<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001243-0</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Anton von Leclair</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wien</placeName>, <date>17.5.1916</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU und eigenhändigen Bleistiftergänzungen), Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r.</hi></hi> Ant. v. Leclair</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. </bibl><bibl type="pubPlace">15</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1243" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001243-0"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/116850817">Anton von Leclair</persName><placeName>Wien</placeName><date when="1916-05-17">17.5.1916</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/11865361X">Bruno Bauch</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name></note><note type="repository">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. 15</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Anton von Leclair</persName> an <persName type="received">Vaihinger</persName>, <placeName type="sent">Wien</placeName>, <date>17.5.1916</date>, <note>4 S., hs. (andere Hd., mit eU und eigenhändigen Bleistiftergänzungen), Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">D<hi rend="superscript"><hi rend="underline">r.</hi></hi> Ant. v. Leclair</quote>, <bibl type="pubPlace">Staats- und Universitätsbibliothek Bremen, Aut. XXII, 6 m, Nr. </bibl><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1608"/><bibl type="pubPlace">15</bibl><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1608"/></head></front><body><dateline><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1609"/>Wien, IX. Wasagasse 27.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1609"/></dateline><dateline>Wien 17. Mai 1916.</dateline><salute>Hochverehrter Herr Geheimrat!</salute><p>Zunächst <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1610"/>danke<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1610"/> ich bestens für <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1611"/>Ihre freundliche Karte vom 18. April<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1611"/>. – Ich schicke voraus, daß ich selbstverständlich eine Antwort auf folgende Zeilen Ihrerseits nicht erwarte und zufrieden bin, wenn Sie deren Inhalt zur Kenntnis nehmen. <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1612"/><abbr>Prof.</abbr> <name>Bauch</name> hat meine Abhandlung abgelehnt mit der Begründung, daß „ihr Thema von dem eigentlichen Programm der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1613"/>Kantstudien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1613"/> allzu weit abliegt“.<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1612"/> Über diese Motivierung müßte ich erstaunt sein, wenn ich sie für ganz aufrichtig halten müßte; ich glaube, daß ein andres Motiv maßgebend war. Hielt <abbr>Prof.</abbr> <name>Bauch</name> die Arbeit für zu wenig bedeutend oder erschien sie ihm mit allzu groben Gebrechen <pb/> behaftet, so hätte ich ein dahin lautendes Urteil ganz gut vertragen. Im literarischen Kampfe habe ich zumal bei der Frage der Zulassung der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1614"/>Lehrbücher der Logik und Psychologie<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1614"/> mir so viel gefallen lassen müssen, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1615"/>daß ich<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1615"/> gegen Tadel ziemlich abgehärtet bin, und auf eine Enttäuschung mehr oder weniger kommt es mir am Abend eines Lebens, das mir so viele Enttäuschungen brachte, wirklich nicht an. Eine Ablehnung habe ich gefürchtet wegen gewisser praktischer Konsequenzen meines Radikalismus gegenüber dem Transzendenz-Wahn. Vielleicht war für den Redaktor diese Rücksicht maßgebend. – Daß die Arbeit im Rahmen der <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1616"/>Kantstudien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1616"/> keinen Platz finden soll, ist mir einfach unverständlich. Meine Betrachtungen stützen sich durchaus auf <pb/> Errungenschaften des <name>Kant</name>schen Denkens, das ich allerdings konsequent durchzuführen versuche. Der größere und mir wichtigere Abschnitt der Arbeit handelt vom fremden Bewußtsein. Soviel ich sehe, kennt <name>Kant</name> das erkenntnistheoretische Problem des Ich <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1617"/>in seinem Verhältnis<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1617"/> zum Du und Er nicht, und auch in der mir bekannten späteren Literatur finde ich diese Lücke nicht ausgefüllt. Mein Streben war, eine Lösung dieses allerdings schwierigen Problems zu versuchen und bei strengster Selbstkritik hoffte ich, daß wenn schon nicht mein <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1618"/>Resultat,<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1618"/> so doch mein Weg der Untersuchung, beziehungsweise der Nachweis der Schwierigkeiten jenes Problems unter allen Umständen einige Beachtung finden wird. Endlich gibt es noch eine Möglichkeit, die mir die Ablehnung <pb/> meiner Arbeit erklären könnte: ich war überrascht, daß <abbr>Prof.</abbr> <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1619"/><name>Bauch</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1619"/> schon am 10. Mai seinen Entschluß fassen konnte. Bei alledem, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1620"/>was der arme Mann durchgemacht hat<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1620"/>, mußte ich seine Entscheidung für einen <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1621"/>viel späteren<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1621"/> Zeitpunkt erwarten. Es kommt mir kaum glaublich vor, daß der Mann Stimmung, Kraft und Zeit gefunden haben soll, die umfangreiche Arbeit eingehend zu lesen. Es ist vielleicht nicht ganz leicht, <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1622"/>primo impetu<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1622"/> sich in meinen Gedankengang bezüglich des Du <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1623"/>hineinzufinden<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1623"/>. Indessen die Würfel sind gefallen, das Manuskript ist auf dem Wege nach <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1624"/>Wien<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1624"/> zurück, und nun warte ich den Frieden ab, ehe ich weitere Entschließungen fasse.</p><p>Mit den herzlichsten Grüßen und Wünschen für Ihr Wohl bittet seiner auch weiterhin freundlich zu gedenken Ihr Sie hochschätzender</p><signed><anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1625"/>Leclair<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1625"/></signed></body><back><listApp><app type="philological" corresp="#ED-1609"><lem>Wien, IX. Wasagasse 27.</lem><note>Einfügung mit Bleistift durch von Leclairs <abbr>Hd.</abbr></note></app><app type="philological" corresp="#ED-1610"><lem>danke</lem><rdg>dank</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1611"><lem>Ihre freundliche Karte vom 18. April</lem><note>nicht ermittelt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1613"><lem>Kantstudien</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1612"><lem>Prof. Bauch … abliegt“.</lem><note> etwaiges Schreiben Bauchs an von Leclair nicht ermittelt; von Leclair hatte eine Veröffentlichung in den Kantstudien-Ergänzungsheften angestrebt, <abbr>vgl.</abbr> von Leclair an Vaihinger vom 2.4.1916. Die Arbeit blieb vermutlich unveröffentlicht, <abbr>vgl.</abbr> den Kommentar zu von Leclair an Vaihinger vom 22.5.1916.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1614"><lem>Lehrbücher der Logik und Psychologie</lem><note><abbr>vgl.</abbr> von Leclair an Vaihinger vom 2.4.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1615"><lem>daß ich</lem><note>danach gestrichen: </note><rdg>ziemlich</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1616"><lem>Kantstudien</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1617"><lem>in seinem Verhältnis</lem><note>Einfügung am unteren Seitenrand mit Bleistift durch von Leclairs <abbr>Hd.</abbr>; Einfügungszeichen mit Blaustift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1618"><lem>Resultat,</lem><note>Komma mit Bleistift in der Zeile eingefügt</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1619"><lem><name>Bauch</name></lem><rdg>B.</rdg></app><app type="editorial" corresp="#ED-1620"><lem>was der arme Mann durchgemacht hat</lem><note><abbr>vgl.</abbr> von Leclair an Vaihinger vom 2.4. sowie vom 15.4.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1621"><lem>viel späteren</lem><note>mit Blaustift unterstrichen</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1622"><lem>primo impetu</lem><note>in lateinischer Schrift, <abbr>lat.</abbr> im ersten Schwung/Angriff</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1623"><lem>hineinzufinden</lem><note>mit Bleistift verbessert aus: </note><rdg>hinein zu finden</rdg></app><app type="philological" corresp="#ED-1624"><lem>Wien</lem><note>in lateinischer Schrift</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1625"><lem>Leclair</lem><note>mit Bleistift geschrieben</note></app></listApp></back></text></TEI>