<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001509-1</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Carl Albrecht Bernoulli</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Arlesheim (Schweiz)</placeName>, <date>3.3.1930</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 2 n</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1509" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001509-1"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118828649">Carl Albrecht Bernoulli</persName><placeName>Arlesheim (Schweiz)</placeName><date when="1930-03-03">3.3.1930</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118828649">Carl Albrecht Bernoulli</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11919239X">Charles Andler</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11853419X">Elisabeth Förster-Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116247444">Erich Podach</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118590960">Franz Overbeck</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/127679677">Heinrich Köselitz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 2 n</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Carl Albrecht Bernoulli</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Arlesheim (Schweiz)</placeName>, <date>3.3.1930</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 2 n</bibl></head></front><body><dateline>Arlesheim den 3. März 1930</dateline><salute>Hochgeehrter Herr Geheimrat,</salute><p>Für die Ehre, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-789"/>Ihr Schreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-789"/> vom 28. Febr<add>[uar]</add> zu erhalten, sage ich Ihnen verbindlichsten Dank. An der Stelle <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-790"/>zwischen den beiden eckigen Klammern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-790"/> ist folgender Satz ausgelassen worden: (anschliessend ohne Absatz an: – provocieren) „Ich habe nicht eher die Hände frei, bevor ich nicht den jungen Kaiser <hi rend="underline">sammt</hi> Zubehör in den Händen habe.“ (Absatz, dann: Unter uns! –) <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-791"/>(Briefwechsel <name>Nietzsche</name>-<name>Overbeck</name> <abbr>S.</abbr> 453 <abbr>Z.</abbr> 2 v<add>[on]</add> o<add>[ben])</add><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-791"/></p><p>Ich ersuche Sie diese Mitteilung einer Stelle, zu deren Geheimhaltung ich mich vor mehr als 15 Jahren gegenüber dem <name>Nietzsche</name>archiv aus Anlass der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-792"/>Abschliessung des Processvergleichs<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-792"/> verpflichtet habe, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-793"/>vertraulich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-793"/> zu behandeln. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-794"/>Ebenso vertraulich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-794"/> füge ich bei, dass sie binnen kurzem gedruckt zu lesen sein wird, bei <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-795"/><name>Erich <hi rend="underline">Podach</hi></name>, <name>Nietzsche</name>s Hadesfahrt Heidelberg Niels Kampmann<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-795"/> – nach Schweizer Recht ist im August d<add>[es]</add> J<add>[ahres]</add> (und nicht erst wie in Deutschland am 1. Jan<add>[uar]</add> 1931) der Urheberschutz <name>Nietzsche</name>scher Niederschriften <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-796"/>hinfällig und diese sind<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-796"/> zum Nachdruck frei. – <pb/></p><p>Was Ihre zweite Frage betrifft, ob „diese merkwürdige Stelle jemals zum Gegenstand der Diskussion gemacht worden“ sei, so ist mir „in der schweizerischen Literatur“, wie Sie sich ausdrücken, allerdings kein Beispiel bekannt. Es ist auch besser, dass diese Aeusserung unerörtert blieb – denn bei Kriegsausbruch wurde N<add>[ietzsche]</add> in törichtester Weise als geistiger Kriegsurheber in Frankreich und leider auch bei uns in der Schweiz bezichtigt und diese Stelle hätte in publizistischer Verwendung nur Oel ins Feuer geschüttet. Wohl aber habe ich im privaten Briefwechsel mit meinem Freunde <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-797"/><name>Charles </name><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-798"/><name>Andler</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-798"/><name/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-797"/><name/> in Paris diese Aeusserungen erwogen und wir waren beide der Meinung, N<add>[ietzsche]</add> habe unter dem „Verzweiflungskrieg“ einen Krieg verstanden, in welchem Deutschland unterliege. Insofern erscheint mir diese <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-799"/>„dämonisch hellseherische Prophezeiung“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-799"/>, wie Sie richtig sagen, auch heute noch nicht dazu angetan, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-801"/>an die grosse Glocke gehängt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-801"/> zu werden. Aber die Forschung soll sich mit ihr beschäftigen.</p><p>In vorzüglicher Hochachtung und Ergebenheit bin ich Ihr</p><signed>Carl Albr. Bernoulli</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-789"><lem>Ihr Schreiben</lem><note>es sind keine Schreiben Vaihingers an <name>Bernoulli</name> überliefert. Am 28.2.1930 hatte sich Vaihinger offenbar im Zuge der Vorbereitung der 5. <abbr>Aufl.</abbr> von </note><rdg>Nietzsche als Philosoph</rdg><note> (<abbr>s. u.</abbr>) an <name>Bernoulli</name> gewandt, siehe die Zitate nach Vaihinger im vorliegenden Schreiben.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-790"><lem>zwischen den beiden eckigen Klammern</lem><note><abbr>vgl.</abbr> <abbr>Nr.</abbr> 318, Friedrich Nietzsche an Franz Overbeck, nach 28.12.1888, in: Richard Oehler/Carl Albrecht Bernoulli (<abbr>Hg.</abbr>): Friedrich Nietzsches Briefwechsel mit Franz Overbeck. Leipzig: Insel 1916, <abbr>S.</abbr> 452–453 (hier Ausschnitt der von <name>Bernoulli</name> bezeichneten Stelle am Seitenwechsel 452/453, Auslassung in eckigen Klammern wie in der Vorlage): </note><rdg>– Ich selber arbeite eben an einem Promemoria für die europäischen Höfe zum Zwecke einer antideutschen Liga. Ich | will das „Reich“ in ein eisernes Hemd einschnüren und zu einem Verzweiflungs-Krieg provociren. [– –] </rdg><note>(folgt Absatz)</note><rdg> Unter uns! Sehr unter uns! –</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-791"><lem>(Briefwechsel … v. o.)</lem><note> Parenthese in der Vorlage in eckigen Klammern</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-792"><lem>Abschliessung des Processvergleichs</lem><note>über die Bedingungen des Erscheinens von Oehler/Bernoulli (<abbr>Hg.</abbr>): Friedrich Nietzsches Briefwechsel mit Franz Overbeck (1916). Vorausgegangen waren 1907 erhobene postume Anschuldigungen <name>Elisabeth Förster-Nietsches</name> gegen <name>Franz Overbeck</name>, die sich nach dessen Tod auf <name>Bernoulli</name> als <name>Overbeck</name>s Verteidiger übertrugen. Gegen <name>Bernoulli</name>s zweibändiges Werk </note><rdg>Franz Overbeck und Friedrich Nietzsche</rdg><note> erwirkte <name>Elisabeth Förster-Nietzsche</name> 1908 eine einstweilige Verfügung, die Unterlassung des Abdruckes von Zitaten aus Briefen <name>Nietzsche</name>s <abbr>bzw.</abbr> <name>Heinrich Köselitz</name>’ an <name>Overbeck</name> betreffend, die gegen <name>Elisabeth Förster-Nietzsche</name> gerichtet waren (<abbr>vgl.</abbr> David Marc Hofmann: Zur Geschichte des Nietzsche-Archivs. Elisabeth Förster-Nietzsche, Fritz Koegel, Rudolf Steiner, Gustav Naumann, Josef Hofmiller. Chronik, Studien und Dokumente. Berlin/New York: de Gruyter 1991 (Supplementa Nietzscheana. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> W. Müller Lauter <abbr>u.</abbr> K. Pestalozzi, <abbr>Bd.</abbr> 2), <abbr>S.</abbr> 62–63, 75–78 <abbr>u.</abbr> 89–90).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-793"><lem>vertraulich</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angekreuzt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-794"><lem>Ebenso vertraulich</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angekreuzt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-795"><lem>Erich … Kampmann</lem><note> <abbr>vgl.</abbr> Erich Friedrich Podach: Nietzsches Zusammenbruch. Beiträge zu einer Biographie auf Grund unveröffentlichter Dokumente. Heidelberg: Niels Kampmann 1930. Zitat der Briefstelle <name>Nietzsche</name>s dort auf <abbr>S.</abbr> 77.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-796"><lem>hinfällig und diese sind</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-798"><lem><name>Andler</name></lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift angekreuzt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-797"><lem><name>Charles </name><name>Andler</name><name/></lem><note>1866–1933, Germanist <abbr>u. a.</abbr> an der Sorbonne, Paris; verfasste eine sechsbändige Biographie: Nietzsche. Sa vie et sa pensée. Paris: Bossard 1920–1931.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-799"><lem>„dämonisch hellseherische Prophezeiung“</lem><note>wahrscheinlich Zitat nach brieflicher Mitteilung, denn Vaihingers Buch war zum Zeitpunkt der Abfassung des Schreibens noch nicht erschienen. <abbr>Vgl.</abbr> Vaihinger: Nietzsche als Philosoph. 5., <abbr>erw.</abbr> <abbr>u.</abbr> <abbr>verm.</abbr> <abbr>Aufl.</abbr> Langensalza: Hermann Beyer &amp; Söhne (Beyer &amp; Mann) 1930 (Bausteine zu einer Philosophie des Als-Ob <abbr>N. F. Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> H. Vaihinger. Heft 1 = F. Manns Pädagogisches Magazin Heft 1170)<anchor type="delimiter"/>, <abbr>S.</abbr> 85 (im Anhang; nur in dieser Ausgabe): </note><rdg>So ist jene furchtbare Äußerung [</rdg><note>von einer antideutschen Liga zur Provokation eines Verzweiflungskrieges</note><rdg>] entstanden, in welcher Nietzsche mit hellseherischer und wahrhaft dämonischer Phantasie den Weltkrieg prophezeite, ja herbeiwünschte.</rdg><note> <abbr>Vgl.</abbr> <abbr>dass.</abbr>, <abbr>S.</abbr> 102–108: </note><rdg>Dritter Nachtrag. Nietzsches „Zusammenbruch“ und das Nietzsche-Archiv</rdg><note>, in dem Vaihinger im Zusammenhang mit <name>Podach</name>s Veröffentlichung (Nietzsches Zusammenbruch. Heidelberg 1930), auf die Vaihinger durch <name>Bernoulli</name> aufmerksam gemacht wurde, noch einmal auf <name>Nietzsche</name>s </note><rdg>hellseherische Klarheit</rdg><note> zu sprechen kommt (<abbr>S.</abbr> 103). Im weiteren Verlauf stimmt Vaihinger eine Eloge auf <name>Elisabeth Förster-Nietzsche</name> an. Die Briefstellen <name>Nietzsche</name>s gegen seine Schwester, auf die <name>Podach</name> Wert legt, quittiert Vaihinger auf <abbr>S.</abbr> 105 mit den Worten:</note><rdg> Der Herausgeber Podach hat sein Buch dazu benützt oder wir können auch sagen, dazu mißbraucht, um nun auch allerlei Stellen aus Briefen Nietzsches mitzuteilen, in denen sich letzterer schon vor der Zusammenbruchzeit […] sehr unzufrieden über seine Schwester äußert […]. Jene Äußerungen von N. zeugen von derselben Maßlosigkeit, die wir ja auch sonst von N. kennen, und die eben schon ein allzuhäufiger Vorbote der späteren Erkrankung war. Aber auch abgesehen davon, so kommen solche Verstimmungen, Mißverständnisse und Mißverhältnisse doch in den meisten Familien vor. Für jeden verständigen sind jene übellaunigen Äußerungen von N. über sein Schwester nicht Anhaltspunkte, um daraus gegen die letztere Waffen zu schmieden, sondern bieten im Gegenteil den Anlaß dazu, um das spätere Verhalten von Frau Dr. Förster-Nietzsche ihrem Bruder gegenüber zu bewundern.</rdg><note> – Das Erscheinen von Vaihingers Buch ist gemeldet in: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel 97 (1930), <abbr>Nr</abbr>. 206 von Freitag, 5.9.1930, Bibliographischer Teil, [<abbr>S.</abbr> 6341]. – Meldung des Erscheinens von <name>Podach</name>s Buch in <abbr>dass.</abbr>, <abbr>Nr.</abbr> 27 von Sonnabend, 29.3.1930, Bibliographischer Teil, <abbr>S.</abbr> 2567 (erreichbar via <ref type="link">https://www.boersenblatt-digital.de/</ref> (29.9.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-801"><lem>an die grosse Glocke gehängt</lem><note>Vaihinger hat die von <name>Bernoulli</name> mitgeteilte Auslassung aus dem Schreiben <name>Nietzsche</name>s an <name>Overbeck</name> (<abbr>s. o.</abbr>) nicht zitiert.</note></app></listApp></back></text></TEI>