<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0"><teiHeader><fileDesc><titleStmt><title>Forschungsgrundlagen Hans Vaihinger</title><editor>Jörn Bohr</editor><editor>Gerald Hartung</editor><respStmt><orgName>Bülow &amp; Schlupkothen XML services</orgName><resp>software development</resp></respStmt></titleStmt><publicationStmt><publisher>University of Wuppertal</publisher><idno type="URI">urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001242-4</idno></publicationStmt><sourceDesc><bibl><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Houston Stewart Chamberlain</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>5.5.1916</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Richard Wagner Museum (Bayreuth), Chamberlain-Nachlass, Rot 196/466</bibl></bibl></sourceDesc></fileDesc><profileDesc><correspDesc key="1242" ref="urn:nbn:de:hbz:468-edhv2025-001242-4"><correspAction type="sent"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118625810">Hans Vaihinger</persName><placeName>Halle (Saale)</placeName><date when="1916-05-05">5.5.1916</date></correspAction><correspAction type="received"><persName ref="https://d-nb.info/gnd/118675508">Houston Stewart Chamberlain</persName></correspAction><note type="mentioned"><name ref="https://d-nb.info/gnd/116791330">Erich Heyfelder</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/142640115">Everhard von Groote</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118540238">Johann Wolfgang von Goethe</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/118559796">Immanuel Kant</name><name ref="https://d-nb.info/gnd/116703652">Konrad von Lange</name></note><note type="repository">Richard Wagner Museum (Bayreuth), Chamberlain-Nachlass, Rot 196/466</note></correspDesc></profileDesc></teiHeader><text><front><head><persName type="sent">Vaihinger</persName> an <persName type="received">Houston Stewart Chamberlain</persName>, <placeName type="sent">Halle</placeName>, <date>5.5.1916</date>, <note>2 S., Ts. mit eU, Briefkopf (Stempel) </note><quote type="rdg">Univ-Prof. Dr. Vaihinger | Halle a. S. | Reichardtstrasse 15.</quote>, <bibl type="pubPlace">Richard Wagner Museum (Bayreuth), Chamberlain-Nachlass, Rot 196/466</bibl></head></front><body><p>Diktat.</p><dateline>Halle <abbr>a. S.</abbr> Reichardtstr. 15.</dateline><dateline>5. Mai 1916.</dateline><p>Herrn H. St. Chamberlain, Bayreuth, Villa Wahnfried.</p><salute>Hochgeehrter Herr!</salute><p>Ihre <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1599"/>freundliche Antwort<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1599"/> auf <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1600"/>meine Zusendung vom 28. Januar<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1600"/> ermutigt mich, Ihnen heute einen kleinen Nachtrag zu meiner Philosophie des Als Ob in Form einer <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1601"/>Streitschrift<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1601"/> zu übersenden, welche mir durch einen höchst unnötigen Angriff abgenötigt worden ist. Die Streitschrift behandelt das uralte und doch ewig junge Thema des Gegensatzes der freien und der gebundenen Auffassung der Religion. Die <name>Kant</name>ische Als Ob-Betrachtung der Religion, welche auch Sie selbst in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1602"/>Ihrem <name>Kant</name>buch<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1602"/> vertreten, ist natürlich den Orthodoxen sehr zuwider, aber gegenüber solcher dogmatischer Gebundenheit muss immer wieder die echt <name>Kant</name>ische Lehre zum Ausdruck gebracht werden.</p><p>Dass diese echt <name>Kant</name>ische Lehre auch gleichzeitig die echt <name>Goethe</name>sche ist, ist den Kennern beider Männer bekannt. Von einer neuen Seite her zeigt dies aber die <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1603"/>Abhandlung von <name>Erich Heyfelder</name><anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1603"/><name/> (Privatdozent der Ästhetik an der Universität Tübingen, <abbr>z. Z.</abbr> Zürich, Hotel Simplon.) Auch zeigt der Genannte, dass diese Als Ob-Auffassung der Religion als einer bewussten Täuschung auch schon von einem wenig bekannten Vertreter der katholischen Romantik zu <name>Goethe</name>’s Zeit, von <name>Everhard von Groote</name> vertreten worden ist.</p><p>Im Auftrag des Verfassers, des Herrn <name>Erich Heyfelder</name>, beehre ich mich, Ihnen diese vor einem halben Jahre erschienene Abhandlung zu überreichen.</p><p>Gleichzeitig nehme ich mir die Freiheit, von mir aus eine andere <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1604"/>frühere Schrift desselben Verfassers<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1604"/> zu übersenden, in welcher er zeigt, dass schon Goethe die Illusionsästhetik vertreten hat, wie sie in <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1605"/><name>Konrad Lange</name>s „Wesen der Kunst“<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1605"/> dargestellt worden ist: danach beruht alle Kunst auf bewusster Selbsttäuschung, auf bewusster Illusion.</p><p>Die Ausführungen von <name>Erich Heyfelder</name> hierüber sind zwar etwas zu breit gehalten und verlieren sich teilweise in Nebenpunkte, aber er hat doch einige wesentliche Stellen von <name>Goethe</name> hierüber richtig erläutert.</p><p>So mögen diese beiden Abhandlungen von <name>Heyfelder</name> für eine neue Auflage <anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1606"/>Ihres <name>Goethe</name>buches<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1606"/> vielleicht von Wert sein, wie ich wünsche, dass meine Ausführungen über das Als Ob für Ihr <name>Kant</name>buch von einigem Gewicht sein könnten. <pb/></p><p>Sie haben freilich jetzt, wo Sie Ihre grosse politisch-<anchor type="delimiter" subtype="start" xml:id="ED-1607"/>literarische<anchor type="delimiter" subtype="end" corresp="#ED-1607"/> Tätigkeit noch immer so rege fortsetzen, keine Zeit, sich diesen Studien zu widmen, aber schliesslich muss der Krieg doch einmal ein Ende haben. Dann wird es Ihnen wieder möglich sein, Ihre alte wissenschaftliche Tätigkeit wieder aufzunehmen.</p><p>Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener</p><signed>Vaihinger</signed></body><back><listApp><app type="editorial" corresp="#ED-1599"><lem>freundliche Antwort</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Chamberlain an Vaihinger vom 9.2.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1600"><lem>meine Zusendung vom 28. Januar</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Chamberlain vom 28.1.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1601"><lem>Streitschrift</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob und das Kantische System gegenüber einem Erneuerer des Atheismusstreites. In: Kant-Studien 21 ([1916]/1917), S. 1–25. Sonderdruck u. d. T.: Der Atheismusstreit gegen die Philosophie des Als Ob und das Kantische System. Berlin: Reuther &amp; Reichard 1916.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1602"><lem>Ihrem <name>Kant</name>buch</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Chamberlain: Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk. München: Bruckmann 1905; 2. <abbr>Aufl.</abbr> 1909, 3. <abbr>Aufl.</abbr> 1916.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1603"><lem>Abhandlung von <name>Erich Heyfelder</name></lem><note><abbr>vgl.</abbr> Heyfelder: Goethe und Everhard von Groote als Philosoph. In: Kant-Studien 20 (1915), <abbr>S.</abbr> 384–402.</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1604"><lem>frühere Schrift desselben Verfassers</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Chamberlain vom 28.1.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1605"><lem><name>Konrad Lange</name>s „Wesen der Kunst“</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Chamberlain vom 28.1.1916</note></app><app type="editorial" corresp="#ED-1606"><lem>Ihres <name>Goethe</name>buches</lem><note><abbr>vgl.</abbr> Vaihinger an Chamberlain vom 28.1.1916</note></app><app type="philological" corresp="#ED-1607"><lem>literarische</lem><rdg>literarsiche</rdg></app></listApp></back></text></TEI>