<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001367-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Alma von Hartmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Berlin</placeName>, <date>18.4.1919</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 2 f, Nr. 5</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1367" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001367-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/117501255">Alma von Hartmann</persName><placeName>Berlin</placeName><date when="1919-04-18">18.4.1919</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116996579">Arthur Liebert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118546252">Eduard von Hartmann</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118704206">Johannes Hessen</name><name>Leopoldine von Winterfeld</name><name>Martha Ulrich</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 2 f, Nr. 5</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Alma von Hartmann</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Berlin</placeName>, <date>18.4.1919</date>, <note>3 S., hs.</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 2 f, Nr. 5</bibl></head></front><body><dateline>Berlin S. <abbr>d.</abbr> 18. April 1919</dateline><dateline>Hasenheide 67</dateline><salute>Hochverehrter Herr Professor.</salute><p><abbr>Dr.</abbr> <name>Liebert</name> hatte mich schon von dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2514"/>Ergebniß des Preisausschreibens<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2514"/> unterrichtet. Der Ausfall war mir überraschend. Eine Dame und ein katholischer Priester als Preisträger! Wenn ich mir denke, daß mein Gatte sich zeitlebens ablehnend verhalten hat gegen die allzu stark betonten Bildungsbestrebungen der Frauen, und den Kampf gegen den Katholizismus auf den Gebieten der Ethik und Politik mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften geführt hat, berührt es fast wie eine Ironie, daß grade eine Frau und ein katholischer Priester sich soweit in die <name>Hartmann</name>sche Gedankenwelt vertieft haben, daß sie im Preisausschreiben den Sieg davon getragen haben. Sowohl der Dame wie dem Priester ist es verwehrt, für Hartmann einzutreten, ersterer, weil ihr die <pb/> von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2515"/>Ihrem<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2515"/> Geschlecht gezogenen Grenzen das verwehren, letzterem, weil der Bann seiner Kirche ihn überall einengt; Sie können also ermessen, daß mir das Ergebniß des Preisausschreibens eine Enttäuschung bereitete. Das, was ich gewünscht hatte, ist nicht eingetroffen, daß nämlich eine größere Anzahl rein wissenschaftlicher Arbeit hingegebener junger Männer sich an dem Wettbewerb beteiligen und dadurch für das <name>Hartmann</name>sche Lebenswerk gewonnen werden sollten.</p><p>Meine Dankesschuld für die drei Herren, die sich der Mühen der Preisrichterschaft unterzogen haben, bleibt durch das Ergebniß selbstverständlich unvermindert.</p><p>Ebenso selbstverständlich ist es, daß ich die einmal <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2516"/>ausgesetzte Summe<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2516"/> nicht zum Teil wieder zurücknehme, sondern sie der Gesellschaft zur Verfügung stelle. Obgleich es mir auch hier als eine ganz eigentümliche Führung erscheint, daß ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2517"/>in einem Jahr zweimal<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2517"/> veran<pb/>laßt werde, beträchtliche Summen für Druckkosten anderer Autoren auszugeben, während mir der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2518"/>Neudruck des „Sittlichen Bewußtseins“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2518"/>, das schon seit ungefähr sechs Jahren im Buchhandel vergriffen ist, eben wegen der hohen Druckkosten nicht vergönnt wird. Da ich nicht zu den Kriegsgewinnern, sondern sehr stark zu den Kriegsverlierern gehöre, ist mein früher nicht unbeträchtliches Vermögen durch Zuwendungen an meine Kinder so zusammengeschmolzen, daß ich nicht weiß, ob ich noch in der Lage sein werde, einen selbständigen Haushalt führen zu können, wenn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2519"/>meine Tochter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2519"/> sich wieder von mir trennt. An eine Übernahme der etwa zwölftausend <abbr>M.</abbr> betragenden Druckkosten des „Sittlichen Bewußtseins“ darf ich also nicht denken, so sehr mir grade dieses Werk am Herzen liegt.</p><p>Mit verbindlichstem Gruß und Dank Ihre ergebene</p><signed>Alma v. Hartmann.</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2514"><lem>Ergebniß des Preisausschreibens</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Alma von Hartmann an Vaihinger vom 2.4.1912 sowie die Ausschreibung der 6. Preisaufgabe der Kantgesellschaft: <name>Eduard von Hartmann</name>s „Kategorienlehre“ und ihre Bedeutung für die Philosophie der Gegenwart. In: Kant-Studien 17 (1912), <abbr>S.</abbr> 334–336. Preise wurden vergeben an <name>Martha Ulrich</name>, Nervenärztin aus Berlin (2. Preis: 1000 Mark) und <name>Johannes Hessen</name>, katholischer Theologe aus Lette bei Münster (3. Preis: 500 Mark; ein erster Preis wurde nicht vergeben), <abbr>vgl.</abbr> den Bericht in: Kant-Studien 24 (1919/1920), <abbr>S.</abbr> 182–195, mit Viten.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2515"><lem>Ihrem</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2516"><lem>ausgesetzte Summe</lem><note>insgesamt 2500 Mark, <abbr>vgl.</abbr> Kant-Studien 17 (1912), <abbr>S.</abbr> 334.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2517"><lem>in einem Jahr zweimal</lem><note>andere Verpflichtung nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2518"><lem>Neudruck des „Sittlichen Bewußtseins“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Eduard von Hartmann: Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins. Eine Entwicklung seiner mannigfaltigen Gestalten in ihrem inneren Zusammenhange. 3. <abbr>Aufl.</abbr> Berlin: Wegweiser-Verlag 1922 (2. <abbr>Aufl.</abbr> 1886).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2519"><lem>meine Tochter</lem><note><name>Leopoldine von Winterfeld</name></note></app></listApp></back></text></TEI>