<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head profile="http://dublincore.org/documents/dcq-html/"><meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8"/><title>Vaihinger an Hans Prager, Halle, 15.5.1911, 6 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf PROF. DR. H. VAIHINGER | Halle a. S., d. … 19 | Reichardtstr. 15., Wienbibliothek im Rathaus, Wien, H.I.N.-131781</title><link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/"/><link rel="schema.DCTERMS" href="http://purl.org/dc/terms/"/><meta name="DC.publisher" content="University of Wuppertal"/><meta name="DC.subject" content="Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger"/><meta name="DC.creator" content="Jörn Bohr"/><meta name="DC.creator" content="Gerald Hartung"/><meta name="DC.contributor" content="Bülow &amp; Schlupkothen XML services"/><meta name="DC.identifier" content="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001067-5"/><style type="text/css">
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Vaihinger an Prager vom 10.5.1911&#xD;&#xA;">Ihre Abhandlung in dem Wiener-Studentenbuch</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-1" id="app-editorial-1-ref" title="Ihre Abhandlung in dem Wiener-Studentenbuch ] vgl. Vaihinger an Prager vom 10.5.1911">[1]</a> in Ruhe durchzulesen; <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-1" title="zu ] Zu&#xD;&#xA;">zu</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-1" id="app-philological-1-ref" title="zu ] Zu">[a]</a> meiner Genugtuung kann ich Ihnen mitteilen, daß ich mit dem Grundgedanken Ihrer Abhandlung durchaus einverstanden bin und <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-2" title="ihn ] Einfügung über der Zeile&#xD;&#xA;">ihn</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-2" id="app-philological-2-ref" title="ihn ] Einfügung über der Zeile">[b]</a> für sehr treffend halte. Daß Sie zwischen <u>philosophiren</u> und <u>Philosophie</u> einen scharfen Unterschied machen, ist nur zu billigen, ebenso verdient es Anerkennung, wenn Sie im Verfolg dieses Gedankens die These durchführen, daß zwar der Jugend eine besondere Art des Philosophierens eigne, <abbr title="das heißt" class="ED-abbr">d. h.</abbr>: die <u>subjektive</u> Art und Weise, wie sich die philosophische <span class="ED-pb">|</span> Tätigkeit manifestiere, daß man aber deshalb durchaus nicht sagen könne, daß die Philosophie eines jungen Mannes weniger <u>objektiven</u> Wert habe, als die eines Älteren.</p><p class="ED-p">Ich akzeptiere diese richtige Bemerkung um so lieber, als sie ganz auf meinen eigenen Fall paßt. <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-2" title="Das Werk ] die Rede ist von Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911).&#xD;&#xA;">Das Werk</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-2" id="app-editorial-2-ref" title="Das Werk ] die Rede ist von Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911).">[2]</a>, welches ich jetzt als bald 60jähriger herausgegeben habe, habe ich als 25jähriger verfaßt (wenigstens in seinen beiden ersten Teilen); den 3. Teil habe ich jetzt neu geschrieben, aber doch nur auf Grund der damaligen Konzeptionen. Was ich als 25jähriger geschrieben habe, hat trotz der subjektiven Färbung, welche diesem Alter eignet, und die sich besonders im ersten Teile <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-3" title="manchmal störend ] Einfügung über der Zeile&#xD;&#xA;">manchmal störend</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-3" id="app-philological-3-ref" title="manchmal störend ] Einfügung über der Zeile">[c]</a> geltend macht, doch vielleicht einen objektiv bedeutenden Wert und ich hoffe, daß die Geschichte der Philosophie das anerkennen wird.</p><p class="ED-p">Freilich wäre es mir von Wert, wenn ich nicht erst auf das Urteil der Historiker der Phi<span class="ED-pb">|</span>losophie warten müßte, denn das würde ich vielleicht nicht mehr erleben, sondern, wenn auch schon in der Gegenwart die Bedeutung des Werkes anerkannt würde.</p><p class="ED-p">Insofern möchte ich dasjenige, was Sie <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-3" title="Seite 166 in der Mitte sagen ] bei Prager heißt es: Einzig und allein hat also die Geschichte der Philosophie den Wert philosophischer Tätigkeit anzugeben; einzig die Geschichte kann lehren, welche philosophische Tätigkeit dem geistigen Fortschritt, der geistigen Bereicherung und Vertiefung des Menschengeschlechtes dienstbar gewesen ist […].&#xD;&#xA;">Seite 166 in der Mitte sagen</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-3" id="app-editorial-3-ref" title="Seite 166 in der Mitte sagen ] bei Prager heißt es: Einzig und allein hat also die Geschichte der Philosophie den Wert philosophischer Tätigkeit anzugeben; einzig die Geschichte kann lehren, welche philosophische Tätigkeit dem geistigen Fortschritt, der geistigen Bereicherung und Vertiefung des Menschengeschlechtes dienstbar gewesen ist […].">[3]</a>, etwas zurecht stellen: Sie meinen, daß „einzig die Geschichte lehren könne, welche philosophische Tätigkeit für die Vertiefung des Menschengeschlechts dienstbar gewesen sei“; aber dann würde ja niemals ein Urteil eines Kritikers über ein soeben erscheinendes Werk berechtigt sein. Dann würde niemals ein Kritiker sagen können, daß dieses oder jenes Werk von Bedeutung sei; sicher meinen Sie dies selbst auch, und nur die Ausdrucksweise auf Seite 166 kann in dieser mißverständlichen Weise aufgefaßt werden.</p><p class="ED-p">Auch an einigen anderen Stellen kann der Ausdruck zu Mißverständnissen Ver<span class="ED-pb">|</span>anlassung geben: So, wenn <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="Sie sagen auf Seite 167 ] bei Prager heißt es: Namentlich ist es die Theorie des Erkennens, die Erkenntnistheorie, wie sie ja heißt, die als Theorie der Theorien jeder wissenschaftlichen Betätigung vorangeht, und deren Schöpfer Kant ist, der sich – von seinen großen Vorgängern Locke, Hume und Leibniz ausgehend in echt wissenschaftlicher Weise das Problem der Wissenschaft überhaupt seinem Scharfsinne vorführte.&#xD;&#xA;">Sie sagen auf Seite 167</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-4" id="app-editorial-4-ref" title="Sie sagen auf Seite 167 ] bei Prager heißt es: Namentlich ist es die Theorie des Erkennens, die Erkenntnistheorie, wie sie ja heißt, die als Theorie der Theorien jeder wissenschaftlichen Betätigung vorangeht, und deren Schöpfer Kant ist, der sich – von seinen großen Vorgängern Locke, Hume und Leibniz ausgehend in echt wissenschaftlicher Weise das Problem der Wissenschaft überhaupt seinem Scharfsinne vorführte.">[4]</a>: „Daß die Erkenntnistheorie jeder wissenschaftliche Betätigung vorangehe“; das ist theoretisch ganz richtig, daß die Erkenntnis-Theorie das Fundament aller wissenschaftlicher Betätigung ist, aber praktisch ist die wissenschaftliche Tätigkeit wie früher, so auch jetzt zum Glück unabhängig. Von einer vorangehenden Erkenntnistheorie.</p><p class="ED-p">Auf derselben Seite steht der Ausdruck: „<span class="ED-name">Kant</span> habe das Problem der Wissenschaft überhaupt seinem Scharfsinn vorgeführt“; diese Ausdrucksweise ist etwas hart.</p><p class="ED-p">Auf Seite 168 unten heißt es: „jedes Philosophiren ist gleich wahr“; das kann ebenfalls mißverstanden werden. Der Ausdruck wahr – dürfte hier besser durch einen anderen ersetzt werden, da das <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-4" title="philosophiren ] so wörtlich&#xD;&#xA;">philosophiren</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-4" id="app-philological-4-ref" title="philosophiren ] so wörtlich">[d]</a> als Tätigkeit gar nicht unter dieses Prädikat gehört, sondern nur das Produkt, die Philosophie. <span class="ED-pb">|</span></p><p class="ED-p">Mögen Sie aus diesen kleinen Ausstellungen erkennen, daß ich Ihre Arbeit mit Interesse und Sorgfalt durchgesehen habe. Gerade von dieser Arbeit selbst gilt, was Sie in Ihrer These mit Recht behaupten: die Ausdrucksweise und die Art des philosophirens ist jugendlich, aber der Inhalt als solcher, die Gedanken selbst sind durchaus zutreffend und berechtigt. So darf es Sie mit Genugtuung erfüllen, daß Ihre Abhandlung würdig befunden worden ist, in das Buch aufgenommen zu werden; sie ist es durchaus wert und verdient diese Anerkennung.</p><p class="ED-p">Mit bestem Gruß Ihr ergebener</p><p class="ED-signed">H. Vaihinger</p><hr class="ED-postscript"/><p class="ED-p"><abbr title="Post Skriptum" class="ED-abbr">P. S.</abbr> Vielleicht darf ich Sie bitten, in den Briefen an mich, nicht mehr farbiges Papier zu <span class="ED-pb">|</span> nehmen, sondern nur rein weißes – mit Rücksicht auf meine Augen, denen die zweite Papierfarbe angenehmer ist.</p></div><h2 class="ED-app-title">Kommentar zum Textbefund</h2><div class="ED-app-philological" id="app-philological-1"><span class="ED-app-num">a</span><a href="#app-philological-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">zu</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><span class="ED-rdg">Zu</span></div><div class="ED-app-philological" id="app-philological-2"><span class="ED-app-num">b</span><a href="#app-philological-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">ihn</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Einfügung über der Zeile</div><div class="ED-app-philological" id="app-philological-3"><span class="ED-app-num">c</span><a href="#app-philological-3-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">manchmal störend</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Einfügung über der Zeile</div><div class="ED-app-philological" id="app-philological-4"><span class="ED-app-num">d</span><a href="#app-philological-4-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">philosophiren</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>so wörtlich</div><h2 class="ED-app-title">Kommentar der Herausgeber</h2><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-1"><span class="ED-app-num">1</span><a href="#app-editorial-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Ihre Abhandlung in dem Wiener-Studentenbuch</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Vaihinger an Prager vom 10.5.1911</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-2"><span class="ED-app-num">2</span><a href="#app-editorial-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Das Werk</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>die Rede ist von Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911).</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-3"><span class="ED-app-num">3</span><a href="#app-editorial-3-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Seite 166 in der Mitte sagen</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>bei Prager heißt es: <span class="ED-rdg">Einzig und allein hat also die Geschichte der Philosophie den Wert philosophischer Tätigkeit anzugeben; einzig die Geschichte kann lehren, welche philosophische Tätigkeit dem geistigen Fortschritt, der geistigen Bereicherung und Vertiefung des Menschengeschlechtes dienstbar gewesen ist […].</span></div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-4"><span class="ED-app-num">4</span><a href="#app-editorial-4-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Sie sagen auf Seite 167</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>bei Prager heißt es: <span class="ED-rdg">Namentlich ist es die Theorie des Erkennens, die Erkenntnistheorie, wie sie ja heißt, die als Theorie der Theorien jeder wissenschaftlichen Betätigung vorangeht, und deren Schöpfer Kant ist, der sich – von seinen großen Vorgängern Locke, Hume und Leibniz ausgehend in echt wissenschaftlicher Weise das Problem der Wissenschaft überhaupt seinem Scharfsinne vorführte.</span></div></div></body></html>