<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001505-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Wilhelm Bölsche</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Schreiberhau (Szklarska Poręba, Polen)</placeName>, <date>22.7.1929</date>, <note>6 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 c, Nr. 2</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1505" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001505-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/117609587">Wilhelm Bölsche</persName><placeName>Schreiberhau (Szklarska Poręba, Polen)</placeName><date when="1929-07-22">22.7.1929</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118544381">Ernst Haeckel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/12257589X">Frida von Uslar-Gleichen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119060159">Johannes Walther</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116359161">Walter Haeckel</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 c, Nr. 2</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Wilhelm Bölsche</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Schreiberhau (Szklarska Poręba, Polen)</placeName>, <date>22.7.1929</date>, <note>6 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 3 c, Nr. 2</bibl></head></front><body><dateline>Oberschreiberhau <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-753"/><hi rend="superscript">i</hi>/R<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-753"/></dateline><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-754"/>Villa Carmen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-754"/></dateline><dateline>22.7.29.</dateline><salute>Hochverehrter Herr Geheimrat!</salute><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-755"/>Ihr Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-755"/> war mir eine große Freude. An jene <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-756"/>Stunden des Zusammenseins<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-756"/> bewahre ich dankbare Erinnerung. Wäre mein letzter Aufenthalt in Halle nicht so sehr kurz und durch verschiedene wissenschaftliche Dinge so sehr in Anspruch genommen gewesen, würde ich mir erlaubt haben, Sie aufzusuchen.</p><p>Ich denke mir, daß das Buch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-757"/>„Franziska von Altenhausen“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-757"/> auch Ihnen eine Stunde der <pb/> tiefen Ergriffenheit vor menschlicher Lebenstragik gewährt hat. Dem Herausgeber gebührt Dank, daß er neben dem Bilde unseres Freundes, das ja allen, die ihn näher kannten, in seiner Größe, wie in seiner, ich möchte sagen, „bunten Oberfläche“ so vertraut und durchsichtig ist, diesen wundervollen Frauencharakter, wenn auch leise abgeblendet, gerettet hat. Was <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-758"/>den Namen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-758"/> anbetrifft, so las ihn mein lieber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-759"/>Freund <name>Walther</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-759"/><name/> etwas anders, ich wollte aber (bei der Belanglosigkeit dieser Sache) nicht korrigieren, da ich <pb/> gelegentlich gleichsam ehrenwörtlich verpflichtet worden war, ihn nicht zu nennen. Immerhin ist auch er ja heute kaum noch ein Geheimnis – und warum auch! Mit dem Briefwechsel war ich eine Weile selbst verknüpft. In bewegter Stunde hatte <name>Haeckel</name> ihn mir zur späteren Herausgabe anvertraut. Nach seinem Tode schien indessen den rechtlichen Erben eine andere Verfügung erwünschter. Das Ende des prachtvollen Menschenkindes war nach <name>Haeckel</name>s bestimmter Versicherung in der Tat <pb/> ein freiwilliges. Mitbestimmend war dabei wohl der wunderbare Sachverhalt, daß die zarte junge, etwas kranke Seele zerbrach, weil sie sich der ungestümen <hi rend="underline">Jugend</hi> des so viel älteren Mannes nicht gewachsen fühlte. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-760"/>Semele<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-760"/>, die im Feuer ihres Gottes verbrannte. Vielleicht hätte ein Dichter diese Griechensage auch so wenden können, daß das liebende Menschenmädchen größer war als der Gott in seiner ewigen Blitzglorie – und daß darin die echte Tragik bestand. Götter sind <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-761"/>immer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-761"/> etwas oberflächlich und langweilig gegen heiße ringende Menschen. – Uebrigens hat <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-762"/>der alte Zeus<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-762"/> die Sache doch nicht ganz so rasch überwunden, sein glücklicher Kindergeist half ihm nur immer wieder auf die „Oberfläche“. Ich denke unendlich bewegter Bekenntnisse aus seinem Munde – im Frühjahr 1905. Das Trostlose seiner Weltanschauung knüpfte in solchem Moment an die schmerzlichsten persönlichen Erlebnisse an und erschien so tief ehrwürdig. Ein paar Stunden darauf pries er dann vor anderen wieder mit strahlenden <pb/> Augen das „Wahre, Gute, Schöne“ in der Welt, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-763"/>als ob …<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-763"/></p><p>Vielleicht kommt Ihnen mein Buch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-764"/>„Naturgeheimnis“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-764"/> in der Neubearbeitung von 1922 (Diederichs) mit meiner Grabrede auf <name>Haeckel</name> gelegentlich in die Hand. Die Rede wurde (obwohl auch sie <name>Haeckel</name>s Wunsch war) in Folge von Nichteinladung dazu seitens der Hinterbliebenen damals nicht gehalten, enthält aber mein auch innerlich letztes Wort wohl zu <name>Haeckel</name>. Ernst, ohne Ueberschwang, wie man nach so viel Jahren guter Freundschaft sieht, aber auch ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-765"/>wenig darüber hinaus sieht. Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer</p><signed>Wilhelm Bölsche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-765"/></signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-753"><lem><hi rend="superscript">i</hi>/R</lem><note>aufzulösen: im Riesengebirge</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-754"><lem>Villa Carmen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Bölsche an Vaihinger vom 27.5.1920</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-755"><lem>Ihr Brief</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-756"><lem>Stunden des Zusammenseins</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-757"><lem>„Franziska von Altenhausen“</lem><note>Franziska von Altenhausen. Ein Roman aus dem Leben eines berühmten Mannes in Briefen aus den Jahren 1898/1903. Aus einem echten Briefwechsel gestaltet von Johannes Werner. Leipzig: Koehler &amp; Amelang 1927. – Zugrunde lag der Briefwechsel <name>Frida von Uslar-Gleichen</name> (1864–1903) mit <name>Ernst Haeckel</name> (1834–1919). – <name>Walter Haeckel</name> (1868–1939), <name>Ernst Haeckel</name>s Sohn aus 2. Ehe, verfasste: Agnes Haeckel, geb. Huschke, Ernst Haeckels zweite Frau. Ein Nachtrag zu dem Briefwechselroman: Franziska von Altenhausen. Pritzwalk: Tienken <abbr>o. J.</abbr> Sonderdruck aus: Die Drei 8 (1929), <abbr>S.</abbr> 581–596.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-758"><lem>den Namen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> zur Aufdeckung des Pseudonyms Franziska von Altenhausen für <name>Frida von Uslar-Gleichen</name>: Vaihinger: Haeckels Herzensfreundin. Ihre Religion des Als Ob. In: Vossische Zeitung, <abbr>Nr.</abbr> 376 vom 11.8.1929, Beilage: Das Unterhaltungsblatt <abbr>Nr.</abbr> 186, <abbr>S.</abbr> 2–3 (= 28–29, erreichbar via <ref type="link">https://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/</ref> (27.9.2024)), dort auch über den von <name>Haeckel</name> selbst vermuteten Suizid der Herzkranken (<abbr>s. u.</abbr>).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-759"><lem>Freund <name>Walther</name></lem><note>gemeint ist <name>Johannes Walther</name>, <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Heinrich Schmidt vom 4.7.1929.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-760"><lem>Semele</lem><note>mythologische Gestalt des griechischen Altertums; Geliebte des Zeus, die diesen dazu brachte, sich ihr in vollem Glanz zu zeigen, was ihr den Flammentod brachte, <abbr>vgl.</abbr> Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Wilhelm Heinrich Roscher. 4. <abbr>Bd.</abbr> Leipzig: Teubner 1909–1915 [!], <abbr>Sp.</abbr> 670–671.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-761"><lem>immer</lem><note>davor am neuen Bogenbeginn: </note><rdg>2)</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-762"><lem>der alte Zeus</lem><note>Anspielung auf <name>Ernst Haeckel</name></note></app><app type="philological" corresp="#ED-763"><lem>als ob …</lem><note>Interpunktion wie in der Vorlage, keine Auslassung</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-764"><lem>„Naturgeheimnis“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Bölsche: Naturgeheimnis. 11.–15. Tausend. Vollständig umgearbeitete <abbr>u.</abbr> erweiterte Neuauflage Jena: Eugen Diederichs 1922; darin <abbr>S.</abbr> 14–44: Ein letztes Wort zu Haeckel.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-765"><lem>wenig … Bölsche</lem><note> um 90° gedreht auf den linken <abbr>Rd.</abbr> geschrieben</note></app></listApp></back></text></TEI>