<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001383-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Armin Theophil Wegner</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>7.4.1920</date>, <note>3 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. HANS VAHINGER | GEH. REG.-RAT. | Halle a. S., den … 19… | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1383" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001383-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1920-04-07">7.4.1920</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11862993X">Armin Theophil Wegner</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118615033">Adam Smith</name><name>Jemery Bentham</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118569333">Friedrich Albert Lange</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/119059479">Friedrich Carl Forberg</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/137736983">Hermann Graf von Keyserling</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118622366">Johann Heinrich von Thünen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116703652">Konrad von Lange</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616110">Oswald Spengler</name><name>Wolfgang Kapp</name></note><note type="repository">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Armin Theophil Wegner</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>7.4.1920</date>, <note>3 S., Ts. mit eU, Briefkopf </note><quote type="rdg">PROF. DR. HANS VAHINGER | GEH. REG.-RAT. | Halle a. S., den … 19… | Reichardtstr. 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil</bibl></head></front><body><dateline>7. April 1920.</dateline><p>Herrn <abbr>Dr.</abbr> Armin T. Wegner, Wernigerode.</p><salute>Hochgeehrter Herr <abbr>Dr.</abbr>!</salute><p>Sie werden die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2640"/>Verzögerung meiner Antwort auf Ihr freundliches Schreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2640"/> vom 14. März schon von selbst durch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2641"/>die politischen Wirren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2641"/> entschuldigt haben. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2642"/>Ein<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2642"/> weiterer Grund liegt in meinem schweren Augenleiden: ich bin beinahe blind, muss mir Alles vorlesen lassen und kann ausser meinem Namen nichts mehr schreiben.</p><p>Gleichzeitig sende ich als eingeschriebenes Paket ein Exemplar meiner „Philosophie des Als-Ob“, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2643"/>das<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2643"/> der Verleger als Rezensionsexemplar mir für Sie zur Verfügung gestellt hat, um ihm eine persönliche Widmung einschreiben zu können.</p><p>Eine genaue Inhaltsangabe erleichtert das Studium des gar zu umfangreichen Werkes. Vielleicht beginnen Sie am besten mit dem 3. Teil. Seite 613, wo die Darstellung <name>Kant</name>s beginnt, für den Sie ja ein besonderes Interesse haben. <name>Kant</name>s Lehre bekommt durch die Beleuchtung von der Seite des Als-Ob <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2644"/>her einen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2644"/> ganz neuen Reiz. Seine berühmte Ideenlehre erhält eine ganz andere Fassung.</p><p>Die darauffolgenden Partien über <name>Forberg</name> vertiefen diese neue Auffassung der Ideen, und dasselbe bietet der Abschnitt über <name>F. A. Lange</name>.</p><p>In dieselbe Kerbe schlägt dann der Abschnitt über <name>Nietzsche</name>, in welchem auch Letzterer eine ganz neue Würdigung erhält.</p><p>Auch in der Darstellung der <name>Kant</name>’schen Als-Ob Lehre finden Sie den <name>Kant</name>ischen Gebrauch der Fiktionen für Rechtslehre und Staatsphilosophie.</p><p>Den beiden letzteren Gebieten, bes<add>[onders]</add> auch den Nationalökonomen <name>Adam Smith</name>, <name>Thünen</name> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2645"/><name>Bentham</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2645"/><name/> sind besondere Abschnitte im ersten Teil gewidmet. Näheres lehrt ein Blick auf den alphabetischen Index der Namen.</p><p>Die aesthetische Illusion konnte ich nach der Anlage meines Buches leider nur kurz behandeln, <pb/> auf Seite 129 <abbr>f.</abbr>, 253, 773, 780, 784, weiteres in dem Werk von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2646"/><name>Konrad</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2646"/><name> Lange</name>.</p><p>Es ist freilich ein starker Anspruch auf Ihre Zeit und Kraft, den das Buch erhebt, aber die genaue Inhaltsangabe ermöglicht ja, sich das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2647"/>Nötige<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2647"/> herauszusuchen</p><p>Sie haben es mir leichter gemacht: Ihre mir gütigst gespendeten beiden Bücher bieten ja durch Inhalt und Form so viel Reiz, dass deren Lektüre ein grosser Genuss ist. Mir freilich ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2648"/>wegen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2648"/> meines Augenleidens jeder literarische Genuss erschwert, aber die mir vorlesenden Damen sind ja besonders auf Ihre Sachen erpicht und so habe ich mir schon vieles vorlesen lassen können.</p><p>Sie haben Recht, den ethischen Gehalt Ihrer Schriften zu betonen. Die Heiligkeit alles Lebendigen erkenne ich im Princip an, aber die Praxis nötigt zur Auswahl und auch Sie selbst hatten es nicht gerne, als im Orient die Scorpione und Schakale Ihnen zu nahe kamen.</p><p>Was den Weltkrieg betrifft, so habe ich selbst seit 30 Jahren all dies Unheil vorher gesehen: Unsere ganze äussere Politik habe ich als verfehlt betrachtet, und ich erkannte, dass die von uns eingeschlagene Richtung uns zu viele Gegner schaffen musste. Die Begeisterung der Augusttage 1914 habe ich pers<add>[önlich]</add> nicht mitgemacht und schon damals im engeren Kreise Warnungsrufe ausgestossen. Die Erklärung des Krieges durch uns, unser ganzes Verhalten vorher und nachher erkannte ich als durchaus verfehlt.</p><p>Einer politischen Partei gehöre ich nicht an und bin in diesem Sinne ganz ungebunden.</p><p>So werden Sie ja verstehen, dass ich für Ihre Leiden Verständnis habe, ohne Ihre speciellen politischen Ansichten zu teilen. <pb/></p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2649"/>Mit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2649"/> <name>Spengler</name> und mit <name>Keyserling</name>, die mit mir zusammen vom <name>Nietzsche</name> Archiv prämiiert worden sind, stehe ich in Verbindung: beide interessieren sich sehr für die Philosophie des Als-Ob.</p><p>Nachträglich bemerke ich noch, dass Sie über juristische Fiktionen Seite 46 einen besonderen Abschnitt finden, und viele weitere Stellen finden Sie im Sachregister angegeben Seite 795 unter juristisch.</p><p>Voraussichtlich zu Pfingsten, anlässlich der Generalversammlung der Kantgesellschaft, versammeln sich hier in Halle auch solche, die die Probleme der Als-Ob Betrachtung miteinander <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2650"/>besprechen wollen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2650"/>. Vorträge <abbr>u.</abbr> Diskussionen finden statt. Ich werde mir erlauben, Ihnen eine Einladung dazu zu schicken, und würde mich dann sehr freuen, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen.</p><p>Mit vorzüglicher Hochachtung und mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2651"/>ergebenem<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2651"/> Gruss</p><signed>vaihinger.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2640"><lem>Verzögerung meiner Antwort auf Ihr freundliches Schreiben</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Wegner an Vaihinger vom 14.3.1290 und Vaihinger an Wegner vom 25.3.1920</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2641"><lem>die politischen Wirren</lem><note>nach dem <name>Kapp</name>-Putsch, 13.3.1920.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2642"><lem>Ein</lem><rdg>Eine</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2643"><lem>das</lem><rdg>dass</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2644"><lem>her einen</lem><rdg>her eine ganz neue einen</rdg><note> nach geändertem Satzverlauf stehen geblieben</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2645"><lem><name>Bentham</name></lem><rdg>Benthan</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2646"><lem><name>Konrad</name></lem><rdg>Conrad</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2647"><lem>Nötige</lem><note>am Ende der Zeile sind die letzten drei Buchstaben des Wortes übereinander getippt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2648"><lem>wegen</lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung über der Zeile von anderer <abbr>Hd.</abbr> statt gestrichen: </note><rdg>aus dem ob eegen</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2649"><lem>Mit</lem><note>am Kopf der <abbr>S.</abbr> neuer Bogen gezählt: </note><rdg>II.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2650"><lem>besprechen wollen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Albert Einstein vom 4.4.1920</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2651"><lem>ergebenem</lem><rdg>ergebenenm</rdg></app></listApp></back></text></TEI>