<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001349-3</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Hermann Sudermann</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>29.8.1918</date>, <note>2 S., hs. (andere Hd., mit eU)</note>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, COTTA:Sudermann</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1349" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001349-3"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1918-08-29">29.8.1918</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118619853">Hermann Sudermann</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118758926">Karl Schönherr</name></note><note type="repository">Deutsches Literaturarchiv Marbach, COTTA:Sudermann</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Hermann Sudermann</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>29.8.1918</date>, <note>2 S., hs. (andere Hd., mit eU)</note>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, COTTA:Sudermann</bibl></head></front><body><p><hi rend="underline">Diktat</hi></p><dateline>Halle S. Reichardtstr. 15, <abbr>d.</abbr> 29.8.18.</dateline><salute>Hochverehrter Herr Sudermann!</salute><p>Mit einigem Herzklopfen sende ich Ihnen den inliegenden kleinen Artikel von mir. Es war zunächst ein Ferien-Einfall, zu dem <name>Schönherr</name>schen „Weibsteufel“ <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2401"/>einen neuen Schluss<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2401"/> zu machen, aber aus dem Einfall ist eine wichtige Prinzipien-Frage geworden, über die ich freilich nur kurz mich äussern konnte, denn die Frage verdient eine viel gründlichere Behandlung. Aber vielleicht genügt doch einstweilen die vorliegende Ausführung, die ihre Aufgabe erfüllt hat, wenn sie den Anlass dazu bildet, dass die Berufenen sich zu der Sache äussern. Es ist mir natürlich sehr wohl bekannt, was man gegen meinen Vorschlag sagen kann. Man wird den neuen Schluss als eine schwächliche Abstumpfung betrachten können gegenüber dem kraftvollen &amp; trotzigen Schluss von <name>Schönherr</name>.</p><p>Doch möchte ich zur Klärung eine allgemeine Bemerkung zu machen mir erlauben. Ein aufgeführtes Drama unterliegt ganz anderen Gesetzen als etwa ein blosses Buchdrama, oder als eine epische Erzählung. Letztere genießt der Leser für gewöhnlich allein. Die Aufführung eines <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2402"/>Dramas<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2402"/> aber ist eine öffentliche Handlung, die eben als solche einer sozial-ethischen <pb/> Beurteilung unterliegt. Im letzteren Falle treten die Personen unmittelbar handelnd vor uns auf &amp; wir sind Zuschauer &amp; Zeugen, des ganzen Vorganges. Dagegen in der epischen Erzählung huschen die Gestalten wie Schatten vor uns vorüber &amp; haben nicht Blut &amp; Leben wie die handelnden Personen des Dramas, das sich vor uns abspielt. Eben darum nehmen die Zeugen dieses Vorganges zu diesem selbst eine ganz andere Stellung ein, als die Leser einer Erzählung. Die Vorführung eines <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2403"/>Dramas vor<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2403"/> hunderten von Personen ist eine soziale Handlung, die ethisch bewertet werden muss. Man kann vielleicht einen derartigen Schluss, wie Sch<add>[önherr]</add> ihn seinem „Weibsteufel“ gegeben hat, aesthetisch rechtfertigen, aber als vorgeführtes Drama unterliegt dies doch einer sozial ethischen Bewertung.</p><p>Diese Erwägungen lassen es vielleicht entschuldbar erscheinen, daß ich es wage, einen Meister wie <name>Schönherr</name> corrigieren zu wollen. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2404"/>Vielleicht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2404"/> bin ich im Irrtum &amp; dann lasse ich mich gern belehren. Jedenfalls aber ist das Problem „Weibsteufel“ nun schon seit langem eine öffentliche Angelegenheit, &amp; so darf vielleicht auch ein Philosoph seine unmassgebliche Meinung darüber äussern.</p><p>Überaus verbunden wäre ich Ihnen für eine wenn auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2405"/>kurze Antwort<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2405"/>.</p><p>In aufrichtiger Verehrung Ihr ganz ergebenster</p><signed>Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2401"><lem>einen neuen Schluss</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Ein neuer Schluß für den Schönherrschen „Weibsteufel“. In: Hallische Nachrichten, Nr. 206 vom 3.9.1918, S. 2. Online via <ref type="link">http://dx.doi.org/10.25673/opendata2-67443</ref> (24.9.2024). Dazu u. a. Kommentare von Richard Hamel: Prof. Vaihinger und der Schluß von Schönherrs „Weibsteufel“. In: Nachrichten für Stadt und Land (Oldenburg), Nr. 251 vom 14.9.1918, S. 5–6 (https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/item/R2QLZCZYIXJCTZD7AYYC67Q57XWLZLQE?issuepage=5 (1.10.2024)); von A. M. in Badische Post, Nr. 212 vom 12.9.1919, S. 2 (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/badischepost1919/0064 (24.9.2024)) sowie in Volkspost (Eggenburger Zeitung), Nr. 39 vom 27.9.1918, S. 7: </note><rdg>Briefkasten. Zur Weibsteufel-Theateraffäre in München können wir Ihnen mitteilen, daß der radikale, protestantische Universitätsprofessor und Kantforscher Hans Vaihinger aus Halle dem Münchner Erzbischof Dr. v. Faulhaber vollständig beistimmt (siehe liberale M[ünchen] Augsburger Abendzeitung Nr. 100), daß derselbe von der Kanzel aus so energisch gegen die Aufführung dieses sittenlosen Stückes gewettert hat. Aus ästhetischen und sittlichen Gründen lehnt auch der angesehene Vaihinger das Stück ab</rdg><note> (Digitalisat via https://anno.onb.ac.at/ (24.9.2024)). – Vgl. Karl Schönherr: Der Weibsteufel. Drama in fünf Akten. 1.–3. Tsd. Leipzig: Staackmann 1914. Uraufführung am 6.4.1915 in Wien, Johann-Strauß-Theater. – Ein Bericht über eine Aufführung mit Vaihingers neuem Schluß im Kurtheater Friedrichroda findet sich in: Saale-Zeitung, Abend-Ausgabe, 1. Beiblatt zu Nr. 380 vom 15.8.1919 (<ref type="link">http://dx.doi.org/10.25673/opendata2-120236</ref> (24.9.2024)).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2402"><lem>Dramas</lem><rdg>Drama</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2403"><lem>Dramas vor</lem><rdg>Dramas, (das sich) vor</rdg><note> Parenthese nicht gestrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2404"><lem>Vielleicht</lem><rdg>Villeicht</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2405"><lem>kurze Antwort</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Sudermann an Vaihinger vom 16.9.1918</note></app></listApp></back></text></TEI>