<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head profile="http://dublincore.org/documents/dcq-html/"><meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8"/><title>Hermann Sudermann an Vaihinger, Berlin-Grunewald, 16.9.1918, 4 S., Ts. mit eU, Briefkopf HERMANN SUDERMANN | BLANKENSEE BEI TREBBIN (KR. TELTOW) | BERLIN-GRUNEWALD | BETTINASTR. 3, Wasserzeichen mit Wappenschilden und Beischrift Colambo Colambo, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 7 m</title><link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/"/><link rel="schema.DCTERMS" href="http://purl.org/dc/terms/"/><meta name="DC.publisher" content="University of Wuppertal"/><meta name="DC.subject" content="Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger"/><meta name="DC.creator" content="Jörn Bohr"/><meta name="DC.creator" content="Gerald Hartung"/><meta name="DC.contributor" content="Bülow &amp; Schlupkothen XML services"/><meta name="DC.identifier" content="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001352-6"/><style type="text/css">
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Vaihinger an Sudermann vom 29.8.1918&#xD;&#xA;">Ihr freundliches Schreiben</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-1" id="app-editorial-1-ref" title="Ihr freundliches Schreiben ] vgl. Vaihinger an Sudermann vom 29.8.1918">[1]</a> vor mir und verlangt eine ausführliche Antwort. Doch regen Sie zu viel wichtige Fragen an, als dass ich imstande wäre, mit Sorgfalt darauf einzugehen. Hierzu würde selbst ein Essay kaum ausreichen. Es handelt sich ja um nicht mehr oder weniger als die Aufgaben der Bühne überhaupt. Sicherlich hat das <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-1" title="Drama ] hs. über der Zeile eingefügt&#xD;&#xA;">Drama</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-1" id="app-philological-1-ref" title="Drama ] hs. über der Zeile eingefügt">[a]</a> eine sozial-ethische Pflicht zu erfüllen, mit der keine andere künstlerische Hervorbringung sich messen darf. Aber die Bühne ist, meine ich, auch noch unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten. Der dichterische Erkenntnis- und Bekenntnisdrang hat ein Recht, das nicht bestritten werden kann, und schafft Werte, die, ohne <span class="ED-pb">|</span> eigentliche ethische Zwecke zu verfolgen, durch die Klarlegung von Problemen, durch den Hinweis auf verborgene Schäden dem Volkswohl nützlicher sein können als solche mit ausgesprochen moralischen Tendenzen.</p><p class="ED-p">Sodann wäre der Charakter des Publikums in Betracht zu ziehen, dem das Drama dargeboten wird. Ein Volksstück, das sich von vornherein an die breite Masse wendet, wird vorsichtiger gestaltet sein müssen als eine Studie, die die ethischen Schlüsse zu ziehen dem Verständnis einer ausgewählten Hörerschaft überlassen darf. Mit einer solchen Schar Auserwählter hat ein Werk wie der „Weibsteufel“ in erster Reihe zu rechnen. Das, was als Volk hinterherkommt, wird einfach hinnehmen müssen, was ihm als geprägtes Urteil bereits vorliegt. Wollte der Künstler bei seinem Schaffen ausschliesslich auf die Instinkte und geistigen Gaben der breiten Masse Rücksicht nehmen, so würde er in der künstlerischen Verwertung der Umwelt über <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-2" title="banalste Banalitäten ] so wörtlich&#xD;&#xA;">banalste Bana</span><span class="ED-pb"><span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-2" title="banalste Banalitäten ] so wörtlich&#xD;&#xA;">|</span></span><span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-2" title="banalste Banalitäten ] so wörtlich&#xD;&#xA;">litäten</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-2" id="app-philological-2-ref" title="banalste Banalitäten ] so wörtlich">[b]</a> kaum hinauskommen. Nach diesem Grundsatze wird zur Zeit von den Zensoren das Kino behandelt, und ich meine, dass das dichterische Schaffen nicht auf das gleiche Niveau gestellt werden dürfte. Ihm wird mit anderen Freiheiten auch die gewahrt bleiben müssen, die Bilanz von Schuld und Sühne ausser Acht zu lassen, selbst auf die Gefahr hin, dass dieses oder jenes feingestimmte Gewissen daran Anstoss nimmt. Und so möchte ich auch den Schluss des „Weibsteufel“ betrachten, der wohl befremden mag, der aber schliesslich einer inneren Wahrheit nicht entbehrt. Der Schluss, den Sie vorschlagen, hat sicherlich Vieles für sich, ob er aber lebensvoller wirkt als der des Autors, möchte ich dahingestellt sein lassen.</p><p class="ED-p">Ich wünschte wohl, hochverehrter Herr Geheimrat, dass ich imstande wäre, mich über diese Fragen im Zusammenhang zu äussern, um der wertvollen Anregung gerecht zu werden, die Sie uns geben. Hoffentlich <span class="ED-pb">|</span> bleibt mir später einmal die Zeit dazu. Augenblicklich beisse ich mir selber an dem Thema „Weibsteufel“ die Zähne aus.</p><p class="ED-p">In aufrichtiger Verehrung Ihr allzeit ergebener</p><p class="ED-signed">Hermann Sudermann</p></div><h2 class="ED-app-title">Kommentar zum Textbefund</h2><div class="ED-app-philological" id="app-philological-1"><span class="ED-app-num">a</span><a href="#app-philological-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Drama</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="handschriftlich" class="ED-abbr">hs.</abbr> über der Zeile eingefügt</div><div class="ED-app-philological" id="app-philological-2"><span class="ED-app-num">b</span><a href="#app-philological-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem"><span class="ED-lem">banalste Banalitäten</span></span><span class="ED-lem-sep"> ] </span> so wörtlich</div><h2 class="ED-app-title">Kommentar der Herausgeber</h2><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-1"><span class="ED-app-num">1</span><a href="#app-editorial-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Ihr freundliches Schreiben</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Vaihinger an Sudermann vom 29.8.1918</div></div></body></html>