<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001456-6</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Alma von Hartmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Berlin</placeName>, <date>6.7.1924</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 2 f, Nr. 6</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1456" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001456-6"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/117501255">Alma von Hartmann</persName><placeName>Berlin</placeName><date when="1924-07-06">6.7.1924</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/12348720X">Charles Dawes</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119380978">Edmund Dene Morel</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 2 f, Nr. 6</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Alma von Hartmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Berlin</placeName>, <date>6.7.1924</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 2 f, Nr. 6</bibl></head></front><body><dateline>Berlin <abbr>d.</abbr> 6. Juli 24</dateline><salute>Verehrter Herr Geheimrat.</salute><p>Tausend Dank für Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-394"/>freundlichen Glückwünsche<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-394"/>. Aber wie leid tut es mir, Sie krank zu wissen! In unseren Jahren darf man einfach nicht krank werden. Das wenigstens könnte uns das grausame Schicksal an unserem Lebensabend ersparen. Das Alter ist ja an und für sich eine Krankheit. Unter diesem Gesichtspunkt vermochte ich den 70. Geburtstag, der ja wesentlich ein Markstein des Alters ist, nicht grade in Festesstimmung zu begrüßen. In meinen vier Kinderfamilien herrscht neben der – selbstverständlich gewordenen – Armut soviel Not durch Krankheit und Kränklichkeit, daß man aus den Sorgen nicht heraus kommt. Und mit welcher Bangnis muß man wegen der dritten Generation in die Zukunft blicken, deren schwarze Schatten durch das neue Blutaussaugungsinstrument des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-395"/><name>Dawes</name>plans<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-395"/> nur noch verstärkt werden. Der edle <name>Morel</name> kämpft wie ein rechter Don Quixote gegen Mächte, deren er nie Herr zu werden vermag, wenn er die Staatsmänner seines Landes zur Umkehr von den Wegen des <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-396"/>Versailler Traktats<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-396"/> auffordert, Deutschlands Unschuld <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-397"/>in jeder Nummer seines Foreign Affairs<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-397"/> betont und immer wieder betont, daß Deutschland schon Unsummen an Entschädigungen aufgebracht habe.</p><p>Ist es nicht, als ob die Herrschaft des blinden Willens, der sich der Zügelung durch die Idee entrafft hat, jetzt in voller Blüte stände?</p><p>Wie gern hätte ich es gesehen, daß gerade Sie etwas über mich geschrieben <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-398"/>hätten<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-398"/>! Aber ich begreife, daß Sie sich <pb/> schonen müssen. Es ist ohnehin erstaunlich, was Sie bei Ihrem Augenübel alles noch leisten können. Ich bin durch körperliche Invalidität, die mich auch an längerem Schreiben verhindert, auch an der Fortsetzung meiner geistigen Arbeiten verhindert. Doch setze ich wenigstens noch meine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-399"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-400"/>„Politischen Memoiren“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-399"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-400"/> fort. Ganz allgemein gesprochen ersehne ich das Ende, aber wenn dann wieder Ansprüche an mich gemacht werden, dann erwacht die Energie. So mache ich der Welt gegenüber den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-401"/>Eindruck der „Rüstigkeit“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-401"/>, die mir in Wirklichkeit eigentlich ganz abhanden gekommen ist.</p><p>Mit den besten Wünschen für eine baldige Kräftigung Ihrer Gesundheit Ihre herzlich grüßende</p><signed>Alma v. Hartmann.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-394"><lem>freundlichen Glückwünsche</lem><note>Schreiben Vaihingers nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-395"><lem><name>Dawes</name>plans</lem><note>für die Reparationsleistungen Deutschlands (1924), Namensgeber war der Vorsitzende des vorbereitenden Ausschusses <name>Charles Dawes</name> (1865–1951).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-396"><lem>Versailler Traktats</lem><note>meint den Friedensvertrag von Versailles (1919) mit seinen weit reichenden Folgen für Deutschland.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-397"><lem>in jeder Nummer seines Foreign Affairs</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die seit Juli 1919 in London erscheinende Zeitschrift Foreign Affairs. A Monthly Digest and Interpretation, <abbr>hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> <name>Edmund Dene Morel</name>.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-398"><lem>hätten</lem><rdg>hätte</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-399"><lem>„Politischen Memoiren“</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkringel markiert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-400"><lem>„Politischen Memoiren“</lem><note>meint wahrscheinlich: Eduard von Hartmann: Gedanken über Staat, Politik und Sozialismus. Zusammengestellt <abbr>v.</abbr> Alma von Hartmann. Mit Bildnis. Leipzig: Kröner 1923 (Kröners Taschenausgabe <abbr>Bd.</abbr> 29).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-401"><lem>Eindruck der „Rüstigkeit“</lem><note>am linken <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkringel markiert</note></app></listApp></back></text></TEI>