Titelaufnahme
- TitelWindelband an Heinrich Rickert, Straßburg, 20.12.1896, 4 S., hs (dt. Schrift), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_22
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Windelband an Heinrich Rickert, Straßburg, 20.12.1896, 4 S., hs (dt. Schrift), UB Heidelberg, http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/heidhs2740IIIA-224_22
Strassburg iE. 20.12.96
Lieber Herr College,
Für den freundlichen Apfelgruß, den uns Hensel’s von Ihnen mitbrachten, sagen wir Ihnen und Ihrer verehrten Frau Gemahlin[a] herzlichsten Dank: sie haben uns nicht nur vorzüglich geschmeckt, sondern auch zu besonderer Freude die schönen Stunden in Erinnerung gebracht, welche wir bei Ihnen verlebten. Durch Hensel erfuhr ich auch, daß Ihr Unwohlsein, über das wir uns hier schon Sorge gemacht hatten, sich als Influenza entpuppt hat: darf man es so leichter ansehen und auf seine baldige völlige Hebung hoffen, so will ich doch von Herzen wünschen, daß Sie inzwischen Ihre volle Kraft und Frische wiedergewonnen haben. |
Durch Mitteilungen H[ensels] wurden mir auch briefliche Enthüllungen von Münsterberg erläutert. Diesen bedaure ich auf das Lebhafteste: das ist doch mit das Stärkste, was man erleben kann, – obwol man ja zuletzt reiche Erfahrungen hat sammeln können, reich genug, um das Wort „unmöglich“ aus dem Bereich akademischer Machenschaften[1] zu streichen. In diesen Fällen wünsche ich dringend, daß es möglich wird, den „Schurken“[2] zu entlarven: wenn ich dabei zu größter Vorsicht rate, so geschieht es lediglich aus dem Grunde, damit es so vollständig und so gründlich gelinge, daß wir den Kerl loswerden. Es ist eine unangenehme und schwere Verantwortung für Münsterberg: ich wünsche ihm, die Sache erst hinter sich zu haben. |
Was wird denn nun aus den Habilitationen bei Ihnen? Herr[b] Jonas Cohn ist zu mir nicht zurückgekehrt; er schrieb, daß er sich zunächst in Fr[eiburg] niederlassen wolle. Ob er noch an die hiesige Habilitation[3] denkt? Zu raten ist ja wahrlich Niemandem dazu; aber noch keinem, der sich dazu geneigt zeigte, habe ich so ungern alle dieser Schwierigkeiten vorgehalten wie ihm: denn er machte einen durchaus tüchtigen und sachlich ernsthaften Eindruck.
Wie steht es mit Ihrer Arbeit? Ich bin sehr begierig auf ihre Fortsetzung[4]. In diesen Wochen hat mich von dem neu Erschienen am meisten Hartmann’s Kategorienlehre[5] interessirt; es ist viel Gutes darin, wenn auch in den noch sehr starken Eierschalen des Unbewußten[6]. Der Mann hat doch den sehr seltenen Weg von der Popularität zur Wissenschaftlichkeit | glücklich gemacht; und wenn unser Einer ihm jetzt mehr und mehr Anerkennung zollt, so sieht er sich von dem Schwarm verlassen, der ja inzwischen längst den kräftiger ziehenden Mystagogen[7] gefunden hat.
Sieht man Sie zu Weihnachten? Es wäre sehr schön! Jedenfalls mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus Ihr getreuer
Windelband
Kommentar zum Textbefund
Kommentar der Herausgeber
1↑akademischer Machenschaften ] es gelang Hugo Münsterberg (1863–1916) nicht, nach seinen Erfolgen in Harvard (Professur seit 1892) in Deutschland eine Professur zu erhalten. V. a. zwei Gründe machte Münsterberg dafür verantwortlich: die ausgesprochene Feindschaft der philosophischen Fakultäten, insbesondere der Freiburger, der experimentellen Psychologie gegenüber, sowie den grassierenden akademischen Antisemitismus, der Münsterberg besonders deswegen betroffen machte, weil er mit dem Judentum außer seiner „Abstammung“ nichts zu tun habe (Münsterberg an Wundt vom 26.3.1896). Vgl. die Briefe Münsterbergs des Jahres 1896 an Wilhelm Wundt (https://histbest.ub.uni-leipzig.de/content/estate_wundt.xed), die von den vergeblichen Bemühungen Münsterbergs, Riehls, Rickerts u. a. zeugen und die Namen seiner „Feinde“ (Johannes von Kries, vgl. Münsterberg an Wundt vom 31.3.1896, selbst Paul Natorp, den er für seinen Freund gehalten habe) nennen. Münsterberg hatte mit Rufschädigung in Freiburg bereits zu kämpfen, als seine Ernennung zum Extraordinarius zu scheitern drohte, vgl. UA Freiburg, B 38/323 Habilitation Hugo Münsterberg: Alois Riehl hob in seinem Antrag vom 5.12.1890 hervor, daß Münsterberg seit WS 1878/88 als erfolgreicher Lehrer wirke (seit SS 1888 auch für experimentelle Psychologie in einem Laboratorium, das Münsterberg privat betrieb, mit einem staatlichen Zuschuß von lediglich 200 Mark). Riehl erwähnt weiter Münsterbergs Neigung zu rascher, nicht hinlänglich vorbereiteter Schlußfolgerungen, die indes leicht korrigierbar sei. Das war das Einfallstor für den Senat, am 19.1.1891 den Antrag nicht zu befürworten: Dagegen scheint uns die Gründlichkeit und Tiefe der Ueberlegung und die Sorgsamkeit der Kritik nicht gleiches Lob zu verdienen. Wir lassen dabei nicht außer Acht, daß die Arbeiten sich auf Gebiete bewegen, in welchen von jeher die Meinungen sehr auseinander gegangen sind, u[nd] in welchen man daher verpflichtet ist, auch Anschauungen, die man selbst für unrichtig hält, zu respektiren. Wichtiger als die positive Richtigkeit oder Falschheit einzelner Ergebnisse scheint es uns, daß in manchen Fällen die behandelten Probleme überhaupt keine Lösung erfahren, sondern nur durch eine gewandte Discussion u[nd] durch die Formulirung mehr scharf pointirter als klar durchdachter Sätze der Schein einer wirklichen Beantwortung bedeutungsvoller Fragen erzeugt wird. Unsere Meinung ist dabei nicht etwa, daß Herr M[ünsterberg] durch Hervorbringung eines solches Scheines den Leser zu täuschen trachte; er wird vielmehr selbst durch ihn getäuscht. Der Grund hierfür liegt wohl zum Theil in einer Herrn M[ünsterberg] eigenthümlichen starken Ueberschätzung seiner eigenen Ideen; zum Theil muß es darin gefunden werden, daß Herr M[ünsterberg] philosophische u[nd] psychologische Fragen nicht so gründlich erfaßt, wie dies wohl verlangt werden kann und wie es auch ihm selbst wahrscheinlich möglich sein würde, wenn nicht die Neigung zu schneller Produktion u[nd] effektvoller Darstellung dem hinderlich entgegenstände. Eine derartige glänzende aber oberflächliche Behandlung philosophischer Gegenstände hat, wenigstens in Deutschland, niemals auf die Dauer Anerkennung gefunden. […] Ueber die Vorträge […] geht die allgemeine Ansicht dahin, daß auch diese zwar durch oratorisches Geschick sich auszeichnen, aber auch den Beifall der Hörer mehr als billigenswerth gerade durch den rednerischen Effekt erstreben. Die Ernennung erfolgte trotzdem 1892.2↑„Schurken“ ] Paul Natorp. Münsterberg, der hoffte, die Nachfolge des verstorbenen Richard Avenarius in Zürich antreten zu können, wurde Opfer einer Schmutzkampagne, vgl. sein Schreiben an Wilhelm Wundt vom 30.12.1896 (https://histbest.ub.uni-leipzig.de/content/estate_wundt.xed): Die Züricher Affaire ist nämlich inzwischen so unsauber geworden, daß ich Ihnen kaum […] zumuten kann, so erbärmlich Unschönes anzuhören. Es mag genügen Ihnen vertraulich zu berichten, daß in den Züricher Regierungs- und Fakultätskreisen, durch die Vermittlung des Extraordinarius Stiefel dort, ein umfangreiches anonymes Machwerk circulierte, das in geradezu infernalischer Weise durch ganz willkürlich verstümmelte Citate aus allen je über mich erschienenen ungünstigen Kritiken und eigne Zutat nachwies, daß ich kein Psychologe und ein Psychologe kein Philosoph ist. Der Dekan schickte es mir heimlich zu, damit ich – wie er sich ausdrückte – „die Pfote des Schurken“ ermitteln könnte. Ich erkannte auf den ersten Blick die Hand meines Freundes Natorp, von dem ich ein Dutzend der freundlichsten Briefe habe. Ich kann von der Sache keinen weiteren Gebrauch machen, da die Entlarvung ja nur durch eine Indiskretion des Dekans erfolgte. Zusammenfassend urteilte Münsterberg über die akademischen Verhältnisse in Deutschland bei seinem endgültigen Abschied nach Harvard gegenüber Wundt am 25.3.1897: Nur nach schweren inneren Kämpfen habe ich den Entschluß gefaßt, aber ich bin überzeugt, daß es der rechte ist. Ich weiche lediglich dem Antisemitismus. Durch Informationen aus allerbesten Quellen weiß ich jetzt, daß ich auch in Zürich die Stelle nur meiner Abstammung wegen nicht erhalten habe. Und so würde es immer und immer wieder gehn, alle meine Freunde und unter ihnen ältere erfahrene Professoren sind der Überzeugung, daß für lange Zeit ein getaufter Jude keine Professur für Philosophie erwarten darf. Die Freiburger wollten für mich thun, was sie nur thun konnten, […] man wollte mein Extraordinariat etatmässig gestalten […], auch v[on] Kries interessierte sich freundlichst nach dieser Richtung. Aber allerseits hieß es doch auch, daß ich mir klar sein müsse, daß die Stelle meiner Abstammung willen nie in ein Ordinariat verwandelt werden könne. Nun liegt mir an Titeln garnichts, aber da in der akademischen Welt die Laufbahn nun einmal auch in den Augen des jüngsten Studenten als Kritik der Leistungen betrachtet wird, so kann die sichere Aussicht, von jedem Dummkopf überflügelt zu werden, nur entweder zur Verbitterung oder zur Resignation führen, die beide die Arbeitskraft lähmen. Alle Welt, vor kurzem noch Windelband, rieten mir daher, die große glänzende Stellung, die ich drüben habe, nicht leichtsinnig auszuschlagen.3↑hiesige Habilitation ] Jonas Cohn (1869–1947) habilitierte sich an der Universität Freiburg bei Rickert mit der Schrift Beiträge zur Lehre von den Wertungen; Erteilung der venia legendi am 9.4.1897. Am 13.8.1901 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt (UA Freiburg, B 38/339, Habilitation Jonas Cohn).4↑Fortsetzung ] der 2. Teil von Rickerts Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung erschien 1902.6↑Eierschalen des Unbewußten ] Anspielung auf Eduard von Hartmanns Buch Philosophie des Unbewußten von 1869.▲
