<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001299-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Ernst</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>2.1.1917</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ.-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Ernst, Paul</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1299" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001299-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1917-01-02">2.1.1917</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118530909">Paul Ernst</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118532847">Johann Gottlieb</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/1024788598">Friedrich Heinrich Jacobi</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/11857518X">Georg Lukács</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118530909">Paul Ernst</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118607626">Friedrich Schiller</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118608045">Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher</name></note><note type="repository">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Ernst, Paul</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Paul Ernst</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>2.1.1917</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ.-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Deutsches Literaturarchiv Marbach, A:Ernst, Paul</bibl></head></front><body><p>Diktat.</p><dateline>Halle den 2. Januar 1917.</dateline><p>Herrn <abbr>Dr.</abbr> Paul Ernst, Neustadt (Südharz)</p><salute>Hochgeehrter Herr Doktor!</salute><p>Ihren ausführlichen und mir sehr interessanten <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2021"/>Brief vom 19. Dezember<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2021"/> hätte ich längst beantwortet: aber ich wartete immer noch auf das Eintreffen der in jenem Briefe gütigst angekündigten Sendungen dreier Schriften von Ihnen. Diese sind nun aber erst heute morgen bei mir eingelaufen, was wohl eine Folge der jetzigen Überbürdung der Post ist. So beeile ich mich, Ihnen sogleich meinen herzlichsten Dank für diese schönen Geschenke auszusprechen, die mir so viel Genuss versprechen. Dass ich die drei Dramen nur lesen <abbr>resp.</abbr> mir <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2022"/>vorlesen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2022"/> lassen kann, wird mich insofern am Genuss nicht hindern, als eben auch eine dramatische Vorführung im Theater mir bei dem Zustand meiner Augen wenig bietet, indessen werde ich doch versuchen, den hiesigen Theaterdirektor zu veranlassen, sich die Frage der Aufführung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2023"/>vorzulegen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2023"/>. Auch sonst habe ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2024"/>Beziehungen zu verschiedenen Theatern<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2024"/>, indem die dortigen Dramaturgen sich jetzt gerade sehr eingehend mit meiner Philosophie des Als Ob beschäftigen und so würde es mir schon möglich sein, diese Herren gelegentlich für diese Dramen besonders zu interessieren.</p><p>Ich danke Ihnen sehr, dass Sie selbst sich so eingehend mit der Philosophie des Als Ob beschäftigt haben. Es ist ein ehrenvoller Gedanke für mich, dass gerade ein Dichter von Ihrem Range meinem Werke so viel Zeit und Mühe zugewendet hat. Indessen ist das nicht blos eine Befriedigung meiner kleinlichen Eitelkeit, sondern es liegt mir tatsächlich sehr daran, eben nicht blos von philosophischen Fachmännern gelesen zu werden, sondern gerade bei Schriftstellern und Dichtern Interesse zu finden, da die Philosophie des Als Ob ja eben die Bedeutung des dichtenden Denkens in allen Gebieten der Wissenschaften und des Lebens in neuer Weise nachzuweisen sucht. Auch sind die Fachmänner, die schon in ihren festen Geleisen hin und her fahren, nicht immer diejenigen, welche dem Neuen in ihrem eigenen Gebiete besonderes Verständnis entgegen bringen, im Gegenteil zeigt die Geschichte der Wissenschaft, dass neue Richtungen des wissenschaftlichen Denkens meistenteils zuerst auf den Widerstand der alten Richtungen gestossen sind.</p><p>Sie sagen, <name>Kant</name> habe seine Religion zu nahe an die Moral herangerückt und von dieser abhängig gemacht. Das ist vollständig richtig: es wäre durchaus einseitig, anzunehmen, dass alles religiöse Fühlen, Vorstellen und Leben in der Welt von nun an, <abbr>d. h.</abbr> von <name>Kant</name> an, in der gerade von ihm vorgeschriebenen Weise sich abspielen solle. Das würde der ausserordentlichen Vielseitigkeit und Verschiedenheit der Individualitäten Gewalt antun und in diesem Sinne haben ja auch die Nachfolger von <name>Kant</name> von <name>Fichte</name> bis zur Gegenwart ganz andere <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2025"/>religionsphilosophische<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2025"/> Anschauungen entwickelt.</p><p>Es ist aber durchaus nicht so von mir gemeint, dass die gerade von <name>Kant</name> geprägte spezielle Form der „Religion des Als Ob“ die allgemein <pb/> gültige sein müsse. Es gibt vielmehr noch zahlreiche andere Formen der Als Ob-Religion ausser dem moralischen Theismus <name>Kant</name>s. Auch der Pantheismus und auch der Polytheismus und schliesslich jede andere Religionsform kann in der Form der Als Ob-Religion auftreten. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2026"/><name>Goethe</name> sagt<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2026"/>: „Als handelnder Mensch bin ich Theist, als Naturbetrachter bin ich Pantheist, als Künstler bin ich Polytheist“. Das sind drei Als Ob-Religionen nebeneinander. Die „Religion des Als Ob“ steht und fällt nicht mit der spezifisch <name>Kant</name>ischen Ausprägung derselben. Diese ist nur eine Art einer allgemeineren Gattung.</p><p>Diese Erweiterung ist sehr wichtig. In meinem Buche konnte ich darauf nicht eingehen, da ich dadurch seine Geschlossenheit gesprengt hätte, aber ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie mich durch Ihren Brief darauf bringen, davon jetzt zu sprechen.</p><p>Ebenso richtig ist Ihr Sträuben gegen die <name>Kant</name>ische Formulierung seines kategorischen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2027"/>Imperativs<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2027"/>, der alles Handeln des Einzelnen nur in der Form einer allgemein gültigen Gesetzgebung gestatten will. Schon <name>Schiller</name> und <name>Goethe</name> und nach ihnen viele andere haben darauf hingewiesen (besonders auch <name>Schleiermacher</name>) dass jene Lehre <name>Kant</name>s ergänzt werden, <abbr>resp.</abbr> ergänzt werden müsse durch die Berücksichtigung der Individualität. Man kann dasjenige, was Sie darüber mit Recht sagen, einfach in die Formel fassen, was für den A. sittlich notwendig sein kann, oder sittlich erlaubt, kann für den B. oder C. unsittlich sein und umgekehrt. Aber natürlich liegen hier grosse Schwierigkeiten und Gefahren, die auch jenen nicht verborgen geblieben sind, welche, wie gesagt, die Individualisierung der Moral verlangt haben. Dieses Verlangen besteht aber zu Recht: man kann und darf die menschlichen Handlungen einfach deshalb schon nicht nach einem Normalmass messen, weil die Verschiedenheit der Umstände und Naturen viel zu gross ist.</p><p>Für die Philosophie des Als Ob kommen die betreffenden Lehren <name>Kant</name>s nur als Beispiel <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2028"/>inbetracht<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2028"/>, dass und wie auch im Gebiete der Moral die Als Ob-Betrachtung ihre Stelle findet. Man braucht aber deshalb nicht <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2029"/>die<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2029"/> spezifisch <name>Kant</name>ische Verwendung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2030"/>derselben<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2030"/> ohne weiteres zu acceptieren.</p><p>Es ist mir sehr lieb, dass Sie mich an die Stelle aus <name>Nietzsche</name> erinnern, wonach die Handlung unmittelbar erfolgt, während wir uns die Motive erst nachträglich zurechtlegen. Das stimmt für viele Fälle und so stimmt auch dasjenige, was Sie darüber sagen für diese Fälle. Aber es stimmt eben nicht für viele andere Fälle. Ausser jenen instinktiven Handlungen, welche ohne bewusste Motivation erfolgen, gibt es ja Handlungen genug, welche nach langem Hin- und Herwägen der verschiedensten Motive erst ins Leben treten. Auch hier kann man eben nicht verallgemeinern: das Leben ist immer reicher als die Theorie. So haben Sie sehr recht, dass im Gebiet der praktischen Vernunft noch viele Probleme liegen, bei denen vor allem zu berücksichtigen ist, dass die Mannigfaltigkeit des Lebens sich nicht in eine einzige Formel bringen lässt.</p><p>Besten Dank für den Hinweis auf Herrn von <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2031"/><name>Lukács</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2031"/><name/> und die Anderen, welche die Metaphysik als bewusste Fiktion betrachten. Ich darf wohl einmal später <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-2032"/>hierauf zurückkommen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-2032"/>, da mir das von grossem Wert ist.</p><p>Mit den besten Wünschen zum Neuen Jahr und mit wiederholtem Dank Ihr aufrichtig ergebener</p><signed>Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-2021"><lem>Brief vom 19. Dezember</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Paul Ernst an Vaihinger vom 19.12.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2022"><lem>vorlesen</lem><note><abbr>hs.</abbr> im Zeilensprung irrtümlich korrigiert zu </note><rdg>vorlegen</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2023"><lem>vorzulegen</lem><rdg>vorzulesen</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2024"><lem>Beziehungen zu verschiedenen Theatern</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Ludwig Fulda vom 20.10.1916, an Julius Bab vom 21.10.1916 sowie an Hermann Bahr vom 26.10.1916.</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2025"><lem>religionsphilosophische</lem><rdg>Religionsphilosophische</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2026"><lem><name>Goethe</name> sagt</lem><note>in <name>Goethe</name>s Schreiben an <name>Friedrich Heinrich Jacobi</name> vom 6.1.1813 heißt es: </note><rdg>Ich für mich kann, bey den mannigfachen Richtungen meines Wesens nicht an einer Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als Naturforscher, und eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit als sittlicher Mensch, so ist dafür auch schon gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind ein so weites Reich, daß die Organe aller Wesen zusammen es nur erfassen mögen</rdg><note> (Briefwechsel zwischen Goethe und F. H. Jacobi. <abbr>Hg.</abbr> <abbr>v.</abbr> Max Jacobi. Leipzig: Weidmann 1846, <abbr>S.</abbr> 261).</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2027"><lem>Imperativs</lem><rdg>Imperativ</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2028"><lem>inbetracht</lem><note>so wörtlich</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2029"><lem>die</lem><note><abbr>hs.</abbr> Einfügung über der Zeile</note></app><app type="philological" corresp="#ED-2030"><lem>derselben</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>nicht</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-2031"><lem><name>Lukács</name></lem><rdg>Lukacs</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-2032"><lem>hierauf zurückkommen</lem><note>dazu kein Schreiben Vaihingers an <name>Paul Ernst</name> nachgewiesen; <abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Georg von Lukács vom 3.1.1917.</note></app></listApp></back></text></TEI>