<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001380-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Armin Theophil Wegner</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wernigerode</placeName>, <date>14.3.1920</date>, <note>3 S., Ts. mit eU</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 9 g (Durchschlag in Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil)</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1380" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001380-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/11862993X">Armin Theophil Wegner</persName><placeName>Wernigerode</placeName><date when="1920-03-14">14.3.1920</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11862993X">Armin Theophil Wegner</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/137736983">Hermann Graf von Keyserling</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118616110">Oswald Spengler</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 9 g (Durchschlag in Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil)</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2614"/><persName type="sent">Armin Theophil Wegner</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2614"/>, <placeName type="sent">Wernigerode</placeName>, <date>14.3.1920</date>, <note>3 S., Ts. mit eU</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 9 g (Durchschlag in Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Wegner, Armin Theophil)</bibl></head></front><body><dateline>Wernigerode/<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2615"/>Schülerstrasse<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2615"/> 17.</dateline><dateline>den 14. März 1920.</dateline><salute>Hochverehrter Herr Professor!</salute><p>Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen, infolge einer starken Erkältung, erst heute für Ihre überaus <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2616"/>freundliche Sendung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2616"/> danke. Wie hätte ich ahnen können, solche Gäste unter meinen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2617"/>Hörern in Halle<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2617"/> zu haben, wie anders hätte ich mein Programm gestalten mögen, hätte <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2618"/>ich dies gewusst, und<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2618"/> auch noch für Sie besonders lesen können. Ihre liebenswürdigen Zeilen und die Übersendung Ihrer Schrift über <name>Nietzsche</name> waren mir eine tiefe Freude. Die Schrift über <name>Nietzsche</name> habe ich schon vor einigen Jahren gelesen, aber der Besitz des Buches ist mir durch Ihre persönliche Widmung von ganz besonderem Wert. Leider muss ich zu meiner Beschämung gestehen, dass ich Ihr grosses Werk „Die Philosophie des Als Ob“ bisher noch nicht gelesen habe. Unter den drei grossen philosophischen Büchern, die ich mir für die nächste Zeit zum Studium vorgenommen habe, befindet sich neben <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2619"/><name>Spengler</name>s „Untergang des Abendlandes“ und <name>Keyserling</name>s „Reisetagebuch eines Philosophen“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2619"/> auch Ihr Werk. Doch geschah es, infolge meiner vielfachen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2620"/>Beziehungen zum Orient<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2620"/> unwillkürlich, dass ich zuerst nach den beiden ersten Büchern griff. Aber „Die Philosophie des Als Ob“ reizt mich nicht weniger, und namentlich brenne ich danach, auch Ihre Ausführungen über <name>Kant</name> zu lesen, in denen mir, soweit ich darüber gelesen habe, dunkle Ahnungen, die ich als Student bei seinem <pb/> Studium empfand, endlich gedeutet zu werden scheinen; stamme ich doch aus einer Familie, die sozusagen mit <name>Kant</name> gross geworden ist, und deren Grossvater schon in seinen freien Mussestunden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2621"/>ein grosses <name>Kant</name>-Lexikon<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2621"/> verfasste und herausgab, wenn ich selbst auch diesen Dingen mit der Zeit ziemlich ferne gerückt bin. Die Bücherpreise der wissenschaftlichen Werke sind freilich mit der Zeit so ungeheuer gestiegen, dass ich nicht weiss, ob ich sobald in der Lage sein werde, mir Ihr grosses Werk zuzulegen, zumal die neue Auflage wohl wieder noch im Preis gesteigert werden wird. Ein Rezensions-Exemplar wird einem der Verleger wohl jetzt nicht mehr abgeben?</p><p>Ich bin meinem Studium nach hauptsächlich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2622"/>Nationalökonom<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2622"/> und darin wieder besonders Soziologe, wie sich denn auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2623"/>meine Doktor-Arbeit<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2623"/> auf ein Doppelgebiet bewegte, und meine juristischen Studien sind mir heute recht fern gerückt, wenn auch einige Eindrücke davon immer lebendig bleiben werden, und ich sie nie als unfruchtbar bezeichnen kann. Trotzdem würden mich natürlich Ihre Ausführungen über die juristischen Fiktionen ausserordentlich interessieren. Namentlich aber auch das, was Sie mir über die Bedeutung der ästhetischen Illusion und der bewussten Selbsttäuschung beim künstlerischen Schaffen und Geniessen andeuten, und das zuletzt genannte Problem reizt mich ganz <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2624"/>besonders;<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2624"/> ich will sehen, dass ich mir mit der Zeit auch die hierüber erwähnten Schriften verschaffe.</p><p>Dass Sie mir Ihre Schrift mit dem ausdrücklichen Hinweis auf mein <hi rend="underline">dichterisches</hi> Schaffen überreichen, hat mich gleichfalls gefreut; jedenfalls mehr, als wenn es umgekehrt wäre, denn ich bin im Grunde Künstler und nicht Politiker. <pb/></p><p>Freilich wird mein ganzes Schaffen und menschliches Sein von ethischen Grundsätzen geleitet, und es ist eine unwillkürliche Folge dieser Zeit, dass ich dabei besonders dazu getrieben wurde, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2625"/>für die Heiligkeit des lebendigen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2626"/>Seins<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2625"/><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2626"/> einzutreten, eine Forderung, ohne die ich mein Schaffen nicht mehr denken könnte. Nun, wenn Sie auch meine politischen Ansichten ausdrücklich und energisch zurückweisen, so kann ich mir doch nicht denken, dass Sie den ethischen Inhalt meiner Dichtungen ganz verneinen, sagen Sie doch selbst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2627"/>in Ihrer <name>Nietzsche</name>-Schrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2627"/>: „Was nutzt denn alle Kunst der Form ohne bedeutenden Inhalt?“</p><p>Gestatten Sie mir, verehrter Herr Professor, Ihnen gleichzeitig zwei meiner Bücher zu überreichen als ein kleines Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2628"/>„Das Antlitz der Städte“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2628"/> und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2629"/>„Der Weg ohne Heimkehr“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2629"/>, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2630"/>Sie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2630"/> werden gerade in dem letzteren, das weniger Dichtung als menschliches Dokument ist, und von dem man mir gesagt hat, dass es zu den wenigen Büchern gehört, die den Krieg überdauern werden, das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2631"/>verneinende Erlebnis dieses Krieges<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2631"/> wiederfinden.</p><p>Mit dem Ausdruck höchster Verehrung grüsse ich Sie als Ihr ergebener <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2632"/>und dankbarer<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2632"/></p><signed>Armin T. Wegner</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-2615"><lem>Schülerstrasse</lem><rdg>Schülerstasse</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2616"><lem>freundliche Sendung</lem><note>dem Zusammenhang nach das viel verschenkte Werk Vaihingers: Nietzsche als Philosoph. 4., vom Verfasser neu durchgesehene Aufl., Feldausgabe, erstes bis zehntes Tausend. Berlin: Reuther &amp; Reichard 1916. Begleitschreiben nicht überliefert.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2617"><lem>Hörern in Halle</lem><note>anlässlich eines Vortragsabends am 2.3.1920 in der Literarischen Gesellschaft, <abbr>vgl.</abbr> den Bericht von Martin Feuchtwanger in: Saale-Zeitung, <abbr>Nr.</abbr> 106 vom 3.3.1920, Abend-Ausgabe, <abbr>S.</abbr> 2.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2618"><lem>ich dies gewusst, und</lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2619"><lem><name>Spengler</name>s „Untergang des Abendlandes“ und <name>Keyserling</name>s „Reisetagebuch eines Philosophen“</lem><note>beide Werke waren gemeinsam mit Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob (1911) vom Nietzsche-Archiv Weimar mit einem Preis ausgezeichnet worden, <abbr>vgl.</abbr> Kommentar zu Elisabeth Förster-Nietzsche an Vaihinger vom 6.7.1915.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2620"><lem>Beziehungen zum Orient</lem><note><name>Wegner</name> hatte 1916 den Völkermord an den Armeniern in Fotografien und Berichten, Vorträgen (1919) und Eingaben an die deutsche Regierung dokumentiert, <abbr>vgl.</abbr> Martin Tamcke: Wegner, Armin Theophil. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon <abbr>Bd.</abbr> 13. Herzberg: Bautz 1998, <abbr>Sp.</abbr> 585–588. Ausgesprochene Orientreisen erfolgten ab 1929.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2621"><lem>ein grosses <name>Kant</name>-Lexikon</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Wegner vom 25.3.1920</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2622"><lem>Nationalökonom</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkringel markiert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2623"><lem>meine Doktor-Arbeit</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die Breslauer juristische Dissertation <name>Wegner</name>s: Der Streik im Strafrecht unter besonderer Berücksichtigung des Vorentwurfs. Melle (Hannover): Haag 1914. Auch für 1913 nachgewiesen (<abbr>KVK</abbr>).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2624"><lem>besonders;</lem><note>Semikolon <abbr>hs.</abbr> gesetzt, danach gestrichen: </note><rdg>und</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2625"><lem>für die Heiligkeit des lebendigen Seins</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkringel markiert</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2626"><lem>Seins</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>besonders</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2627"><lem>in Ihrer <name>Nietzsche</name>-Schrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> dort <abbr>S.</abbr> 21.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2628"><lem>„Das Antlitz der Städte“</lem><note>Berlin: E. Fleischel 1917.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2629"><lem>„Der Weg ohne Heimkehr“</lem><note>Berlin: E. Fleischel 1919, 2. <abbr>Aufl.</abbr> Dresden: Sibyllen-Verlag 1920.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2630"><lem>Sie</lem><rdg>sie</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2631"><lem>verneinende Erlebnis dieses Krieges</lem><note>mit Bleistift unterstrichen und am <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistiftkringel markiert</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2632"><lem>und dankbarer</lem><note><abbr>hs.</abbr> hinzugefügt</note></app></listApp></back></text></TEI>