<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001504-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Heinrich Schmidt</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.7.1929</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Postskriptum von anderer Hd., Briefkopf </note><quote type="rdg">Dr. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med. h. c. | Halle a. d. S., den … 192 …| Reichardtstr. 15</quote><note>, Wasserzeichen </note><quote type="rdg">MANILA | SCHREIBMASCHINEN</quote><note>, darunter Flügelrad</note>, <bibl type="pubPlace">Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1504" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001504-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1929-07-04">4.7.1929</date></correspAction><correspAction type="received"><persName>Heinrich Schmidt</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118544381">Ernst Haeckel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/12257589X">Frida von Uslar-Gleichen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118569333">Friedrich Albert Lange</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119060159">Johannes Walther</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name>Karl Richard Vaihinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/130192384">Thomas Bach</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117609587">Wilhelm Bölsche</name></note><note type="repository">Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-733"/><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Heinrich Schmidt</persName><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-733"/>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>4.7.1929</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Postskriptum von anderer Hd., Briefkopf </note><quote type="rdg">Dr. Hans Vaihinger | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med. h. c. | Halle a. d. S., den … 192 …| Reichardtstr. 15</quote><note>, Wasserzeichen </note><quote type="rdg">MANILA | SCHREIBMASCHINEN</quote><note>, darunter Flügelrad</note>, <bibl type="pubPlace">Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ernst-Haeckel-Haus</bibl></head></front><body><dateline>4. Juli 1929</dateline><salute>Hochgeehrter Herr Kollege Heinrich Schmidt!</salute><p>Es muss Ihnen als eine grosse Undankbarkeit erscheinen, dass ich Ihren grossen, so <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-734"/>instruktiven<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-734"/> und für mich so wertvollen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-735"/>Brief vom 4. Dezember<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-735"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-736"/>vorigen Jahres<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-736"/> ohne ein Dankeszeichen hingenommen habe. Aber kurz nach seinem Einlaufen trafen mich so viele und so schwere Widerwärtigkeiten, teils <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-737"/>familiärer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-737"/>, teils wissenschaftlicher Natur, dass ich meine ganze Korrespondenz sehr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-738"/>vernachlässigen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-738"/> musste. Diese Widerwärtigkeiten haben sich über das Jahr 1929 erstreckt bis jetzt, wo endlich eine gewisse Befreiung eingetreten ist. Andererseits nähert sich jetzt der Tag der 10. Wiederkehr des Hinscheidens von <name>Ernst Haeckel</name> was ja wohl, wenn ich richtig orientiert bin, der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-739"/>9.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-739"/> August ist (in diesem Jahr ein Freitag).</p><p>Ihre gütigen und ausführlichen Mitteilungen vom 4. Dezember v. Js. waren und sind mir sehr wertvoll. Hier in Halle war durch Herrn Geheimrat Professor <abbr>Dr.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-740"/><name>Johannes Walther</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-740"/><name/> lange die Meinung verbreitet, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-741"/>die grosse Unbekannte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-741"/> sei eine Gräfin Limburg-Stirum gewesen. Als ich <name>Walther</name> darüber <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-742"/>interpellierte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-742"/>, gab er mir an: das habe er <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-743"/>von <name>Bölsche</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-743"/><name/> gehört, der ja <name>Haeckel</name> nahe gestanden habe. Auch habe das in einer guten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-744"/>Besprechung des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-745"/>Buches<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-744"/> „Franziska von Altenhausen“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-745"/> im „Neuen Wiener Journal“ gestanden; es habe dort geheissen: „bekanntlich“ sei die Ungenannte eine Gräfin Limburg-Stirum gewesen. (Sehr gerne würde ich diese Rezension nachdenklich kennenlernen.) <pb/></p><p>Ich möchte glauben, dass die Version <abbr>resp.</abbr> Legende Limburg-Stirum durch <name>Haeckel</name> selbst absichtlich veranlasst worden ist; er wurde ja wohl vielfach <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-746"/>interpelliert<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-746"/>, wenn man ihn damals zufällig mit der jungen Dame zusammen sah, und um die Neugierigen auf falsche Fährte zu führen, gab er einen falschen Namen an – ein durchaus berechtigtes Verfahren, was jeder in derselben Lage getan hätte.</p><p>Sehr interessant war mir die Mitteilung von <name>Walther</name>, <name>Haeckel</name> habe einem Freund gegenüber die Meinung geäussert, die geliebte Freundin habe ihren Tod freiwillig beschleunigt. Das war auch mein erster Gedanke, als mir die betr<add>[effenden]</add> Briefe vorgelesen wurden. Es würde ganz im Sinne der bedeutenden Frau und ebenso ganz im Sinne von <name>Haeckel</name> sein, und ebenso aber auch im Sinne aller Urteilsfähigen, wenn das der Fall war. Ihre Lage war hoffnungslos, eine Verbindung mit <name>Haeckel</name> ohne Aussicht und die Zukunft als Stiftsdame trostlos. Was sollte sie also machen? Die Arme, die Ärmste, und doch reich und überreich durch das schöne Verhältnis zu <name>Haeckel</name>.</p><p><name>Walther</name> erzählte mir noch, er habe <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-747"/>1904<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-747"/> zum 70. Geburtstag von <name>Haeckel</name> letzteren in Rapallo besucht (also einige Monate nach dem Tode der geliebten Freundin). <name>Haeckel</name> sei an jenem Tage frisch und kräftig gewesen und habe den schweren Schlag überwunden.</p><p><name>Walther</name> erzählte noch, <name>Haeckel</name> habe bestimmt, dass die Briefe erst nach 25 <abbr>resp.</abbr> 30 Jahren veröffentlicht werden sollten. Wissen Sie etwas darüber?</p><p>Mit wiederholtem Dank und mit kollegialen Grüssen Ihr sehr ergebener</p><signed>H. Vaihinger</signed><postscript><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-748"/><abbr>P. S.</abbr><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-748"/> Gleichzeitig sende ich Ihnen als Päckchen zum Zeichen meiner Dankbarkeit eine ältere Festschrift mit einer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-749"/>Abhandlung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-749"/> von mir „Kants antithetische Geistesart erläutert an seiner als Als-Ob-Lehre“. Als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-750"/>Herausgeber von <name>Kant</name> + <name>F. A. Lange</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-750"/><name/> werden Sie sich wohl für diese neue Auffassung <name>Kant</name>s + seiner Geistesart interessieren. <name>Kant</name> erscheint hier in einem ganz anderen Lichte als in den offiziellen Darstellungen.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-751"/>Die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-752"/>Freundin <name>Frida</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-752"/> nahm den religiösen Dogmen gegenüber dieselbe Stellung ein, wie <name>F. A. Lange</name> (von Ihnen herausgegeben). Ihr waren die Dogmen „Poesie“, aber von hohem ästhetisch-ethischen Wert und bleibenden Gehalt.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-751"/></p></postscript></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-734"><lem>instruktiven</lem><rdg>instriktiven</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-735"><lem>Brief vom 4. Dezember</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="philological" corresp="#ED-736"><lem>vorigen Jahres</lem><rdg>v. Js.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-737"><lem>familiärer</lem><note>in diese Zeit fiel die Entmündigung des Sohnes <name>Richard Vaihinger</name>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-738"><lem>vernachlässigen</lem><rdg>vernachkässigen</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-739"><lem>9.</lem><note><abbr>hs.</abbr> korrigiert aus </note><rdg>8.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-740"><lem><name>Johannes Walther</name></lem><note>1860–1937, Zoologe, Geologe und Paläontologe. Studium in Jena, Leipzig und München, 1882 promoviert. 1883 Mitarbeiter der Zoologischen Station Neapel, 1886 in Jena habilitiert. 1890 <abbr>ao. Prof.</abbr>, 1894 <abbr>o. Prof.</abbr> in Jena (Haeckel-Professur), 1906 in Halle, 1913/1914 Gastprofessor in London. 1927 Gastprofessor an der John Hopkins University Baltimore, 1929 emeritiert (<ref type="link">https://www.catalogus-professorum-halensis.de/waltherjohannes.html</ref> (27.9.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-741"><lem>die grosse Unbekannte</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Haeckels Herzensfreundin und ihre Religion des Als-Ob. Ein Gedenkblatt um [!] zehnjährigen Todestage Ernst Haeckels, 9. August 1919. In: Deutsche Zeitung Bohemia (Prag) vom 8.8.1929, <abbr>S.</abbr> 1–2. – Wiederabdruck <abbr>u. d. T.</abbr> Haeckels Herzensfreundin. Ihre Religion des Als Ob. In: Vossische Zeitung, <abbr>Nr.</abbr> 376 vom 11.8.1929, Beilage: Das Unterhaltungsblatt <abbr>Nr.</abbr> 186, <abbr>S.</abbr> 2–3 (= 28–29).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-742"><lem>interpellierte</lem><note><abbr>hs.</abbr> korrigiert aus </note><rdg>interlepliert</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-743"><lem>von <name>Bölsche</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Wilhelm Bölsche an Vaihinger vom 22.7.1929</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-744"><lem>Besprechung des Buches</lem><note>in der angegebenen Zeitung nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-745"><lem>Buches „Franziska von Altenhausen“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Bölsche an Vaihinger vom 22.7.1929</note></app><app type="philological" corresp="#ED-746"><lem>interpelliert</lem><rdg>interlepliert</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-747"><lem>1904</lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-748"><lem><abbr>P. S.</abbr></lem><note>ab hier <abbr>hs.</abbr> von anderer <abbr>Hd.</abbr>; um 90° gedreht auf den linken <abbr>Rd.</abbr> geschrieben.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-749"><lem>Abhandlung</lem><note>erschienen in: Max Oehler (<abbr>Hg.</abbr>): Den Manen Friedrich Nietzsches. Weimarer Weihgeschenke zum 75. Geburtstag der Frau Elisabeth Förster-Nietzsche. München: Musarion <abbr>o. J.</abbr> [1921], <abbr>S.</abbr> 151–182.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-750"><lem>Herausgeber von <name>Kant</name> + <name>F. A. Lange</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Kant: Kritik der reinen Vernunft. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Heinrich Schmidt. Leipzig: Kröner 1908 (Kröners Volksausgabe); Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Heinrich Schmidt. Leipzig: Kröner 1926.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-752"><lem>Freundin <name>Frida</name></lem><note><name>Frida von Uslar-Gleichen</name> (1864–1903), Geliebte von <name>Ernst Haeckel</name>, <abbr>vgl.</abbr> Elsner, Norbert (<abbr>Hg.</abbr>): Das ungelöste Welträtsel. Frida von Uslar-Gleichen und Ernst Haeckel, 3 Bde. Göttingen: Wallstein 2000; <abbr>vgl.</abbr> Wilhelm Bölsche an Vaihinger vom 22.7.1929.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-751"><lem>Die … Gehalt.</lem><note> unter die Grußformel geschrieben</note></app></listApp></back></text></TEI>