<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001490-5</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Elisabeth Förster-Nietzsche</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Weimar</placeName>, <date>13.9.1927</date>, <note>3 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">FRAU ELISABETH FÖRSTER-NIETZSCHE | DR. PHIL. H. C. | WEIMAR | NIETZSCHE-ARCHIV</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 n, Nr. 9</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1490" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001490-5"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11853419X">Elisabeth Förster-Nietzsche</persName><placeName>Weimar</placeName><date when="1927-09-13">13.9.1927</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116431393">Fritz</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1055332006">Hans Zint</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11667461X">Max Heinze</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610473">Johanna Schopenhauer</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610465">Arthur Schopenhauer</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 n, Nr. 9</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Elisabeth Förster-Nietzsche</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Weimar</placeName>, <date>13.9.1927</date>, <note>3 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf </note><quote type="rdg">FRAU ELISABETH FÖRSTER-NIETZSCHE | DR. PHIL. H. C. | WEIMAR | NIETZSCHE-ARCHIV</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXI, 8 n, Nr. 9</bibl></head></front><body><p>diktirt.</p><dateline>13.9.27.</dateline><salute>Mein hochverehrter Herr Geheimrat!</salute><p>Erlauben Sie mir, daß ich mich in einer besonders zarten Angelegenheit an Sie persönlich wende. Sie haben im vorigen oder vorvorigen Jahr einen so ausgezeichneten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-674"/>Artikel „Philosophen-Mütter“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-674"/> veröffentlicht, in welchem Sie über die Maßen gütig über mich geurteilt haben. Ich war fast noch stolzer auf Ihr gütiges Urteil, als auf den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-675"/>Ehrendoktor<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-675"/>. <pb/></p><p>Nun soll dieser Artikel, wie mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-676"/>Herr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-677"/>Landgerichtsdirektor<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-677"/> <name>Zint</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-676"/><name/> sagte, in etwas veränderter Form im <name>Schopenhauer</name>-Jahrbuch erscheinen, und dann möchte ich mir eine kleine Bitte erlauben. Ich habe leider den Artikel nicht mehr vor mir, aber es ist mir eine Erinnerung geblieben, als ob unsre liebe Mutter in ihrem Verhältnis zu ihrem Sohn ungünstig dargestellt gewesen wäre. Im Grunde haben Sie vollkommen Recht gehabt, daß unsere liebe Mutter der Philosophie ihres Sohnes feindlich gegenüber gestanden hat, aber Mutter und Sohn liebten sich doch von Herzen gegenseitig, und man kann dieses Verhältnis zueinander durchaus nicht mit dem von Mutter und <pb/> Sohn <name>Schopenhauer</name> vergleichen. Ich möchte mir deshalb erlauben, ein liebevolles Fürwort für unsre gute Mutter einzulegen. Gewiß ist Ihnen von Geheimrat <name>Heinze</name> mitgeteilt worden, daß sie der Errichtung des Archivs und infolgedessen auch mir persönlich große Widerstände entgegengestellt hat, aber für die Persönlichkeit und den Charakter unseres lieben <name>Fritz</name> hatte sie immer die zärtlichste Liebe, wie das ja auch nicht anders möglich war. Deshalb ist das Verhältnis von <name>Johanna Schopenhauer</name> zu ihrem Sohn ein völlig anderes, weil hier die gegenseitige <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-678"/>persönliche Liebe und Wertschätzung gefehlt hat<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-678"/>.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-679"/>Mit der innigen Bitte mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-680"/>meine kleine Einmischung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-680"/> zu verzeihen in Dankbarkeit <abbr>u.</abbr> Verehrung Ihre ergebene</p><signed>Dr. h. c. Elisabeth Förster-Nietzsche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-679"/></signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-674"><lem>Artikel „Philosophen-Mütter“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Johanna Schopenhauer und andere Philosophenmütter. In: Münchner Neueste Nachrichten, Nr. 166 vom 17.6.1925, S. 1–2. Wiederabdruck u. d. T. Philosophenmütter. Zu Schopenhauers 65. Todestag (21. September). In: Deutsche Allgemeine Zeitung, Sonntagsbeilage Welt und Werk vom 20.9.1925, S. 1; sowie in: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft 15 (1928), S. 240–246. Mit Abb. (Porträt Johanna Schopenhauer).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-675"><lem>Ehrendoktor</lem><note>verliehen von der Universität Jena anlässlich des 75. Geburtstags 1921, <abbr>vgl.</abbr> die Zeitungsausschnittsammlung des Nietzsche-Archivs (Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, Signatur GSA 165/396.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-677"><lem>Landgerichtsdirektor</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am linken <abbr>Rd.</abbr> markiert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-676"><lem>Herr Landgerichtsdirektor <name>Zint</name></lem><note><name>Hans Zint</name> (1882–1945), 1910–1930 Amtsrichter, dann Obergerichtsrat und schließlich Landgerichtsdirektor in Danzig, 1930–1932 Landgerichtspräsident in Stettin, 1932–1933 in Breslau. Seit 1916 Mitglied, seit 1920 Vorstandsmitglied sowie 1924–1936 Vorsitzender der <name>Schopenhauer</name>-Gesellschaft, seit 1926 zugleich Herausgeber des Schopenhauer-Jahrbuches (<ref type="link">http://www.bioparl.de/datenbanken/biosop/biosop-db/?id=270270</ref> (26.9.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-678"><lem>persönliche Liebe und Wertschätzung gefehlt hat</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am linken <abbr>Rd.</abbr> markiert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-680"><lem>meine kleine Einmischung</lem><note>Vaihinger scheint auf Förster-Nietzsches Bitte reagiert zu haben. In der Version von Vaihingers Text nach dem Abdruck in Münchner neueste Nachrichten (1925) heißt es über <name>Nietzsche</name> und dessen Mutter: </note><rdg>Auch die nachklassische Zeit zeigt noch einige hierher gehörige Fälle. In gewissem Sinne ist auch das Verhältnis Nietzsches zu seiner Mutter hierher zu rechnen. Nietzsche liebte seine früh verwitwete Mutter zärtlich und war stets sehr rücksichtsvoll gegen sie. Besonders suchte er die radikalen Lehren seiner Philosophie, die der frommen Pfarrersfrau anstößig sein mußten, ihr nicht direkt vorzuführen. Aber natürlich erfuhr sie doch indirekt davon noch genug. Und als Friedrich Nietzsche 1889 körperlich und geistig zusammengebrochen in ihr Haus gebracht wurde, konnte sie nicht anders, als die Leiden ihres Sohnes als gerechte Strafe des Himmels zu betrachten. Das mußte natürlich auch auf die Behandlung des Kranken durch seine Umgebung ungünstig einwirken. Hier aber war es nun eine andere Frau, die erlösend und erhebend eingriff. Als die früh verwitwete Schwester des Philosophen, Frau Elisabeth Förster, um jene Zeit aus Südamerika zurückkehrte, wohin sie die von ihrem Gatten dahin geführten sogenannten „Rhein-Deutschen-Kolonisten“ [!] begleitet hatte, durchschaute sie, die früher die stete Begleiterin ihres philosophischen Bruders gewesen war, mit erstaunlich klarem Blick, ja sogar klarer als alle Freunde Nietzsches, die verworrene Situation: sie schuf in Weimar das „Nietzsche-Archiv“, das dem hinsiechenden Philosophen eine wohlige Zuflucht bereitete, und das die nun von ihr überall her geretteten und gesammelten Manuskripte des Denkers vereinigte; sie schuf die neuen, vorzüglich redigierten Ausgaben der Werke Nietzsches und erkämpfte ihrem Bruder seine Stellung im Ganzen der deutschen Philosophie. Was je die Frauen an Nietzsche, was solche je an Philosophen überhaupt verfehlt, oder gar gesündigt haben mögen, das hat die großartige Schöpferkraft dieser Frau, die noch heute als Dr. phil. h. c. Elisabeth Förster-Nietzsche als 79jährige für ihren Bruder wirkt durch ihre unvergleichliche Schwesterliebe, gesühnt.</rdg><note> – Im Abdruck im Schopenhauer-Jahrbuch (1928) lautet der Text mit Abweichungen, die über die bloße Korrektur von Satzfehlern des ersten Abdruckes hinausgehen: </note><rdg>Auch die nachklassische Zeit zeigt noch einige hierher gehörige Fälle. In gewissem Sinne ist auch das Verhältnis Nietzsches zu seiner Mutter hierher zu rechnen. Nietzsche liebte seine früh verwitwete Mutter zärtlich und war stets sehr rücksichtsvoll gegen sie. Besonders suchte er die radikalen Lehren seiner Philosophie, die der frommen Pfarrersfrau anstößig sein mußten, ihr nicht direkt vorzuführen. Aber natürlich erfuhr sie doch indirekt davon noch genug. Und als Friedrich Nietzsche 1889 körperlich und geistig zusammengebrochen in ihr Haus gebracht wurde, konnte sie – trotz aller Liebe und rührenden Pflege – nicht anders, als die Leiden ihres Sohnes als gerechte Strafe des Himmels zu betrachten. Das mußte das ohnedies sehr mangelhafte Verständnis der ganzen damaligen Naumburger Umgebung für das, was für einen solchen Patienten not tat, ungünstig beeinflussen. Hier aber war es nun eine andere Frau, die erlösend und erhebend eingriff. Als die früh verwitwete Schwester des Philosophen, Frau Elisabeth Förster, um jene Zeit aus Südamerika zurückkehrte, wohin sie die von ihrem Gatten dahin geführten sogenannten „rein deutsche Kolonisten“ begleitet hatte, durchschaute sie, die früher die stete Begleiterin ihres philosophischen Bruders gewesen war, mit erstaunlichem Blick, ja sogar klarer als alle Freunde Nietzsches, die verworrene Situation: sie schuf in Weimar das „Nietzsche-Archiv“, das dem hinsiechenden Philosophen eine wohlige Zuflucht bereitete, und das die nun von ihr überall her geretteten und gesammelten Manuskripte des Denkers vereinigte; sie schuf die neuen, vorzüglich redigierten Ausgaben der Werke Nietzsches und erkämpfte ihrem Bruder seine Stellung im Ganzen der deutschen Philosophie. Was je die Frauen an Nietzsche, was solche je an Philosophen überhaupt verfehlt oder gesündigt haben mögen, das hat die großartige Schöpferkraft dieser Frau, die noch heute als Dr. phil. h. c. Elisabeth Förster-Nietzsche als Zweiundachtzigjährige für ihren Bruder wirkt, durch ihre unvergleichliche Schwesterliebe gesühnt.</rdg><note> Folgt Literaturhinweis auf einen Text von <name>Hans Zint</name> über die Schwester <name>Schopenhauer</name>s.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-679"><lem>Mit … Förster-Nietzsche</lem><note> eigenhändig</note></app></listApp></back></text></TEI>