechen, bin ich
in vorzüglicher Hochachtung
Euer Hochwohlgeboren
ganz ergebner
Dr. W. Windelband
Professor der Philosophie