Windelband: Gutachten über den Kuno-Fischer-Preis, Heidelberg, 9.7.1914, 5 S., hs. (lat. Schrift). Davon insgesamt drei Abschriften als Ts.-Durchschläge mit vereinzelten hs. Korrekturen von anderer Hand (zwei verschiedene Schreiber; UA Heidelberg, RA 5214 (2 Exemplare) sowie in H-IV-102/140 Bl. 404–408 (ein Exemplar)), UA Heidelberg, H-IV-102/140 Bl. 203–204
Die Erteilung des Kuno-Fischer-Preises stösst diesmal auf ähnliche Schwierigkeiten wie bei dem ersten Termin 1909:[1] eine in jeder Hinsicht hervorragende und das Urteil zweifellos auf sich ziehende Leistung liegt nicht vor, und die Auswahl der Bücher, die aus dem statuarischem Lustrum[2] 1909–1915 überhaupt für einen immerhin so beträchtlichen und weithin sichtbaren Preis in Betracht kommen, ist nicht gross. Es mag dies damit zusammenhängen, dass die gegenwärtige lebhafte Bewegung in der Philosophie weit mehr systematisch als historisch orientiert ist, und dass namentlich die jüngere Generation in ihrem Weltanschauungsdrange lieber unreife eigne Kombinationen versucht, als bei den grossen Gebilden der Geschichte in die Lehre geht.
Im Jahre 1909 wurde auf die Erteilung des Preises verzichtet, weil die grössere Hälfte der verfügbaren Mittel damals zur Herstellung der Medaille verwendet war und der übrig bleibende Rest nicht noch einmal für die beiden als beste vorgestellten Werke halbiert werden konnte: Misch[a], Geschichte der Autobiographie und Cassirer[b], „Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit“. Von diesen beiden ist das vortreffliche Buch von Misch bisher nicht fortgesetzt worden, es steht vor dem überreichen Material, das ihm Mittelalter- und Neuzeit entgegenbringen; dies fällt also jetzt fort. Dagegen ist das zweibändige Werk von Cassirer im Jahre 1911 neu aufgelegt worden und darf deshalb wieder in Betracht gezogen werden. Schon dieser Erfolg deutet auf die grossen Vorzüge des Werkes hin, das in die intimsten Motive der theoretischen Begründung und Entwicklung des modernen Denkens von der Renaissance bis zu Kant vielfach neues Licht gebracht und Zusammenhänge aufgedeckt hat, die vorher nicht so scharf gesehen und gezeichnet worden waren. Es handelt sich dabei wesentlich um die Beziehungen zwischen Philosophie und Naturforschung, die unter „Wissenschaft“ im Titel gemeint ist. Darin zeigt sich die Richtung der Cohenʼschen Schule, der Cassirer angehört, in der er aber allen anderen Vertretern, Cohen selbst, Natorp, Hartmann etc. an Weite des Blicks und Freiheit der historischen Auffassung weit überlegen ist. Gerade dieses Buch beweist das in den feinsinnigen Analysen der Denkerpersönlichkeiten, von denen ich als Beispiel die von Pascal hervorheben will. Deshalb sind nun auch die Ergebnisse des Cassirerʼschen Werks zwar nicht vollständig, aber doch | in hohem Masse von der Schulrichtung ihres Urhebers unabhängig und dürfen als neue und bleibende Errungenschaften für die Geschichte der neueren Philosophie gelten, wie sie auch als solche in der Literatur der letzten Jahre vielfache Anerkennung gefunden haben. Es ist ein Werk, aus dem wir Wertvolles in reichem Masse gelernt haben, und deshalb des Preises durchaus würdig.
Was in den letzten fünf Jahren neu erschienen ist, steht dem Cassirerʼschen Buche entweder an Umfang und Bedeutsamkeit des Gegenstandes oder an dessen wissenschaftlicher Bemeisterung oder an beiden nach. Man könnte an eine so weit angelegte Arbeit wie die von P[aul] Deussen[c] (Kiel) denken, der den 4 Bänden über die orientalische, wesentlich indische Philosophie nun die Bearbeitung der europäischen folgen zu lassen angefangen hat. Er gab 1911 seine „Philosophie der Griechen“ heraus, einen Band, der in ansprechender Darstellung nicht viel Neues bringt, in dem Neuen aber eine sehr willkürliche Interpretation der platonischen Ideenlehre zur Anähnlichung an die Schopenhauer-Deussenʼsche Metaphysik vorträgt, die nur Verwirrung zu stiften geeignet ist. Darauf ist dann noch ein Band „Philosophie der Bibel“ gefolgt, der eine so rein persönliche Auseinandersetzung enthält, dass danach von einer wissenschaftlichen Gesamtleistung nicht mehr zu reden ist.
In neuster Zeit hat Max Schinz[d] (Zürich) eine „Geschichte der französischen Philosophie der Revolution“ (ein sehr löbliches Unternehmen!) mit einem Bande über „die Anfänge des französischen Positivismus“ begonnen: doch zeigt dieser erste Band leider eine so unvollständige sachliche Kenntnis und vor allem eine so konfuse Auffassung der begrifflichen Zusammenhänge, dass auch von der Fortsetzung nicht viel zu erwarten ist.
Weit eher könnte man das Buch von C. Siegel[e] (Wien) „Geschichte der deutschen Naturphilosophie“ (1913) heranziehen. Es ist eine recht geschickte und z. T. auch sehr verständige Darstellung. Siegel ist ein Schüler von Mach und Ostwald, und das macht sich natürlich geltend, obwohl nicht aufdringlich: vielmehr ist er bemüht, auch andern Standpunkten gerecht zu werden und die Grenzen des positivistischen Denkens zu durchbrechen. Aber seine Darlegungen gehen doch sehr wenig in die Tiefe, sie bleiben in dem längst Geläufigen. Schwierigeres, wie die Entwicklung der „romantischen“ | Naturphilosophie in Novalis oder Hegel vermeidet er überhaupt. Das Buch mag seine Meriten haben, indem es den „neuesten“ Naturphilosophen zeigt, dass hinter ihren Bergen auch noch Leute wohnen: aber die wissenschaftliche Geschichte der Philosophie bereichert es nicht so, dass es prämiert zu werden verdiente.
Die Erinnerung an Kuno Fischers Wirksamkeit[f] legt es nahe, auch solche Werke in Betracht zu ziehen, welche ihrem historischen Thema nach auf der Grenze zwischen Philosophie und allgemeiner Literatur, besonders in der deutschen Geistesgeschichte um 1800 sich bewegen. Hier muss in erster Linie Eug[en] Kühnemann[g]ʼs „Herder“ genannt werden – in der völlig neuen Bearbeitung von 1912 ein Buch von tiefer und eigenartiger Auffassung, von grosszügiger und geschlossener Darstellung. Aber diese Vorzüge betreffen die Zeichnung der Persönlichkeit und ihres tragischen Wesens: für die Philosophie Herders und seiner Zeit erfahren wir kaum Neues, und doch wäre vielleicht gegenüber einer gewissen Ueberschätzung Herderʼs als Philosoph, die neuerdings heraufzieht, hier noch eine wichtige Aufgabe zu lösen. Handelte es sich um schriftstellerische Leistung als solche und läge in der eigentlichen Philosophiegeschichte nichts Bedeutsames vor, so dürfte dies Werk in erster Linie empfohlen werden.
Aehnlich scheint es mir mit zwei anderen, in ihrer Weise durchaus tüchtigen Werken zu stehen: mit Spranger[h]ʼs „W. v. Humboldt und die Humanitätsidee“ (1909) und mit Rud[olf] Unger[i]ʼs „Hamann und die Aufklärung“ (1911). Das erstere bringt in den Detailuntersuchungen (bei leider nicht glücklicher Anordnung und Darstellung) viel neues und wertvolles Material: aber es ist in seiner ganzen Durchführung gar zu sehr nicht bloss auf die Humanitätsidee, sondern direkt auf den Neuhumanismus und seine pädagogische Rolle zugeschnitten. Das andere, die beiden Bände von Unger bilden eine höchst willkommene, überaus fleissige und sachkundige, auch von allgemeineren Auffassungen und Beurteilungen getragene Spezialforschung wesentlich literarhistorischer Art, welche hohe Anerkennung verdient: aber von Philosophie und ihrer Geschichte im eigensten Sinne kommt doch (und das liegt ja gewiss zum grössten Teil am Stoff) so wenig und namentlich so wenig Neues und Eigenes darin vor, dass ich meine, auch von diesem Werke für den vorliegenden Zweck Abstand nehmen | zu sollen.
Im Ganzen komme ich danach auf die Empfehlung des Cassirerʼschen Werkes zurück. Es gehört mit seinen zwei Auflagen gewissermassen den beiden Lustren an, nach denen wir jetzt den Preis zum ersten Mal zu verteilen haben, und es darf als dasjenige Buch bezeichnet werden, aus dem unter den in diesen zehn Jahren erschienenen Werken deutscher Sprache die Wissenschaft der Geschichte der Philosophie die meiste Förderung erfahren hat.
Hiernach beantrage ich, die philosophische Fakultät wolle den Kuno-Fischer-Preis von 1914 zuerkennen
Herrn Privatdozent Professor Dr. Ernst Cassirer[3] in Berlin für sein Werk „Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit“ (2 Bde. 2. Aufl. 1911). |
Weiter beantrage ich, dem Empfänger die Wahl[4] zu lassen zwischen der goldenen Medaille (im Werte von 1500 M) oder der Summe von 1500 M mit der broncenen Medaille.
Den Rest des diesmal verfügbaren Betrages (etwa 5–600 M) schlage ich vor, zum Kapital zu legen: wie werden dann in die Lage kommen, regelmäßig alle fünf Jahre über etwa 2000 M zu verfügen und dann entweder den ganzen Betrag oder zweimal 1000 M verteilen zu können.
Heidelberg, den 9t Juli 1914
W Windelband