<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"><head profile="http://dublincore.org/documents/dcq-html/"><meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=UTF-8"/><title>Bartholomäus von Carneri an Vaihinger, Graz, 2.10.1884, 4 S., hs., Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 4 d, Nr. 22</title><link rel="schema.DC" href="http://purl.org/dc/elements/1.1/"/><link rel="schema.DCTERMS" href="http://purl.org/dc/terms/"/><meta name="DC.publisher" content="University of Wuppertal"/><meta name="DC.subject" content="Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger"/><meta name="DC.creator" content="Jörn Bohr"/><meta name="DC.creator" content="Gerald Hartung"/><meta name="DC.contributor" content="Bülow &amp; Schlupkothen XML services"/><meta name="DC.identifier" content="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-000349-8"/><style type="text/css">
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Octob<span class="ED-add">[er]</span> 1884.</p><p class="ED-salute">Hochverehrter Herr!</p><p class="ED-p">Entschuldigen Sie die Verspätung <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-1" title="meiner Antwort ] Schreiben Vaihingers, auf das sich die Antwort Carneris bezieht, nicht überliefert; vgl. die Briefzitate im folgenden.&#xD;&#xA;">meiner Antwort</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-1" id="app-editorial-1-ref" title="meiner Antwort ] Schreiben Vaihingers, auf das sich die Antwort Carneris bezieht, nicht überliefert; vgl. die Briefzitate im folgenden.">[1]</a>. Eine Verschlimmerung <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-2" title="meines Übels ] vgl. Carneri an Vaihinger vom 16.11.1878&#xD;&#xA;">meines Übels</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-2" id="app-editorial-2-ref" title="meines Übels ] vgl. Carneri an Vaihinger vom 16.11.1878">[2]</a>, wie ich sie alljährlich ein paar Mal durchmachen muß und mich immer zwingt, alles für mich ohnehin sehr mühsame Schreiben auf das unerläßlichste Quantum zu beschränken, ist allein daran Schuld.</p><p class="ED-p">Es thut mir sehr leid, <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-3" title="Sie geärgert ] meint: mit Carneris Besprechung über Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus, vgl. die vorangegangene Korrespondenz.&#xD;&#xA;">Sie geärgert</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-3" id="app-editorial-3-ref" title="Sie geärgert ] meint: mit Carneris Besprechung über Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus, vgl. die vorangegangene Korrespondenz.">[3]</a> zu haben. Hätte ich das vorausgesehen, ich würde die Besprechung gewiß unterlassen haben. Daß ich Sie geärgert habe, ersehe ich daraus, daß Sie mir Unrecht thun. Wie können Sie sagen „in meiner Überzeugung liege die stille Voraussetzung: <span class="ED-pb">|</span> <span class="ED-name">Kant</span> ist ein großer Philosoph, <u>also</u> <u>kann</u> er sich nicht widersprechen“? – Da ich doch nicht nur das Vorhandensein von Anhaltspunkten zu verschiedener Deutung zugebe, sondern dies als „eine mehr als dunkle Seite am Wirken dieses Riesengeistes“ (<abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 151) bezeichne. Macht ein Bibelgläubiger, mit dem Sie mich vergleichen, ähnliche Concessionen? Und wenn Sie gar sagen: „Kann nicht deshalb doch die Auffassung, welche Sie selbst von dem Zusammenhang der Dinge haben, bestehen, selbst wenn <span class="ED-name">Kant</span> sich widersprochen hat?“ – so stellen Sie mich einfach auf Eine Linie mit dem <span class="ED-name">Pastor Krause</span> <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="in Kuno Fischer’s neuester Schrift ] vgl. Kuno Fischer: Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für Herrn Pastor Krause in Hamburg. Stuttgart: Cotta 1884 (Teil der literarischen Fehde um die Deutung Kants Opus postumum).&#xD;&#xA;">in </span><span class="ED-name"><span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="in Kuno Fischer’s neuester Schrift ] vgl. Kuno Fischer: Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für Herrn Pastor Krause in Hamburg. Stuttgart: Cotta 1884 (Teil der literarischen Fehde um die Deutung Kants Opus postumum).&#xD;&#xA;">Kuno Fischer</span></span><span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-4" title="in Kuno Fischer’s neuester Schrift ] vgl. Kuno Fischer: Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für Herrn Pastor Krause in Hamburg. Stuttgart: Cotta 1884 (Teil der literarischen Fehde um die Deutung Kants Opus postumum).&#xD;&#xA;">’s neuester Schrift</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-4" id="app-editorial-4-ref" title="in Kuno Fischer’s neuester Schrift ] vgl. Kuno Fischer: Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für Herrn Pastor Krause in Hamburg. Stuttgart: Cotta 1884 (Teil der literarischen Fehde um die Deutung Kants Opus postumum).">[4]</a>. Das kann unmöglich Ihr Ernst sein. Nach meiner Überzeugung liegt es sehr im Interesse der Wissenschaft, dass <span class="ED-name">Kant</span>’s wahre <span class="ED-pb">|</span> Anschauung klargelegt und festgehalten werde, damit die modernen Metaphysiker wenigstens nicht auf ihn sich berufen können. Die leben ja nur von ihm.</p><p class="ED-p">Die Widersprüche, die Sie in Ihrem Briefe hervorheben, gebe ich alle zu; aber zugeben kann ich nicht, daß <span class="ED-name">Kant</span> gezwungen, logisch gezwungen war, die Consequenz zu ziehen, zu der Sie gelangen. Was Sie von <span class="ED-name">Kant</span>’s Verhältniß zu <span class="ED-name">Jacobi</span> sagen, schwächt Ihre ganze Argumentation ab. Man <u>kann</u> auch von <span class="ED-name">Kant</span> zu <span class="ED-name">Fichte</span> gelangen; aber man muß nicht und darin liegt’s. Ebensowenig kann ich zugeben, wie Sie in Ihrem Briefe wollen, daß <span class="ED-name">Kant</span> nicht dem naiven Materialismus verfalle, wenn er eine von der Vorstellung unabhängige Außenwelt <u>im</u> <u>Raum</u> annimmt. Nur der Materialis<span class="ED-pb">|</span>mus kann den Raum von der Vorstellung trennen, <span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-1" title="und … ist ] mit Bleistift unterstrichen&#xD;&#xA;">und da </span><span class="ED-name"><span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-1" title="und … ist ] mit Bleistift unterstrichen&#xD;&#xA;">Kant</span></span><span class="ED-text-lem" itemref="app-philological-1" title="und … ist ] mit Bleistift unterstrichen&#xD;&#xA;"> nie Materialist gewesen ist</span><a class="ED-anchor" href="#app-philological-1" id="app-philological-1-ref" title="und … ist ] mit Bleistift unterstrichen">[a]</a>, so kann er diese und ähnliche Worte nicht so verstanden haben. Würde mir bewiesen, daß er diese Worte materialistisch verstanden habe, dann fände auch ich einen fundamentalen Widerspruch, der das Ganze zerstört, würde mir aber auch <span class="ED-name">Kant</span> aufhören der große Philosoph zu sein, als der er immer mir gegolten hat. Da Sie im besagten Falle den Materialismus nicht zugeben, so liegt vielleicht der eigentliche Dissens zwischen mir und Ihnen in einem Punkte, der mir entgangen ist.</p><p class="ED-p">Sobald das Octoberheft des „Kosmos“ erscheint, sende ich Ihnen eine <span class="ED-text-lem" itemref="app-editorial-5" title="kleine Abhandlung ] vgl. Carneri: Zum Problem des Schönen. In: Kosmos 8 (1884), 15. Bd. von Juli–Dezember, S. 241–251 (Heft ausgegeben am 20.10.1884).&#xD;&#xA;">kleine Abhandlung</span><a class="ED-anchor" href="#app-editorial-5" id="app-editorial-5-ref" title="kleine Abhandlung ] vgl. Carneri: Zum Problem des Schönen. In: Kosmos 8 (1884), 15. Bd. von Juli–Dezember, S. 241–251 (Heft ausgegeben am 20.10.1884).">[5]</a>. Bis dahin seien Sie mir herzlich gegrüßt und bleiben Sie gut Ihrem aufrichtig ergebenen</p><p class="ED-signed">B. Carneri</p></div><h2 class="ED-app-title">Kommentar zum Textbefund</h2><div class="ED-app-philological" id="app-philological-1"><span class="ED-app-num">a</span><a href="#app-philological-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem"><span class="ED-lem">und … ist</span></span><span class="ED-lem-sep"> ] </span> mit Bleistift unterstrichen</div><h2 class="ED-app-title">Kommentar der Herausgeber</h2><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-1"><span class="ED-app-num">1</span><a href="#app-editorial-1-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">meiner Antwort</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>Schreiben Vaihingers, auf das sich die Antwort Carneris bezieht, nicht überliefert; <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> die Briefzitate im folgenden.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-2"><span class="ED-app-num">2</span><a href="#app-editorial-2-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">meines Übels</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Carneri an Vaihinger vom 16.11.1878</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-3"><span class="ED-app-num">3</span><a href="#app-editorial-3-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">Sie geärgert</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span>meint: mit Carneris Besprechung über Vaihinger: Zu Kants Widerlegung des Idealismus, <abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> die vorangegangene Korrespondenz.</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-4"><span class="ED-app-num">4</span><a href="#app-editorial-4-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">in <span class="ED-name">Kuno Fischer</span>’s neuester Schrift</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Kuno Fischer: Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für Herrn Pastor Krause in Hamburg. Stuttgart: Cotta 1884 (Teil der literarischen Fehde um die Deutung <span class="ED-name">Kant</span>s Opus postumum).</div><div class="ED-app-editorial" id="app-editorial-5"><span class="ED-app-num">5</span><a href="#app-editorial-5-ref" class="ED-app-corresp" title="back to content">↑</a><span class="ED-lem">kleine Abhandlung</span><span class="ED-lem-sep"> ] </span><abbr title="vergleiche" class="ED-abbr">vgl.</abbr> Carneri: Zum Problem des Schönen. In: Kosmos 8 (1884), 15. <abbr title="Band" class="ED-abbr">Bd.</abbr> von Juli–Dezember, <abbr title="Seite" class="ED-abbr">S.</abbr> 241–251 (Heft ausgegeben am 20.10.1884).</div></div></body></html>