<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001362-2</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Karl Gjellerup</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Klotzsche</placeName>, <date>11.3.1919</date>, <note>4 S., hs., mit verdeutlichenden Transkriptionen von anderer Hd. über einzelnen Wörtern</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 e, Nr. 7</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1362" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001362-2"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116618868">Karl Gjellerup</persName><placeName>Klotzsche</placeName><date when="1919-03-11">11.3.1919</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/1179385403">Erna Vaihinger</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610961">Franz Schubert</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116703652">Konrad von Lange</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610465">Arthur Schopenhauer</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 e, Nr. 7</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Karl Gjellerup</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Klotzsche</placeName>, <date>11.3.1919</date>, <note>4 S., hs., mit verdeutlichenden Transkriptionen von anderer Hd. über einzelnen Wörtern</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 1 e, Nr. 7</bibl></head></front><body><dateline>Klotzsche 11 März 1919.</dateline><salute>Hoch verehrter Herr Geheimrath!</salute><p>Herzlich danken wir Ihnen für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2452"/>Ihren freundlichen Brief<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2452"/>. Ja, wir hatten allerdings durch unsere Tochter, die mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2453"/>Frau Büttner<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2453"/> (<name>Schopenhauer</name>verein) gesprochen hatte, von dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2454"/>tragischen Ereignis in Ihrer Familie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2454"/> gehört; es hat uns tief erschüttert; Ihre Tochter stand von dem <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2455"/>Meissener Tag<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2455"/> hier in schöner Erinnerung vor uns. Wenn wir Ihnen dennoch nicht geschrieben haben, so werden Sie dies gewiss auch nicht als Mangel an Teilnahme deuten, sondern darin eine natürliche Zurückhaltung sehen, solange wir nur auf dritte Hand davon wussten, und eine gewisse Scheu, sich mit <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2456"/>Theilnahmebezeugungen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2456"/> in einen so tiefen Schmerz gleichsam hineinzudrängen. Da Sie jedoch jetzt selber so überaus freundlich uns diese Mittheilung machen, dürfen wir auch solche Zurückhaltung fallen lassen und Ihnen sagen, wie sehr unsere Herzen in dieser Zeit, die für uns alle so furchtbar, für Sie aber doppelt schrecklich gewesen ist, bei Ihnen waren, wie oft wir bekümmert von Ihnen gesprochen haben.</p><p>Es freut mich nun recht aus Ihrem Brief zu sehen, daß mein Heranziehen des Als-Ob-Gedanken in meiner <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2457"/>Beantwortung der Rundfrage<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2457"/> Ihnen gefallen hat. In meinem neuen Buch, einem Werk der Phantasie und des Humors „Das heiligste <pb/> Thier“, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2458"/>elysisches Fabelbuch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2458"/> (spielt im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2459"/>Pantheon<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2459"/> der Thiere, wo die berühmten Thiere sind), werden Sie, wenn ich es, hoffentlich im Herbst, Ihnen überreichen kann, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2460"/>werden Sie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2460"/> auf eine recht überraschende Weise das Als-Ob finden.</p><p>Einstweilen sende ich Ihnen ein Gedicht – <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2461"/>Sylvesterklänge<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2461"/> hatte ich es genannt, die Redaktion hat ihm einen anderen Namen gegeben. Ich glaube, es wird auch Ihren Gefühlen Ausdruck geben.</p><p>Für das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2462"/>Programm der Annalen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2462"/> danke ich sehr. Freue mich immer darüber, mit meinem Aufsatz mich in so feiner Gesellschaft zu befinden.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2463"/><name>Konrad Lange</name>s „Wesen der Kunst“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2463"/> habe ich mir gekauft und mit Interesse gelesen. Man sieht, er kommt von der bildenden Kunst, wo alles, was er sagt, stimmt, wenn es auch schwerlich den tiefsten Gesichtspunkt darstellt. In der dramatischen Poesie und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2464"/>theilweise<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2464"/> in der epischen lässt sich ein Gedanke ja auch einigermassen durchführen, in der Lyrik hapert’s gewaltig, in der Musik zeigt sich der Versuch als gänzlich unmöglich. Wenn er sich hier auf so rein peripherische Erscheinungen beruft als eine <name>Schubert</name>sche Begleitung, die das <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2465"/>Rieselen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2465"/> des Baches vortäuscht, ein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2466"/>Gewitter<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2466"/> und Ähnliches und daraus eine grosse Nummer macht, so ist dies so armselig, daß es eigentlich nur zeigt, auf welche Abwege ein geistreicher Mann seiner Theorie zu Liebe geführt werden kann. Diese Theorie, in so fern als sie das Wesen der Kunst <pb/> erschöpfen soll strandet unrettbar <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2467"/>auf die Musik<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2467"/>. Denn hier fehlen die zwei Reihen, es giebt nur eine. Die Musik schafft ihre eigene Wirklichkeit und täuscht durchaus keine andere vor. Der Maler erschafft 1) zuerst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2468"/>als Thier<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2468"/> (und zwar als Mensch und zwar als <hi rend="underline">dies</hi> Individuum) die allgemeine (und die ihn besonders) umgebende <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2469"/>Wirklichkeit.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2469"/> Dann 2) schafft er als Künstler ein Abbild eines Teils dieser Wirklichkeit, das dann 3) mehr oder wenig (oft verflucht wenig!) „täuschend ähnlich“ ist. – Beim Komponisten kommt eben 1 in Wegfall. Bei 2 ist demnach kein Abbild möglich, sondern das Bild ist <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2470"/>Schöpfung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2470"/>; folglich kommt auch 3 und damit die Illusionstheorie in Wegfall. Es ist bemerkenswerth, daß dies sich auch in der Architektur nur sehr nothdürftig und äusserst gezwungen durchführen lässt – ein neuer Zug zum Parallelismus zwischen Archit<add>[ektur]</add> <abbr>u.</abbr> Musik. Dieser beruht – was ich nie bewußt gesehen habe – darauf, daß die Form der Arch<add>[itektur]</add> der Raum, die der Musik die Zeit ist – beide isoliert; in der Archit<add>[ektur]</add> ist keine Zeit, in der Musik <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2471"/>kein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2472"/>Raum.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2472"/> Darum auch ist die Musik Rhythmus und Harmonie –<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2471"/> die Mutter aller Künste <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2473"/>(„Muse“)<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2473"/>, denn alles ist in der Zeit; die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2474"/>Mutter der Musen ist die Erinnerung<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2474"/>, das Wiederbeleben und die Zusammenfassung der fliessenden Zeit.</p><p>Wenn ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2475"/>Lesefrüchte<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2475"/> finde, werde ich nicht versäumen, solche zu senden.</p><p><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2476"/>Nehmen Sie mir<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2476"/> die herzlichsten Grüsse von meiner Frau und Ihrem ergebenen</p><signed>Karl <hi rend="underline">Gjellerup</hi> <pb/></signed><postscript><p>Ich weiss nicht, ob folgende Stelle – zum Gebrauch der Bezeichnung <hi rend="underline">Fiktion</hi>, von historischem Interesse sein kann:</p><p>Jakobs „Göttliche Dinge“ (Sämtl<add>[iche]</add> Werke Leipz<add>[ig]</add> 1816. Band 3, <abbr>p.</abbr> 266.)</p><p>So wenig der Prophet Natan durch eine Fiktion vom Schaf des armen Mannes den Namen eines guten Fabeldichters verdienen wollte</p><p>– also Fiktion als praktisches Hilfsmittel.</p><p>(Gegensatz zum blossen Fabulieren).</p></postscript></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2452"><lem>Ihren freundlichen Brief</lem><note>nicht überliefert</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2453"><lem>Frau Büttner</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2454"><lem>tragischen Ereignis in Ihrer Familie</lem><note>der Suizid der Tochter <name>Erna Vaihinger</name> am 31.12.1918; <abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu Vaihinger an Fritz Mauthner vom 9.1.1921.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2455"><lem>Meissener Tag</lem><note>Näheres nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2456"><lem>Theilnahmebezeugungen</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2457"><lem>Beantwortung der Rundfrage</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2458"><lem>elysisches Fabelbuch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Gjellerup an Vaihinger vom 3.1.1918</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2459"><lem>Pantheon</lem><rdg>Patheon</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2460"><lem>werden Sie</lem><note>mit Bleistift von anderer <abbr>Hd.</abbr> gestrichen</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2461"><lem>Sylvesterklänge</lem><note><abbr>vgl.</abbr> den Nachweis des Manuskriptes von Silvester 1918 im Findbuch über den Dresdener Nachlass Gjellerup: <ref type="link">http://digital.slub-dresden.de/id333570553</ref> (<abbr>S.</abbr> 10; 24.9.2024).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2462"><lem>Programm der Annalen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Gjellerup an Vaihinger vom 19.2.1918</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2463"><lem><name>Konrad Lange</name>s „Wesen der Kunst“</lem><note>von Vaihinger mehrfach empfohlen, <abbr>vgl.</abbr> <abbr>z. B.</abbr> Vaihinger an Houston Stewart Chamberlain vom 28.1.1916.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2464"><lem>theilweise</lem><rdg>Theilweise</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2465"><lem>Rieselen</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2466"><lem>Gewitter</lem><note>darüber mit Bleistift von anderer <abbr>Hd.</abbr>: </note><rdg>(in der Pastoralsymphonie)</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2467"><lem>auf die Musik</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2468"><lem>als Thier</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2469"><lem>Wirklichkeit.</lem><note>danach Fußnotenzeichen und -text (von Gjellerups <abbr>Hd.</abbr>): </note><rdg>wesentlich auf der Grundlage des Gesichts- Tast- und Muskelsinnes.</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2470"><lem>Schöpfung</lem><note>darüber von anderer <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>einer eigenen, nur dem Ohr zugänglichen Welt</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2472"><lem>Raum.</lem><note>darüber von anderer <abbr>Hd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>Es sind eben die beiden Künste der beiden grossen Undinge.</rdg><note> [nach <name>Kant</name>, Kritik der reinen Vernunft]</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2471"><lem>kein Raum. … Harmonie –</lem><note> am <abbr>Rd.</abbr> mit Bleistift: </note><rdg>?</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2473"><lem>(„Muse“)</lem><note>Einfügung über der Zeile</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2474"><lem>Mutter der Musen ist die Erinnerung</lem><note><abbr>bzw.</abbr> Mnemosyne (<abbr>gr.</abbr> Mythologie)</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2475"><lem>Lesefrüchte</lem><note><abbr>vgl.</abbr> die gleichnamige Rubrik in: Annalen der Philosophie. Mit besonderer Rücksicht auf die Probleme der Als Ob-Betrachtung, 1919 <abbr>ff.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2476"><lem>Nehmen Sie mir</lem><note>so wörtlich</note></app></listApp></back></text></TEI>