<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001511-7</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Adolf Grimme</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>22.3.1930</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">Prof. Dr. phil. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med h. c. | Dr. jur. h. c. | Halle a. d. S., den … 19… | Reichardtstr. 15</quote>, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl Adolf Grimme, Nr. 2615</bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1511" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001511-7"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1930-03-22">22.3.1930</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118697811">Adolf Grimme</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118563319">Friedrich Maximilian Klinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name></note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Adolf Grimme</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>22.3.1930</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">Prof. Dr. phil. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med h. c. | Dr. jur. h. c. | Halle a. d. S., den … 19… | Reichardtstr. 15</quote>, Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, VI. HA, Nl Adolf Grimme, Nr. 2615</head></front><body><dateline>22. März 1930</dateline><salute>Hochverehrter Herr Staatsminister <abbr>Dr.</abbr> Grimme!</salute><p>Als vor einigen Wochen die Zeitungen Ihre Ernennung zum Preussischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung mitteilten, erinnerte ich mich sofort daran, dass Sie mir im Mai 1919 noch als Studienassessor in Leer Ihr Interesse sowohl für die Kantgesellschaft als für die „Philosophie des Als Ob“ durch einen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-802"/>freundlichen Zuruf<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-802"/> kundgaben, worauf ich Ihnen auch alsbald meinen Dank aussprach. Natürlich beschloss ich sofort auch, Ihnen zu Ihrem neuen hohen Amte meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen, aber ich wollte damit zugleich doch auch eine literarische Gabe meinerseits verbinden können und hoffte, in kurzer Zeit Ihnen ein Exemplar der 5. Auflage meiner Schrift „<name>Nietzsche</name> als Philosoph“ <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-803"/>mitsenden zu können<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-803"/>, in der ich übrigens gelegentlich der Erörterung der Stellung <name>Nietzsche</name>s zum Sozialismus auch Ihrer gedacht habe. Indessen wurde die Ausführung dieser Absicht durch zufällige Umstände bei der Druckerei immer mehr hinausgeschoben, sodass ich es nun doch nicht länger anstehen lassen kann, Ihnen noch nachträglich zu Ihrer Ernennung meine aufrichtigen Glückwünsche auszusprechen, hoffend, Ihnen im nächsten Monat die genannte Schrift zusenden zu können.</p><p>So muss ich mich heute darauf beschränken, Ihnen nur ein kleines Parergon mitzuschicken, einen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-804"/>Feuilleton-Aufsatz<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-804"/>, der zwar schon einige Monate alt ist, aber Sie doch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-805"/>vielleicht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-805"/> noch interessiert, da er sich auf das Problem der Religion des Als Ob bezieht, was ja beim Religionsunterricht, besonders in den Oberklassen der höheren Schulen, von Wichtigkeit sein könnte. Denn <pb/> für viele fortgeschrittene Primaner ist es schwer, die metaphysischen <abbr>resp.</abbr> religiösen Zweifel einfach zu unterdrücken und da hilft erfahrungsgemäss die Als-Ob-Betrachtung dazu, solche Zweifeler <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-806"/>doch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-806"/> wenigstens von dem dauernden ethischen und aesthetischen Wert der Religion zu überzeugen. So kann das bewährte Alte unter neuer Flagge, mit neuem Vorzeichen herübergerettet werden.</p><p>Sie, hochverehrter Herr Staatsminister, haben die grosse und schwere Aufgabe übernommen, das Neue, was mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-807"/>Sturm und Drang<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-807"/> nach Verwirklichung strebt und nach dem Lichte drängt, mit dem bewährten Alten zu versöhnen und eben diesem bewährten Alten die Möglichkeit zu geben, auch in der neuen Zeit, aber in neuer Form seine Geltung sich zu erhalten. So werden Sie einerseits mit den Vertretern des Alten, andererseits mit den Fahnenträgern des Neuen sich auseinandersetzen müssen, werden dann aber doch schliesslich wohl nach manchen Kämpfen die Majorität der Vernünftigen für sich gewinnen.</p><p>Es sind viele und schwere Fragen der Kultur, die eine Entscheidung verlangen und so werden Sie, hochverehrter Herr Staatsminister, hoffentlich für viele Jahre lang Gelegenheit haben, Grosses zu schaffen.</p><p>In aufrichtiger Verehrung Ihr ergebener</p><signed>H. Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-802"><lem>freundlichen Zuruf</lem><note>nicht überliefert; <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Grimme vom 13.5.1919.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-803"><lem>mitsenden zu können</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Grimme vom 21.10.1930</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-804"><lem>Feuilleton-Aufsatz</lem><note>vermutlich Vaihinger: Haeckels Herzensfreundin und ihre Religion des Als-Ob. Ein Gedenkblatt um [!] zehnjährigen Todestage Ernst Haeckels, 9. August 1919. In: Deutsche Zeitung Bohemia (Prag) vom 8.8.1929, <abbr>S.</abbr> 1–2. Wiederabdruck <abbr>u. d. T.</abbr>: Haeckels Herzensfreundin. Ihre Religion des Als Ob. In: Vossische Zeitung, <abbr>Nr.</abbr> 376 vom 11.8.1929, Beilage: Das Unterhaltungsblatt <abbr>Nr.</abbr> 186, <abbr>S.</abbr> 2–3 (=28–29). – Zum Kontext <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Grimme vom 21.10.1930.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-805"><lem>vielleicht</lem><rdg>vielleicht,</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-806"><lem>doch</lem><rdg>och</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-807"><lem>Sturm und Drang</lem><note>auch Anspielung auf die der literarischen Bewegung den Namen gebende Komödie: Sturm und Drang (1776) von <name>Friedrich Maximilian Klinger</name>.</note></app></listApp></back></text></TEI>