<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001315-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Heinrich Rickert</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>26.5.1917</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, hs. Korrekturen und hs. Zusatz mit schwarzer Tinte</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 17</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1315" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001315-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118600605">Heinrich Rickert</persName><placeName>Heidelberg</placeName><date when="1917-05-26">26.5.1917</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11865361X">Bruno Bauch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118521411">Hermann Cohen</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118569856">Emil Lask</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116557648">Leonore Ripke-Kühn</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118785281">Hugo Münsterberg</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 17</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Heinrich Rickert</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Heidelberg</placeName>, <date>26.5.1917</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, hs. Korrekturen und hs. Zusatz mit schwarzer Tinte</note>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXIII, 3 l, Nr. 17</bibl></head></front><body><dateline>Heidelberg, den 26. Mai 1917.</dateline><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2109"/>Scheffelstraße<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2109"/> No. 4.</dateline><salute>Sehr geehrter Herr College!</salute><p>Ich danke Ihnen bestens für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2110"/>Ihren Brief vom 23.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2110"/> Bitte schließen Sie daraus, daß ich sogleich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2111"/>antworte, nicht,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2111"/> daß ich Sie zu einem neuen Brief veranlassen will. Ich habe mit lebhafter Teilnahme gehört, daß Sie durch körperliche Beschwerden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2112"/>im schreiben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2112"/> gehindert <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2113"/>sind,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2113"/> und will gerne geduldig <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2114"/>warten,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2114"/> bis ich, wie alle andern, die in Aussicht gestellte Aufklärung erhalte. Die Sache hat ja gar keine <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2115"/>Eile,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2115"/> da ich, solange wir Krieg haben, entschlossen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2116"/>bin,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2116"/> nichts zu unternehmen. Nur <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2117"/><hi rend="underline">eins</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2117"/> möchte ich gleich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2118"/>sagen,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2118"/> und deshalb schreibe ich schon heute. <name>Bauch</name> hat <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2119"/><hi rend="underline">nicht mit einem Worte</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2119"/> mir gegenüber darauf hingedeutet, daß die Rücksicht auf jüdisches Kapital und die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2120"/><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2121"/>Angst<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2120"/>, es zu verlieren,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2121"/> bei seiner Verdrängung aus der Redaktion der Kant-Studien irgend eine Rolle gespielt habe. Ich fand im Gegenteil jeden Satz, den er mir darüber schrieb, in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2122"/>höchstem<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2122"/> Maße <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2123"/><hi rend="underline">loyal</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2123"/>, so daß Sie dagegen gewiss nichts hätten einwenden können. Er schrieb mir sogar, das ja seine Darstellung vielleicht einseitig sein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2124"/>könne,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2124"/> und riet mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2125"/>ausdrücklich,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2125"/> mich doch an <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2126"/><hi rend="underline">Sie</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2126"/>, geehrter Herr College, zu wenden, falls ich auch die andere Seite hören wolle. Ich hielt das zuerst für überflüssig, weil mir der Brief im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2127"/>„Panther“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2127"/> eine vollkommen genügende Erklärung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2128"/>gab,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2128"/> und ich möchte für heute nur noch sagen, daß auch Ihr Brief mir keine Tatsachen mitgeteilt hat, die mir die ganze Angelegenheit in einem anderen Lichte erscheinen lassen als bisher. Ich habe den ersten Brief von Frau <name>Ripke</name>, der ja die Veranlassung für alles Folgende geworden ist, wegen der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2129"/>antisemitische<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2129"/> Aeußerungen auf das lebhafteste <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2130"/><hi rend="underline">bedauert</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2130"/>, um so mehr als ich fand, daß das sachlich Richtige darin durch die Hereinziehung der Judenfrage nur verdunkelt wurde. Ebenso kann ich <name>Bauch</name> in seinen Bemerkungen über die Juden im <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2131"/><hi rend="underline">Allgemeinen</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2131"/> durchaus <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2132"/><hi rend="underline">nicht</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2132"/> zustimmen. Sie wissen vielleicht, daß mehrere meiner besten Freunde der Abstammung nach Juden <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2133"/>sind,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2133"/> und daß ich beim Tode von <name>Lask</name> und <name>Münsterberg</name> mich auch öffentlich über diese Männer in einer Weise geäußert habe, die jeden Verdacht einer grundsätzlich antisemitischen Gesinnung von mir fernhalten muß. Ich habe auch <name>Bauch</name> aus meiner abweichenden Ansicht kein Geheimnis gemacht. Andererseits aber vermag ich nach wie vor nicht einzusehen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2134"/>daß<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2134"/> <name>Bauch</name> durch seine durchaus maßvollen und <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2135"/><hi rend="underline">persönlich</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2135"/> nicht verletzenden Aeußerungen sich irgendwie unwürdig gemacht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2136"/>hätte,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2136"/> weiter die Redaktion der Kant-Studien zu führen, um die er sich doch durch eine lange Reihe von Jahren recht große Verdienste erworben hat. Ich will gerne zugeben, daß manche Leute durch seine Worte sehr <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2137"/>unangenehm<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2137"/> berührt sein können, aber ebenso gewiß gilt, daß auch <name>Cohen</name> über Judentum und Christentum wiederholt sich in einer Weise geäußert hat, die einen gläubigen Christen schwer verletzten konnte, und trotzdem wäre doch wohl Niemand auf den Gedanken gekommen, daß <name>Cohen</name> nun nicht mehr würdig <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2138"/>sei,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2138"/> mit seinem Namen auf dem Titelblatt der Kant-Studien zu stehen. Ich kann daher <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2139"/>nur<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2139"/> von Neuem meinem Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß <name>Bauch</name> für Aeußerungen, die er als Privatmann in einer andern Zeitschrift getan hat, aus den Kant-Studien gedrängt worden ist, und ich weiß, daß dieses Erstaunen von Vielen geteilt wird, ja heftigen Unwillen auch bei Männern hervorgerufen hat, deren Urteil Ihnen gewiß nicht gleichgültig sein würde. Ich fürchte daher, daß diese ganze Sache schließlich den Kant-Studien viel mehr schaden wird als <name>Bauch</name>, wenn nicht eine Aufklärung erfolgt, welche die Entlassung <name>Bauch</name>s als <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2140"/><hi rend="underline">unvermeidlich</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2140"/> rechtfertigt. Freude haben bisher nur die Antisemiten daran gehabt, denn <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2141"/><hi rend="underline">sie</hi><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2141"/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2142"/><hi rend="underline">nicht</hi> etwa ich oder <name>Bauch</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2142"/><name/> weisen triumphierend auf den <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2143"/>„verderblichen Einfluß des jüdischen Geldes“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2143"/> hin.</p><p>Mit kollegialem Gruß ergebenst</p><signed>Rickert.</signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-2109"><lem>Scheffelstraße</lem><note>anlautendes </note><rdg>S</rdg><note> <abbr>hs.</abbr> ergänzt</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2110"><lem>Ihren Brief vom 23.</lem><note>nicht überliefert; <abbr>vgl.</abbr> Rickert an Vaihinger vom 3.5.1917.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2111"><lem>antworte, nicht,</lem><note>Kommata von <abbr>Hd.</abbr> gesetzt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2112"><lem>im schreiben</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2113"><lem>sind,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2114"><lem>warten,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2115"><lem>Eile,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2116"><lem>bin,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2117"><lem><hi rend="underline">eins</hi></lem><note>von <abbr>Hd.</abbr> unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2118"><lem>sagen,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2119"><lem><hi rend="underline">nicht mit einem Worte</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="editorial" corresp="#ED-2120"><lem>Angst</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Rickert an Vaihinger vom 3.5.1917</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2121"><lem>Angst, es zu verlieren,</lem><note>Kommata von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2122"><lem>höchstem</lem><rdg>höchten</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2123"><lem><hi rend="underline">loyal</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2124"><lem>könne,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2125"><lem>ausdrücklich,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2126"><lem><hi rend="underline">Sie</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2127"><lem>„Panther“</lem><note>Anführungszeichen von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2128"><lem>gab,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2129"><lem>antisemitische</lem><note>korrigiert (!) aus </note><rdg>antisemistischen</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2130"><lem><hi rend="underline">bedauert</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2131"><lem><hi rend="underline">Allgemeinen</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2132"><lem><hi rend="underline">nicht</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2133"><lem>sind,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2134"><lem>daß</lem><rdg>ß</rdg><note> <abbr>hs.</abbr> ergänzt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2135"><lem><hi rend="underline">persönlich</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2136"><lem>hätte,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2137"><lem>unangenehm</lem><rdg>unangenhm</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2138"><lem>sei,</lem><note>Komma von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2139"><lem>nur</lem><note><abbr>hs.</abbr> korrigiert aus </note><rdg>bur</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2140"><lem><hi rend="underline">unvermeidlich</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2141"><lem><hi rend="underline">sie</hi></lem><note>Unterstreichung von <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-2142"><lem><hi rend="underline">nicht</hi> etwa ich oder <name>Bauch</name></lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung über Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2143"><lem>„verderblichen … Geldes“</lem><note> Anführungszeichen von <abbr>Hd.</abbr></note></app></listApp></back></text></TEI>