<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001481-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Ernst</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>16.11.1926</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. HANS VAIHINGER | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. Dr. med. h. c. | Halle a. S., den … 192… | Reichardtstr. 15.</quote><note>, Wasserzeichen </note><quote type="rdg">MANILA | SCHREIBMASCHINEN</quote><note>, darunter Flügelrad</note>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Ernst, Paul</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1481" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001481-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1926-11-16">16.11.1926</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118530909">Paul Ernst</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118588370">Alfred Nobel</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116556986">Elisabeth (Else) Ernst, verw. von Schorn, geb. Apelt</name><name>Grazia Deledda</name></note><note type="repository">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Ernst, Paul</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Ernst</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>16.11.1926</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. HANS VAIHINGER | Geh. Reg.-Rat | Dr. rer. techn. h. c. 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Die letztgenannte gütige Gabe kam gerade so glücklich an, dass ich sie meiner Frau auf den Geburtstagstisch legen konnte, die von jeher ein ganz besonderes Interesse für die alten deutschen Kaiser hatte, und überaus erfreut ist, ein ihr selbst zusagendes Buch zu haben, dass sie mir vorlesen kann. Denn in dem abendlichen Vorlesen besteht der beste Teil unseren häuslichen Zusammenseins. Der Tag wird mir weggenommen durch meine wissenschaftliche Korrespondenz und durch meine Tätigkeit bei der Herausgabe der „Bausteine zu einer Philosophie des Als Ob“, aber der Abend gehört der gemeinsamen Lektüre. Freilich – das Vorlesen, <abbr>resp.</abbr> das sich Vorlesen-Lassen erfordert ausserordentlich viel Zeit und Kraft, und zum Glück für sie selbst haben die meisten Menschen keine Ahnung davon, wie überaus mühevoll dieser Modus der Bekanntschaft mit der Literatur ist. So sind wir denn auch in dem prächtigen Buche „Der schmale Weg des Glücks“ erst bis <abbr>S.</abbr> 125 gekommen, bis an die Anfangszeit des Berliner Studiums des Helden. Aber das Buch fesselt uns sehr, ja wir haben den geheimen Glauben, dass ein gutes Stück Autobiographie in dem Buch steckt, und so sind wir auf die geistige und moralische Weiterentwicklung des jungen Mannes sehr gespannt. Wir finden in dem Buche wieder alle Vorzüge Ihres klassisch einfachen Stiles, durch den Sie sich vor so vielen anderen bedeutenden Schriftstellern auszeichnen.</p><p>Soweit ich in meiner Zeitung die Nachrichten über die <name>Nobel</name>stiftung <pb/> verfolgen konnte, ist der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-610"/>literarische Nobelpreis dieses Jahres<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-610"/> noch nicht vergeben. Möchten endlich die Stockholmer Herren einsehen, dass Sie und gerade Sie jetzt der würdige Träger dieses Preises sind, in deutschen Landen. Wie ich soeben finde, haben Sie ja im Laufe dieses Jahres Ihren 60. Geburtstag gefeiert; das ist mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-611"/>damals entgangen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-611"/>, denn durch meine Erblindung lebe ich ja wie in einer Isolierzelle und erfahre die wichtigsten Nachrichten entweder zu spät, oder gar nicht, und wahrscheinlich habe ich auch diesen Festtag nicht beachtet. Das täte mir sehr leid, aber jedenfalls sende ich Ihnen nachträglich meine herzlichsten Glückwünsche dazu, die sich aufs Neue wieder immer in dem Gedanken <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-612"/>konzentrieren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-612"/>, der <name>Nobel</name>preis möchte Ihnen bald zuteil werden!</p><p>Die Literarische Gesellschaft, in deren Mitte Sie während des Krieges einen Vortragsabend abhielten, ist unterdessen, wie so vieles in Deutschland, eines seligen Endes gestorben: das Publikum hat kein Geld mehr für solche Dinge, und so entbehrt die Stadt Halle (mit ihren 200 000 Seelen) eines literarischen Mittelpunktes. Ein Ersatzverein, der literarische Kammerabende veranstalten will, hat sich bis jetzt noch nicht genügend heraufarbeiten können. In Deutschland, wie auch in Österreich, wo Sie ja wohl noch wohnen, hat der Krieg finanziell und moralisch einen grossen Teil der Deutschen Kultur vernichtet, und der Rest wird auch noch zu Grunde gehen, wenn die unseligen Tendenzen siegen sollten, die neue Verwicklungen heraufzubeschwören im Stande sind.</p><p>Vielleicht ist es mir aber doch noch, trotzdem ich schon im 75. Lebensjahre stehe, vergönnt, Sie und Ihre verehrte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-613"/>Frau Gemahlin<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-613"/> nochmals von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-614"/>Angesicht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-614"/> zu Angesicht zu sehen, und mit diesem Wunsche schliesse ich für heute dieses mein herzliches Dankschreiben.</p><p>Mit besten Grüssen Ihr aufrichtig ergebener</p><signed>Vaihinger</signed><postscript><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-615"/><abbr>P. S.</abbr><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-615"/> Vielleicht interessiert Sie das beilieg<add>[ende]</add> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-616"/>kleine Kunstblatt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-616"/>, eine Symbolisierung der „Philosophie des Als Ob“: der kniende Jüngling will sich wohl im unermesslichen Weltenraum an dem ihm entgegenleuchtenden Sternbild des Als Ob zu orientieren suchen.</p></postscript></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-607"><lem>November</lem><rdg>Novbr.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-608"><lem>„Schmalen Weges zum Glück“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Paul Ernst: Der schmale Weg zum Glück. Roman. Berlin: Deutsche Buch-Gemeinschaft 1926.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-609"><lem>Kaiserbuch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Paul Ernst vom 28.11.1923</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-610"><lem>literarische Nobelpreis dieses Jahres</lem><note>1926 ging der Nobelpreis für Literatur an <name>Grazia Deledda</name>.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-611"><lem>damals entgangen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> dagegen Vaihinger an Paul Ernst vom 2.3.1925 sowie vom 6.3.1926.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-612"><lem>konzentrieren</lem><rdg>komzentrieren</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-613"><lem>Frau Gemahlin</lem><note>Paul Ernst war seit 1916 in 3.</note><rdg> </rdg><note>Ehe mit <name>Else</name> (Elisabeth), verwitwete von Schorn, verheiratet (<abbr>NDB</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-614"><lem>Angesicht</lem><rdg>Ansicht</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-615"><lem><abbr>P. S.</abbr></lem><note><abbr>hs.</abbr> von anderer <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-616"><lem>kleine Kunstblatt</lem><note>liegt nicht bei, nicht ermittelt</note></app></listApp></back></text></TEI>