Windelband an Karl Dilthey, Freiburg i. Br., 7.7.1877, 2 S., hs. (dt. Schrift), Niedersächsische Staats- und UB Göttingen, Dilth. 141

Herzlichsten Dank für Deinen Brief,

Der mir zurück in’s Gedächtniß rief,

Was ich erlitten von mancherlei Weh

In unsrer gemeinsamen Odyssee.

Die Deine hat etwas länger gedauert,

Doch ist sie ja nun ausgetrauert,

Und schon sind phäakische Geister nah,

Dich zurückzuführen gen Ithaka.

Das Ende freilich vom Trauerspiel

Zeigt grausiger Scenen immer viel

Und beleuchtet wie mit bengalischem Licht

Das sogenannte Weltgericht.

Doch der Epilog, den man selber dichtet,

Ist viel versöhnlicher eingerichtet, –

Die sumpfigen Nebel fallen bald

Und hervortritt das Bess’re, die gute Gestalt. –

Was Du mir erzählst von „entschwundenem“ Manne,

Von Wittwen, die es ihm angethan,

Das hat in mir neu aufgeregt,

Was schmerzvoll mich seit langem bewegt: |

Da schlage ich laut und schuldbewußt

An meine einst so sichre Brust –

Wie hab ich gemeint die Menschen zu kennen

Und muß mich nun so verblendet nennen! –

Da beuge ich mich, nun’s viel zu spät,

Der friedlichen Autorität

Und sehe ein, wie tief und wahr

Geschrieben stand im Circular:

„Man müsse auch des Charakters Tiefen

Mit ernst besorgtem Sinne prüfen“ „– – –“

 

Doch mögen Dir Alles zu guten Enden

Die alten treuen Götter wenden!

Wir aber aus dem Lande des Kaisers,

Wir grüßen Dich und Frankenhäusers!

Dein Wd