Windelband an Gottlieb Ziegler, Leipzig, 12.2.1876, 2 S., hs. (dt. Schrift), Staatsarchiv des Kantons Zürich[1], U 103.4.40, Bl. 8
Leipzig, den 12 Febr[uar] 1876.
Herrn Regierungsrat Ziegler in Zürich.
Hochgeehrter Herr!
Ihre beiden werthen Zuschriften vom 9t und vom 10t Februar sind mir heut früh zugegangen, und indem ich Ihnen für Ihre gütige und erfolgreiche Verwendung meinen aufrichtigen Dank sage, erkläre ich zugleich, daß ich zur Uebernahme der ordentlichen Professur[2] unter den vorgeschlagenen Bedingungen gern bereit bin. Nur möchte ich mir einerseits die Bemerkung erlauben, daß doch hoffentlich der mir so ehrenvolle Umstand, daß ich gleich zum ordentlichen Professor ernannt werde, nicht der etwaigen dafür in Aussicht gestellten Gehaltserhöhung im Wege stehen wird, und zweitens bei Ihnen die persönliche und vertrauliche Anfrage gestatten, ob nicht die Rücksicht auf die Weite und die für mich gerade jetzt besonders umständliche Form der Uebersiedelung eine Erhöhung des dafür vorgesehenen Beitrages[3] möglich machen würde.
Inzwischen habe ich die um Mittag mit größtem Dank erhaltene Depesche direct bejahend geantwortet und zugleich bei der hiesigen Facultät die Anzeige meiner Annahme[4] Ihres Rufes gemacht, auch bei der Militairbehörde den Antrag auf ausländischen Urlaub gestellt. Die Angabe der Depesche über meine Vorlesungen[5] wiederhole ich der Sicherheit halber hier: 1) Psychologie, privatim vierstündig. 2) Geschichte der neueren Philosophie bis Kant excl[usive] privatim vierstündig. 3) Kritik der Kantischen Philosophie publice zweistündig. Tage und Tagesstunden habe ich nicht angegeben, weil deren Bestimmung später erfolgen kann, und weil ich mich in dieser Hinsicht erst noch über den Züricher Usus orientiren möchte.
Somit sehe ich nun in nächster Zeit wohl der officiellen Berufungsurkunde | entgegen und sehe jedenfalls mich bereits jetzt als fest engagirt an, werde dieselbe auch in diesem Sinne natürlich beantworten. Doch würde ich namentlich über den zweiten der oben erwähnten Puncte gern Ihre Meinung vernommen haben.
In vorzüglicher Hochschätzung und in der freudigen Hoffnung eines Wiedersehens[6] in Zürich zeichnet Ihr ganz ergebenster
W Windelband