Carl Ledderhose an Karl (von) Hofmann[1], Straßburg, 30.5.1882, 3 S., eigenhändiger Briefentwurf, ADBR Strasbourg, 103 AL 260 Bl. 65-66
Straßburg 30/5 82
An den H[errn] Staatssekretär
Sofort!
Nachdem der ordentl[iche] Professor[2] an der philos[ophischen] Facultät der hiesigen Universität die ihm zugegangene Berufung an die Universität Jena angenommen und um Entlassung gebeten hat, habe ich die gedachte[a] Facultät zur Abgabe der erforderlichen Vorschläge wegen Wiederbesetzung der mit dem Schlusse dieses Semesters hier zur Erledigung kommenden Lehrstuhles aufgefordert. Hierauf hat die Facultät in der beigeschlossenen Eingabe vom 23. d[es] M[onats] „in gleicher Weise“ die Professoren: Hofrath Dr. Windelband zu Freiburg i/Br. und Dr. Riehl zu Graz in Vorschlag[3] gebracht.
p[4] Windelband gehört als Lehrer der Philosophie der als conservativ und gemäßigt zu bezeichnenden Richtung an, wie sie seither durch den Prof. Liebmann im Gegensatz zu der nach der radicalen Seite neigenden Richtung des Professors Laas Vertretung an der hies[igen] Universität gefunden hat. p Riehl ist zwar von katholischer Confession, gilt aber für emancipirt in seinem Verhältniß | zur Kirche und steht in philosophischen Fragen auf der Seite der Schule, welcher p Laas angehört. Vom politischen wie vom wissenschaftlichen Standpuncte erscheint es angezeigt, der letzteren Schule nicht ausschließlich das Feld an der Universität zu überlassen, sondern das bewährte Gegengewicht, welches in der Person und Lehre des Prof. Liebmann seine Stütze fand, nach dessen Abgang durch eine gleichartige Kraft wieder herzustellen.
Nach eingeholter Entscheidung seiner Excellenz des Herrn Statthalters bin ich deshalb mit Hofrath Windelband wegen Übernahme der hiesigen Professur in persönliches Benehmen getreten. Das Ergebniß ist in der hier beigefügten[5], mit ihm aufgenommenen Verhandlung d. d.[6] Freiburg d[en] 29. d[es] M[onats] niedergelegt. Danach ist p Windelband bereit, an die hies[ige] Universität unter Bedingungen überzutreten, welche im Vergleich zu der Bedeutung dieses Gelehrten und zu den Vortheilen der Stellung, die er in Freiburg aufgiebt, als mäßig bezeichnet werden dürfen. Die Zusage seiner Besoldung von jährlich 6600 M vom 1.October 1883 ab gründet sich auf ein Compromiß, ohne welches die Berufung | voraussichtlich gescheitert sein würde. Die gedachte Summe stellt den Preis dar, durch dessen Angebot Prof. Liebmann nicht bewogen werden konnte, in seiner Stellung an der hies[igen] Universität zu verbleiben, obwohl ihm der volle Betrag seiner Besoldung nicht erst nach Jahresfrist sondern alsbald bewilligt werden sollte.
Die Persönlichkeit des Prof. Windelband macht einen durchaus günstigen Eindruck, und nehme ich an, daß durch seine Berufung eine für die Univers[ität] sehr günstige Wahl getroffen sein würde.
Ew. Exc[ellenz][7] bitte ich deshalb gehors[amst], die Berufung des Prof. Dr. Windelband als ordentl[ichen] Professor an der philos[ophischen] Facultät der hies[igen] Univ[ersität] zum 1. October[b] l[aufenden] J[ahres] unter den in der anliegenden Verhandlung[c] weiter bezeichneten Bedingungen geneigtest herbeizuführen[8].
D[er] C[urator] d[er] U[niversität]
Le[d]