<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001261-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Julius Bab</persName>, <placeName type="sent">Friedrichroda</placeName>, <date>21.10.1916</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ.-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>,<bibl type="pubPlace"> Leo Baeck Institute, Julius Bab Collection: </bibl><ref type="link">https://ia600903.us.archive.org/29/items/juliusbabcollect03babj/juliusbabcollect03babj.pdf</ref><bibl type="pubPlace"> (S. 379–380)</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1261" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001261-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Friedrichroda</placeName><date when="1916-10-21">21.10.1916</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116019891">Julius Bab</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/118523813">Charles Darwin</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118619055">David Friedrich Strauß</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116606908">Heinrich Romundt</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/117441376">Karl Wollf</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118782207">Max Martersteig</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118587943">Friedrich Nietzsche</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118610465">Arthur Schopenhauer</name></note><note type="repository">Leo Baeck Institute, Julius Bab Collection</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Julius Bab</persName>, <placeName type="sent">Friedrichroda</placeName>, <date>21.10.1916</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU), Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ.-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>,<bibl type="pubPlace"> Leo Baeck Institute, Julius Bab Collection: </bibl><ref type="link">https://ia600903.us.archive.org/29/items/juliusbabcollect03babj/juliusbabcollect03babj.pdf</ref><bibl type="pubPlace"> (S. 379–380)</bibl></head></front><body><dateline><abbr>z. Z.</abbr> Friedrichroda, Haus Schlüter,</dateline><dateline>den 21.X.16.</dateline><p>Herrn Schriftsteller Julius Bab, Berlin-Grunewald.</p><salute>Sehr geehrter Herr!</salute><p>Ihre vielen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1790"/>Beiträge in der „Gegenwart“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1790"/> (in der ich aber neuerdings Ihren Namen vermisse) habe ich stets m<add>[it]</add> großem Interesse, freilich öfters auch mit Widerspruch meinerseits, gelesen. Stets fesselte mich die Originalität Ihrer Betrachtung, die Unabhängigkeit Ihres Urteils und der geistvolle Stil. Dies war der Grund, weshalb ich glaubte, meine <name>Nietzsche</name>schrift einem Manne, wie Sie, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1791"/>übersenden zu sollen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1791"/>, als Zeichen dankbarer Anerkennung mannigfacher Anregung.</p><p>Durch die gütige Übersendung <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1792"/>Ihres <name>Nietzsche</name>-Artikels<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1792"/> in „der Hilfe“ vom 31. Dez<add>[ember]</add> 1914 haben Sie mich ebenso sehr erfreut, wie überrascht. Überrascht, weil ich zu meiner Freude aus dem mir bis jetzt leider unbekannt gebliebenen Artikel ersehe, daß Ihre Auffassung sich mit der meinigen so überaus nahe berührt. <pb/> Hätte ich Ihren schönen Artikel gekannt, so hätte ich in einem Vorwort auf ihn hingewiesen.</p><p>Sie sagen in Ihrem Essay so Vieles, was mir aus der Seele gesprochen ist, was ich aber in dem Zusammenhang meiner eigenen Ausführungen nicht sagen konnte: auch hätte ich schwerlich dafür den schönen Ausdruck gefunden, den Sie diesen Gedanken gegeben haben.</p><p>Vielleicht darf ich hier speziell darauf hinweisen, daß ich über 2 Punkte, welche Sie auch besonders hervorgehoben haben, Spezialuntersuchungen von Schülern von mir zu der Zeit habe anstellen lassen, als mein Augenleiden noch nicht so wie jetzt vorangeschritten war: das Problem des Tragischen bei <name>Nietzsche</name> und die Überwindung des <name>Schopenhauer</name>’schen Pessimismus durch ihn, worüber Sie das Nähere auf <abbr>S.</abbr> 79 meiner Schrift finden.</p><p>Sie sprechen einmal in Ihrer Abhandlung über den Ihrer Ansicht nach geringen Einfluß <name>Darwin</name>s auf <name>Nietzsche</name>. Man kann zu dieser Ansicht kommen, wenn man gewisse Stellen von ihm über <name>Darwin</name> ins Auge faßt, in denen N<add>[ietzsche]</add> über diesen und seine Lehre loszieht. Diese Negation erklärt <pb/> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1793"/>sich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1793"/> aus der Antipathie von N<add>[ietzsche]</add> gegen gewisse Oberflächlichkeiten, die sich damals an <name>Darwin</name> anschlossen, so besonders bei <name>Strauss</name>. Aber man kann, sowohl indirekt als direkt nachweisen, daß N<add>[ietzsche]</add> vieles aus <name>Darwin</name> entnahm. So hörte ich noch neustens, daß <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1794"/><name>Romundt</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1794"/><name/>, jetzt in Dresden, früher in Basel und dort mit <name>Nietzsche</name> noch befreundet, erzählt, N<add>[ietzsche]</add> habe damals oft geäußert: <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1795"/>„mit <name>Darwin</name> läßt sich etwas machen.“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1795"/> Was ihn an <name>Darwin</name> anzog, war dessen Lehre vom Kampf ums Dasein, wie ich das in meiner Schrift näher ausgeführt habe.</p><p>Am Schluß derselben habe ich auch auf meine „Philosophie des Als Ob“ hinweisen können. Aus Ihren mir bekannt gewordenen Essays und Schriften möchte ich annehmen, daß Sie für dieses Buch und seine Ideen Interesse haben möchten. In der Poesie kommt gerade das „Als Ob“ zur deutlichsten Ausprägung. Ich habe in der „Phil<add>[osophie]</add> des Als Ob“ (welche mit gewissen Lehren v<add>[on]</add> <name>Nietzsche</name> parallel geht, ohne von ihm abhängig zu sein) das Als Ob in den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft <abbr>u.</abbr> besonders in der Philosophie dargestellt. Das „Als Ob“ <pb/> spielt aber in der Poesie <abbr>u.</abbr> bes<add>[onders]</add> im Drama, speziell im gespielten Drama, <abbr>d. h.</abbr> im Theater, eine nicht minder große Rolle, ja sogar natürlich eine viel anschaulichere. So haben denn auch <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1796"/>Dramaturgen<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1796"/>, wie <abbr>z. B.</abbr> <name>Martersteig</name> und <name>Karl Wollf</name> (jetzt in Dresden) in der „Philosophie des Als Ob“ die wissenschaftliche Grundlegung ihrer dramaturgischen Theorien <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1797"/>gefunden.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1797"/></p><p>Freilich ist die Durcharbeitung eines Werkes von 800 Seiten eine starke Zumutung. Sollten Sie aber jetzt oder später einmal Lust und Zeit dazu haben, so würde ich dann um Nachricht bitten: ich würde mir eine Freude daraus machen, Ihnen das Werk zu übersenden, da ich glauben möchte, daß Sie demselben besonderes Verständnis entgegen bringen.</p><p>Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1798"/>Vaihinger<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1798"/></signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1790"><lem>Beiträge in der „Gegenwart“</lem><note>Bab war regelmäßiger Beiträger der Zeitschrift: Die Gegenwart. Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1791"><lem>übersenden zu sollen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Bab an Vaihinger von Oktober 1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1792"><lem>Ihres <name>Nietzsche</name>-Artikels</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Bab vom 27.11.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1793"><lem>sich</lem><note>am Kopf der <abbr>S.</abbr> am neuen Bogenbeginn: </note><rdg>II.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1794"><lem><name>Romundt</name></lem><note><name>Heinrich Romundt</name> (1845–1919; <ref type="link">https://www.e-manuscripta.ch/name/view/2588806</ref> (19.9.2024)).</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1795"><lem>„mit <name>Darwin</name> läßt sich etwas machen.“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Karl Gjellerup an Vaihinger vom 14.10.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1796"><lem>Dramaturgen</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Hermann Bahr vom 26.10.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1797"><lem>gefunden.</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>Fr</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1798"><lem>Vaihinger</lem><note>eigenhändig</note></app></listApp></back></text></TEI>