<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001385-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Fritz Mauthner</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Meersburg</placeName>, <date>16.4.1920</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 8 h, Nr. 4</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1385" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001385-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118579304">Fritz Mauthner</persName><placeName>Meersburg</placeName><date when="1920-04-16">16.4.1920</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119059479">Friedrich Carl Forberg</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118579304">Fritz Mauthner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117514322">Raymund Schmidt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116669616">Susanna Rubinstein</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 8 h, Nr. 4</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Fritz Mauthner</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Meersburg</placeName>, <date>16.4.1920</date>, <note>2 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 8 h, Nr. 4</bibl></head></front><body><dateline>Meersburg 16.IV.20</dateline><salute>Verehrter Herr Geheimrat,</salute><p>zunächst zwei Bekenntnisse. Den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2653"/>Glückwunsch der Kantgesellschaft<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2653"/> habe ich in sehr trüber Stimmung ein wenig schnöde beantwortet, weil – ganz offen – mir ihre private Ehrung im Widerspruch zu stehen schien mit der öffentlichen Behandlung, die mir gelegentlich in den Kant-Studien zu Teil geworden war. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2654"/>Pater peccavi<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2654"/>! Ich muß mich da unphilosophischer Eitelkeit bezichtigen. Mein zweites Bekenntniß ist ebenso kleinlich, aber ganz andrer Art. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2655"/>Ihr ehrender persönlicher Glückwunsch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2655"/> zu meinem 70. Geburtstage, am 14. Nov<add>[ember]</add> abgeschickt, mag pünktlich eingetroffen sein, wurde aber von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2656"/>meiner<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2656"/> (als verfrüht) bei Seite gelegt, für den richtigen Tag, dann aber offenbar vergessen und verkannt. Heute erst ist er wiederentdeckt worden und hat mir in diesen Tagen (da eine Pfaffenhetze, wegen Gottlosigkeit, mich langsam um alles Behagen zu bringen droht) ernstlich wohl getan. Ich danke Ihnen auf’s wärmste.</p><p>Besonders intim berührte mich Ihre gütige Mitteilung, daß Sie schon <pb/> 1874 auf meine unreife Persönlichkeit aufmerksam gemacht wurden, durch <name>Susanna Rubinstein</name>, die von mir recht sehr angeschwärmte Collegin, der ich 2 Jahre früher <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2657"/>mein Erstlingswerk<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2657"/>, eine dichterische Verherrlichung der großen Revolution, gewidmet hatte. Sie haben mit diesen Worten hundert Erinnerungen an meine Jugend geweckt; auch dafür Dank – so alt <abbr>u.</abbr> krank ich bin.</p><p>Vom freundlichen Hinweise auf Ihre Annalen weiß ich nicht, ob er zugleich eine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2658"/>Aufforderung zur Mitarbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2658"/> sein soll. Jedenfalls wäre dies fast ausgeschlossen, weil ich (mit der Drucklegung eines neuen großen Werkes „Geschichte des Atheismus“ beschäftigt, dessen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2659"/>fast letzten Abschnitt die Philosophie des Alsob bildet<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2659"/>) an kleinere Arbeiten gar nicht zu gehen vermag. Und ein fertig gestelltes <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2661"/>„Letztes Wort“ zu meiner Kritik der Sprache<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2661"/> nicht recht in Ihr Programm passen würde. Ich werde wohl zeitlebens in meiner selbst verschuldeten Einsamkeit bleiben.</p><p>In Verehrung und mit herzlich ergebenen Grüßen Ihr</p><signed>Fritz Mauthner</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2653"><lem>Glückwunsch der Kantgesellschaft</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2654"><lem>Pater peccavi</lem><note><abbr>lat.</abbr> Vater, ich habe gesündigt (Lukas 15, 18 <abbr>u.</abbr> 21).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2655"><lem>Ihr ehrender persönlicher Glückwunsch</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2656"><lem>meiner</lem><note>steht einzeln; Auflösung (meiner Seite <abbr>o. ä.</abbr>) unsicher</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2657"><lem>mein Erstlingswerk</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Mauthner: Die große Revolution. Epigramme. Leipzig: Leiner 1872, nach anderen Angaben 1873. Nachgewiesen in der Staatsbibiothek Berlin (Signatur Yo 14470), für die Widmung <abbr>vgl.</abbr> <ref type="link">https://de.wikipedia.org/wiki/Susanna_Rubinstein#/media/Datei:Mauther_Widmung_an_Rubinstein.jpg</ref> (aufgerufen 24.6.2022; Aufnahme nach dem Exemplar der Staatsbibliothek Berlin).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2658"><lem>Aufforderung zur Mitarbeit</lem><note><name>Mauthner</name> hat nicht in der von Vaihinger und <name>Raymund Schmidt</name> <abbr>hg.</abbr> Zeitschrift Annalen der Philosophie. Mit besonderer Rücksicht auf die Probleme der Als Ob-Betrachtung veröffentlicht.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2659"><lem>fast letzten Abschnitt die Philosophie des Alsob bildet</lem><note><name>Mauthner</name> setzt sich mit Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911 <abbr>u. ö.</abbr>) auseinander in: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. Drittes Buch. Stuttgart/Berlin: Deutsche Verlagsanstalt 1922, <abbr>S.</abbr> 219–220 sowie in <abbr>dass.</abbr>, Viertes Buch (1923), <abbr>S.</abbr> 28–35 <abbr>u.</abbr> <abbr>S.</abbr> 56–72 (zu <name>Fichte</name> und <name>Forberg</name>). Auf <abbr>S.</abbr> 29–30 heißt es dort: </note><rdg>So bildet Kant z. B., und unmittelbar nach einer der entschiedensten Formulierungen seiner Ketzerei […] den Satz: „Hierauf gründet sich der Satz der Erkenntnis aller Menschenpflichten als göttlicher Gebote.“ Dieses „als“ erblickt Vaihinger, fängt es ein und spießt es auf. Im deutschen Sprachgebrauche jedoch enthält nicht jedes „als“ ein Bekenntnis zur Fiktionenlehre. An unserer Stelle bedeutet „Erkenntnis der Menschenpflichten als göttlicher Gebote“ einfach die „Erkenntnis, daß Menschenpflichten göttliche Gebote sind“; nicht etwa, „die falsche Meinung, als ob Menschenpflichten göttliche Gebote seien“. Wenn ich sage, „Vaihinger hat seinen Kommentar geschrieben als ein Kenner Kants“, dann will ich ganz ehrlich sogar sagen, Vaihinger sei bekanntlich ein Kenner Kants und habe seinen Kommentar also oder so geschrieben; nicht aber: „Vaihinger schrieb, als ob er ein Kenner Kants wäre“</rdg><note> (<abbr>vgl.</abbr> die wörtliche Wiederholung in Mauthner: Als ob. In: <abbr>Ders.</abbr>: Wörterbuch der Philosophie. Neue Beiträge zur Kritik der Sprache <abbr>Bd.</abbr> 1. 2., vermehrte <abbr>Aufl.</abbr> Leipzig: Meiner 1923, <abbr>S.</abbr> 25–44<anchor type="delimiter"/>). – <abbr>S.</abbr> 69 findet sich die Anmerkung: </note><rdg>Ich verdanke die Mitteilung auch dieses seltenen Büchleins der Güte des Herrn Professors Hans Vaihinger, der mir übrigens seine ganze kostbare Sammlung der Flugschriften aus dem Atheismusstreite zur Verfügung stellte, freigebiger, als manche öffentliche Bibliothek in diesen Zeitläuften sich bewies </rdg><note>(<abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Mauthner vom 6.10.1920 und vom 9.1.1921).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2661"><lem>„Letztes Wort“ zu meiner Kritik der Sprache</lem><note>Gemeintes nicht ermittelt, für eine Bibliographie <name>Mauthner</name>s <abbr>vgl.</abbr> <ref type="link">https://www.gleichsatz.de/b-u-t/221149/biblio3.html</ref> (24.6.2022).</note></app></listApp></back></text></TEI>