<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001518-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Adolf Grimme</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>21.10.1930</date>, <note>3 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">Prof. Dr. phil. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med h. c. | Dr. jur. h. c. | Halle a. d. S., den … 19… | Reichardtstr. 15</quote>, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl Adolf Grimme, Nr. 2615</bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1518" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001518-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1930-10-21">21.10.1930</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118697811">Adolf Grimme</persName></correspAction><note type="mentioned"><name>Emil Fuchs</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118569333">Friedrich Albert Lange</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name></note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Adolf Grimme</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>21.10.1930</date>, <note>3 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">Prof. Dr. phil. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med h. c. | Dr. jur. h. c. | Halle a. d. S., den … 19… | Reichardtstr. 15</quote>, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl Adolf Grimme, Nr. 2615</head></front><body><dateline>21. Oktober 1930</dateline><salute><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-849"/>Hochverehrter Herr Staatsminister Grimme!<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-849"/></salute><p>Sie erinnern sich vielleicht, dass ich am 22. März d<add>[iesen]</add> J<add>[ahres]</add> gelegentlich meines Glückwunsches zu Ihrer Ernennung zum preussischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-850"/>in Aussicht gestellt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-850"/> habe, Ihnen ein Exemplar der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-851"/>5. Auflage meines Buches „<name>Nietzsche</name> als Philosoph“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-851"/> zu überreichen. Dabei bemerkte ich, dass ich in der Neubearbeitung gelegentlich der Erörterung der Stellung <name>Nietzsche</name>s zum Sozialismus auch mich auf Sie beziehen werde. Das ist geschehen. Auf <abbr>S.</abbr> 56 meiner beiliegenden Schrift habe ich in einer längeren Anmerkung das Verhältnis <name>Nietzsche</name>s zum Sozialismus <abbr>resp.</abbr> Kollektivismus erörtert, soweit es in einer solchen Anmerkung geschehen kann und dabei habe ich Ihre Antrittsrede im Februar 1930 <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-852"/>erwähnen können<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-852"/>.</p><p>Dass ich diese neue Auflage meines Buches, die ich Ihnen für den April <abbr>resp.</abbr> Mai in Aussicht gestellt hatte, erst jetzt übersende, liegt an verschiedenen Umständen, vor allem an einem elfwöchentlichen Kuraufenthalt in Bad Suderode a<add>[m]</add> H<add>[arz]</add>. Erst jetzt kann ich das Buch verschicken, das vielleicht auch von anderen Gesichtspunkten aus Ihr Interesse erwecken mag. So darf ich vielleicht darauf hinweisen, dass ich in dem Buch nachgewiesen habe, dass <name>Nietzsche</name> durch seinen Zusammenbruch Ende 1888 verhindert worden ist, die Ansätze zu einer <hi rend="underline">vierten Periode seiner Entwicklung</hi> zur Reife zu bringen: ganz offenbar stand er unmittelbar davor, seine negative Stellung zur Religion und speziell zum Christentum, wie er sie in abschreckender Weise <pb/> im „Antichrist“ dargestellt hat, zwar nicht zurückzunehmen, wohl aber zu ergänzen durch eine <hi rend="underline">positive Würdigung</hi> des ethischen und aesthetischen Wertes der religiösen Vorstellungen, und zwar im Sinne der Fiktionslehre der „Philosophie des Als Ob“. Dies habe ich auf <abbr>S.</abbr> 94 und 95 herausgestellt, wie ich glaube, in überzeugender Weise.</p><p>Damit steht ja nun im Zusammenhang, dass die „Philosophie des Als Ob“ durchaus nicht, wie viele Theologen glauben, religionsfeindlich ist. Sie ist vielmehr <hi rend="underline">religionsfreundlich</hi>, wie ich dies auch in einer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-853"/>grösseren Arbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-853"/> entwickelt habe, von der ich demnächst Separatabdrücke zu versenden imstande sein werde.</p><p>Auch Vertreter des „religiösen Sozialismus“, wie <abbr>z. B.</abbr> der mir persönlich sehr gut bekannte <hi rend="underline">Pastor Lic. <abbr>Dr.</abbr> <name>Emil Fuchs</name> in Eisenach</hi> stellen sich positiv zu den Auffassungen der Religion, welche im Anschluss an <name>Kant</name> schon <name>Friedrich Albert Lange</name> und dann weiterhin die „Philosophie des Als Ob“ entwickelt haben.</p><p>Leider hatte ich, als Sie in Halle die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-854"/>pädagogische Akademie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-854"/> eröffneten und ich Ihre Eröffnungsrede anhören konnte, keine Gelegenheit, mich Ihnen vorzustellen, was mir, dem Erblindeten und jetzt Neunundsiebzigjährigen ja besonders schwierig ist. Vielleicht ergibt sich dazu einmal eine andere Gelegenheit.</p><p>Mit dem Ausdruck aufrichtiger Verehrung Ihr ergebenster</p><signed>H. Vaihinger <pb/></signed><postscript><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-855"/><hi rend="underline">Nachtrag.</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-855"/><hi rend="underline"/></p><p>Vielleicht darf ich noch auf Folgendes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-856"/>hinweisen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-856"/>. Die jetzt erscheinenden billigen Ausgaben der Werke von <name>Nietzsche</name> kommen natürlich nun leicht in die Hände der Schüler höherer Lehranstalten und vielleicht sogar auch in die Hände älterer Schüler von Mittelschulen und sogar von Volksschulen.</p><p>So entsteht die Gefahr, dass dadurch in den Köpfen dieser jungen Leute Verwirrung angerichtet <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-857"/>wird<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-857"/>, dass sie die paradoxen Aussprüche von <name>Nietzsche</name> missverstehen und gar in schiefer Weise zur Anwendung bringen.</p><p>Das ist eine grosse Gefahr für alle Lehranstalten.</p><p>Es wird sich deshalb die Notwendigkeit herausstellen, dass die Lehrer aller dieser Lehranstalten „Arbeitsgemeinschaften“, wie sie durch die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-858"/>preussischen „Richtlinien“ für die höheren Schulen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-858"/> vorgesehen sind, einrichten müssen, um Schaden zu verhüten oder schon entstandene Verwirrung zu bekämpfen. Für solche „Arbeitsgemeinschaften“ empfiehlt es sich nun aber durchaus nicht, etwa die Schriften von <name>Nietzsche</name> selbst zu lesen. Wohl aber dürfte es zweckmässig sein, mit den Schülern in solchen „Arbeitsgemeinschaften“ <hi rend="underline">ein Buch über <name>Nietzsche</name> vorzunehmen</hi>, in welchem <hi rend="underline">objektiv</hi> über denselben berichtet wird, ohne (einseitige) Kritik, die dem Lehrer und den älteren Schülern selbst überlassen bleiben muss.</p><p>Ich darf wohl annehmen und auch offen aussprechen, dass mein Buch „Nietzsche als Philosoph“ sich gerade sehr wohl dazu eignet, <hi rend="underline">in Arbeitsgemeinschaften höherer Schulen </hi>und auch von <hi rend="underline">pädagogischen Akademien</hi> zu Grunde gelegt zu werden. Von verschiedenen Lehrern solcher Anstalten ist mir wenigstens versichert worden, dass gerade mein Buch dazu sehr geeignet sei.</p><p>Ganz ergebenst</p><p>H. V.</p></postscript></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-849"><lem>Hochverehrter Herr Staatsminister Grimme!</lem><note>über der Anrede Vermerk von Grimmes <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>Hrn MR Richert | wegen des „Nachtrags“ spräche ich gern einmal mit Ihnen Gr 22/10</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-850"><lem>in Aussicht gestellt</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Grimme vom 22.3.1930</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-851"><lem>5. Auflage meines Buches „<name>Nietzsche</name> als Philosoph“</lem><note>5., erweiterte <abbr>u.</abbr> vermehrte <abbr>Aufl.</abbr> Langensalza: Hermann Beyer &amp; Söhne (Beyer &amp; Mann) 1930 (Bausteine zu einer Philosophie des Als-Ob <abbr>N. F.</abbr> <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> H. Vaihinger. Heft 1 = F. Manns Pädagogisches Magazin Heft 1170).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-852"><lem>erwähnen können</lem><note><abbr>S.</abbr> 57, in <abbr>Anm.</abbr> 1.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-853"><lem>grösseren Arbeit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Ist die Philosophie des Als-Ob religionsfeindlich? In: Gunnar Aspelin <abbr>u.</abbr> Elof Åkesson (<abbr>Hg.</abbr>): Studier tillägnade Efraim Liljequist den 24 september 1930. Andra bandet. Lund: Aktiebolaget Skånska Centraltryckeriet 1930, <abbr>S.</abbr> 193–222 (auch separat erschienen); sowie E. Fries: Ist Vaihingers Philosophie des Als-Ob religionsfeindlich? In: Hallische Nachrichten, <abbr>Nr.</abbr> 21 vom 26.1.1931, <abbr>S.</abbr> 3.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-854"><lem>pädagogische Akademie</lem><note>gegründet 1930 zur akademischen Ausbildung von Volksschullehrern, <abbr>vgl.</abbr> Wolfgang Werth: Die Vermittlung von Theorie und Praxis an den preussischen pädagogischen Akademien 1926–1933. Dargestellt am Beispiel der Pädagogischen Akademie Halle/Saale (1930–1933). Frankfurt <abbr>a. M.</abbr>: dipa-Verlag 1985 (Dissertation Frankfurt <abbr>a. M.</abbr> 1984).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-855"><lem><hi rend="underline">Nachtrag.</hi></lem><note>neuer Bogen rechts oben gezählt mit </note><rdg>II</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-856"><lem>hinweisen</lem><rdg>Hinweisen</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-857"><lem>wird</lem><note><abbr>hs.</abbr> von anderer <abbr>Hd.</abbr> über der Zeile eingefügt, für gestrichen: </note><rdg>ist</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-858"><lem>preussischen „Richtlinien“ für die höheren Schulen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Hans Richert: Richtlinien für die Lehrpläne der höheren Schulen Preußens 1. Teil. Grundsätzliches und Methodisches. Berlin: Weidmann 1925.</note></app></listApp></back></text></TEI>