Regierungsratsbeschluss Nr. 366 vom 12.2.1876, Staatsarchiv des Kantons Zürich, MM 2.211 RRB 1876/0366, S. 411-416 – Regierungsratsbeschlüsse seit 1803 online[a]: http://suche.staatsarchiv.djiktzh.ch/detail.aspx?ID=3357118
12. Februar 1876.[b]
Privatdozent Wilhelm Windelband v[on] Potsdam in Leipzig; Berufung dess[elben] z[um] ordentl[ichen] Professor an d[er] philosoph[ischen] Fakultät d[er] Hochschule.[c]
Die Erziehungsdirektion berichtet:
Nach dem Abgange des Herrn Dr. Wundt, Professor der induktiven Philosophie an hiesiger Universität, welcher mit Ende des Sommersemesters 1875 nach Leipzig übersiedelte, schlug die zu einem Gutachten[1] eingeladene I. Sektion der philosophischen Fakultät zur Wiederbesetzung der Stelle vor: in erster Linie Dr. Fritz Schulze[2] in Jena, in zweiter Linie Dr. Wilhelm Windelband in Leipzig[3]. Die Erziehungsdirektion und der Erziehungsrath konnten dem Vorschlage nicht folgen, da die Richtung des Erstvorgeschlagenen mit der bei der Gründung des betreffenden Lehr|stuhles waltenden Absicht nicht zu harmoniren schien, und da mit Rücksicht auf den Zweitvorgeschlagenen, Herrn[d] Dr. Windelband, zwar die Beweise über ein bedeutendes Talent, nicht aber über den nöthigen Umfang seines Wissens und sein Lehrgeschick vorlagen.
Fortgesetzte Informationen bestätigten die Ansicht über Herrn[e] Dr. Schulze und ließen dagegen es als angezeigt erscheinen, das Augenmerk näher auf Herrn Dr. Windelband[4] zu richten.
Von literarischen Produkten[5] liegt von ihm vor:
Eine Abhandlung über den Zufall,
eine Abhandlung über[f] die Gewißheit der Erkenntniß
eine[g] Kritik der Logik von Sigwart
ein Artikel über „die Erkenntnißlehre unter dem völkerpsychologischen Gesichtspunkte.“
Diese Schriften zeichnen sich aus durch Klarheit und Tiefe des Gedankens und bezeugen ein selbstständiges und umfassendes Studium. Sie beurkunden eine genaue Kenntniß der Ergebnisse der philosophischen Psychologie, sowie der Umbildungen, welche die Philosophie durch die neueren Entwicklungen der Naturwissenschaften, durch Helmholtz[h], Fechner und andern erfahren hat. Der Standpunkt des Verfassers ruht nicht auf der Seite der metaphysischen Dogmatik son|dern im Wesentlichen auf dem Boden des Kant’schen Kriticismus, und seine logische Methode wurzelt in der Hauptsache auf der Induction.
Dr. Windelband wirkt seit 2½ Jahren als Privatdozent an der Universität Leipzig und hat sich an derselben in weiten Kreisen die Anerkennung seiner Lehrthätigkeit und Lehrgabe verschafft. Seine, in ihrem Gegenstand durch die Konkurrenz mit 11 andern Dozenten der Philosophie[6] an der Universität Leipzig einigermaßen beeinflußten Vorlesungen[7] erstreckten sich bisher auf nachfolgende Gebiete:
Historisch: Geschichte der antiken Philosophie bis Aristoteles incl[usive] Geschichte der neuern Philosophie seit der Renaissance. Entwicklungsgeschichte der Methode der deutschen Philosophie.
Darstellung und Kritik der Kant’schen Philosophie Geschichte der Erkenntnißtheorie seit Kant.
Ueber den Zusammenhang der deutschen Philosophie und der deutschen Dichtung. Kritik der Schopenhauer’schen Philosophie.
Logisch: Das Grundproblem der Erkenntnißtheorie.
Erkenntnistheorie mit Einschluß der Logik.|
Psychologisch:
Grundfragen der Psychologie,
Psychologie vom empirischen Standpunkte.
Metaphysisch:
Die Hauptpunkte der Metaphysik in[i] historisch-kritisch-philosophischer Analyse.
Daneben hielt er mit seinen Schülern Uebungen über:
Kants Kritik der reinen Vernunft
Kants[j] Prolegomena
Kants[k] Kritik der Urtheilskraft.
Spinoza’s Ethik.
Betreffend seinem Vortrag hat die Erziehungsdirektion in einigen seiner Vorlesungen, denen sie persönlich beiwohnte, das Urtheil geschöpft, daß derselbe ebenso lebendig und warm, als klar und präzis genannt werden kann.
Der Regierungsrath, nach Einsicht eines Antrages der Erziehungsdirektion, beschließt:
I. Herr Dr. Wilhelm Windelband von Potsdam, zur Zeit Privatdozent an der Universität Leipzig wird als ordentlicher Professor der philosophischen Fakultät 1. Sektion der Hochschule Zürich für inductive Philosophie auf den 12. April l[aufenden] Jahres[l] für eine Amtsdauer von 6 Jahren mit steter | Wiederwählbarkeit berufen, mit Verpflichtung zu Vorlesungen von 10–12 wöchentlichen Stunden und allfälliger Betheiligung an der Lehramtsschule gegen einen außer der gesetzlichen Kollegiengeldern 4000 Franken betragenden Jahresgehalt[8] in der Meinung, daß wenn durch die Betheiligung an der Lehramtsschule sich eine größere Stundenzahl, als die oben bezeichnete ergeben würde, dafür eine besondere Entschädigung auszusetzen ist.
An die Kosten des Umzuges von Leipzig nach Zürich wird dem Berufenen ein Betrag von 700 Franken gewährt.
II. Mittheilung an die Erziehungsdirektion und durch nachfolgende Urkunde an Herrn[m] Windelband.
Der Regierungsrath des eidgenössischen Standes Zürich beruft
auf den 12. April laufenden Jahres den Herrn Dr. Wilhelm Windelband, zur Zeit Privatdozent in Leipzig als ordentlichen Professor der philosophischen Fakultät 1. Sektion der Hochschule für inductive Philosophie für eine Amtsdauer von sechs Jahren mit steter Wiederwählbarkeit mit Verpflichtung zu Vorlesungen von 10–12 wöchentlichen Stunden und allfälliger Betheiligung | an der Lehramtsschule gegen einen außer den gesetzlichen Kollegiengeldern 4000 Franken betragenden Jahresgehalt in der Meinung, daß wenn durch die Betheiligung an der Lehramtsschule sich eine größere Stundenzahl, als die oben bezeichnete, ergeben würde, dafür eine besondere Entschädigung auszusetzen ist.